Warum die Gemeinde der Ökonomen so gespalten ist

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Zukunft des Euro : „Die Schuldenbremse ist pervers“

Doch die Wirtschaftsärzte kommen oft zu völlig gegensätzlichen Antworten. Die einen sagen, raus aus dem Euro, die anderen wollen dabei bleiben. Sie sagen, fünf Prozent Lohnerhöhung in Deutschland seien jetzt das Richtige, andere Ökonomen sagen, das koste Millionen von Jobs.

Ärzte haben es da insofern leichter, weil sie viel mehr Studien darüber machen können, wie welche Therapie wirkt. Wir haben im Fall der Währungsunion nur einen einzigen Patienten, da gibt’s zwangsläufig unterschiedliche Einschätzungen.

Ist die Gemeinde der Ökonomen darum so gespalten wie die Kirchen?

Da gibt es tatsächlich Glaubensrichtungen. Für die einen ist der Markt das Gute und der Staat das Böse, und wie bei den Katholiken ist das Böse immer präsent und muss bekämpft werden ...

... die sogenannten Neoklassiker ....

… und für die andere Schule ist der Markt das Böse und der Staat das Gute. Ich mag diese Schwarz-Weiß-Sicht nicht.

Vor 2008 wurde Ihre Fraktion, die den Lehren des Ökonomen John Maynard Keynes folgt, nur noch belächelt. Dann demonstrierte die Finanzkrise, dass der entfesselte Markt zu Katastrophen führt. Für Ihre Reputation muss das bombig gewesen sein.

Bei meiner Berufung in den Rat 2004 nannte mich ein Journalist den „allerletzten Keynesianer“, das war als Schimpfwort gemeint. Nach Ausbruch der Krise haben alle Regierungen von den USA bis nach China auf staatliche Konjunkturprogramme gesetzt und so eine Depression wie in den 30ern verhindert. Plötzlich fanden dann auch alle Ökonomen den keynesianischen Ansatz richtig. Verrückt ist nur: Jetzt ist das alles wieder vergessen, und es werden die völlig falschen Konsequenzen gezogen.

Die Regeln für die Finanzmärkte zu verschärfen ist doch wohl richtig.

Sicher, aber zum Beispiel die Schuldenbremse ist eine völlig perverse Reaktion. Da schreibt jetzt die Verfassung vor, dass der Staat keine neuen Schulden mehr machen darf, auch wenn er damit dringend benötigte Investitionen finanziert. Die Akteure an den Finanzmärkten haben nun wirklich demonstriert, dass sie das viele ihnen anvertraute Geld nicht sinnvoll anlegen können. Also wäre es nur vernünftig, dass der Staat die Sparvermögen der Bürger einsetzt, um etwa die Energienetze auszubauen oder die überlasteten Universitäten zu modernisieren. Aber nein, diesen Weg verbauen wir jetzt in ganz Europa per Verfassungsrecht.

Das zeigt, wie schwach Ihre Fraktion ist. Im Rat der fünf Wirtschaftsweisen sind Sie ja auch nur, weil die Gewerkschaften das Vorschlagsrecht für eines der Mitglieder haben. Die anderen vier zählen eher zu den Marktgläubigen. Sind Sie nur ein Feigenblatt?

Nein, wir arbeiten da sehr kollegial zusammen. In wichtigen Punkten finden wir auch gemeinsame Standpunkte, das zeigt ja der Vorschlag zum Schuldentilgungspakt.

Sie wären ja fast mal Bundesbankpräsident geworden und würden dann heute im Rat der EZB sitzen. 2004 hat Gerhard Schröder Sie für den Posten vorgeschlagen …

… aber sein Finanzminister Hans Eichel hat das verhindert.

Was hatte Eichel gegen Sie?

Der Punkt war wohl, dass der heutige EZB-Direktor Jörg Asmussen, der bei Eichel einflussreicher Abteilungsleiter für Finanzmarktpolitik war, seinen Ausbilder Axel Weber durchsetzen wollte.

Da hat sich ein Abteilungsleiter gegen den Kanzler durchgesetzt?

Ich saß schon mit Schröder beim Rotwein abends im Kanzlerbüro, als Eichel mit Rücktritt drohte, und Schröder sagte, dann geht’s eben nicht.

Haben Sie später mal mit Eichel gesprochen?

Ach je, es hat keinen Sinn mit dem Schicksal zu hadern. Ich hatte ja einen interessanten Job. Der andere Posten wäre sicher spannender gewesen, dafür bin ich jetzt entspannter. Insofern bin ich mir nicht sicher, ob Herr Eichel nun mein Feind war oder vielleicht mein größter Wohltäter.

— Am 16.5. diskutiert Peter Bofinger mit Sahra Wagenknecht über die Zukunft des Euro: um 19.30 Uhr in der HWR, Badensche Str. 51–52, Haus B.