60 Jahre "Debüt im Deutschlandfunk Kultur" : Messe der Meister von Morgen

Ein Interview mit Christine Anderson, die seit 11 Jahren die Debüt-Konzertreihe leitet, über die Förderung von jungen Klassikkünstlerin in Berlin.

Christine Anderson leitet seit 2008 das "Debüt im Deutschlandfunk Kultur"
Christine Anderson leitet seit 2008 das "Debüt im Deutschlandfunk Kultur"Foto: Deutschlandradio/Bettina Straub

Frau Anderson, die 1959 unter dem Titel „Rias stellt vor“ gestartete Konzertreihe ist legendär. Spätere Weltstars wie Daniel Barenboim, Jessye Norman, Simon Rattle oder Jewgenij Kissin hatten hier ihren ersten Berlin-Aufritt. Seit 11 Jahren leiten Sie das „Debüt im Deutschlandfunk Kultur“, wie das Format mittlerweile heißt. Wie finden Sie Ihre Debütanten?

Ich reise viel zu Wettbewerben, um die jungen Musiker live zu erleben. Dabei vertraue ich in erster Linie meinem Ohr und weniger den Preisrichtern. Wenn mir der Zweitplatzierte oder ein Finalist interessanter erscheint, engagiere ich den. Bei Wettbewerben sind die Gewinner oft Konsenskandidaten, weil sich die Jury ja irgendwie einigen muss. Künstler mit einem sehr persönlichen Ansatz schaffen das seltener. Die aber berühren mich als Hörerin oft mehr. Außerdem vertraue ich auch meinen „Informanten“, unter anderem beim Young Generation-Artists-Programm der BBC oder bei der New Yorker Reihe „Young Concert Artists“. Und es kommen natürlich auch Vertreter der Künstleragenturen zu mir.

Was ist wichtig beim Talent-Scouting?

Den richtigen Moment für ein Debüt zu finden. Wenn sich die jungen Künstler von ihren Lehrern abgenabelt haben - oder die Wunderkinder von ihren Eltern - kommt normalerweise eine Phase des Zweifelns, bevor sie dann wieder mutig werden und anfangen, Sachen auf ihre eigene Art auszuprobieren. Dann sind sie reif für einen Auftritt bei uns.

Wie haben Sie das Programm des Jubiläumskonzerts konzipiert?

Damit der Abend mehr wird als ein Schaulaufen der bekannten Namen, habe ich mit Alexander Steinbeis, dem Orchesterdirektor des Deutschen Symphonie-Orchesters, die Idee entwickelt, jeweils zwei oder drei Solisten zusammenzuspannen. Außerdem war es uns wichtig, Debütanten aus mehreren Generationen einzuladen. Und auch bei den Dirigenten wird es ein Duo geben: Andrew Litton und Lawrence Foster, die bei uns 1986 respektive 1971 debütiert haben.

Von Anbeginn war das DSO der orchestrale Partner der Konzertreihe. Zum 50. Jubiläum erinnerte sich der Cellist Andreas Lichtschlag, dass die jungen Dirigenten manchmal überfordert sind mit der Begleitung der Solisten.

Das passiert sehr selten, aber im Zweifelsfall muss das Orchester dann auch mal mithelfen. Besonders, wenn Solist und Dirigenten unterschiedliche Vorstellungen haben über interpretatorische Akzente. Es ist in der Tat schwer, diese Profis, die teilweise seit Jahrzehnten im Orchester spielen, zu begeistern. Wenn Musiker mir in der Pause sagen, dass es ihnen mit diesem oder jenem Debütanten Spaß macht, freue ich mich besonders. Die jungen Dirigenten kommen extrem gut vorbereitet, denn sie dürfen sich ihre Werke ja selbst er aussuchen. Allerdings ist nicht jeder schon menschlich so reif, psychologisch so versiert, dass er es schafft, mit dem Orchester in einer Art zu kommunizieren, dass sich die Musikerinnen und Musiker gemeint fühlen, aber nicht kritisiert. Ob die Chemie stimmt, entscheidet sich blitzschnell.

Santtu-Matias Rouvali trat 2014 in der Debüt-Reihe auf, wurde dann erneut vom DSO eingeladen und dirigierte im September die Berliner Philharmoniker.
Santtu-Matias Rouvali trat 2014 in der Debüt-Reihe auf, wurde dann erneut vom DSO eingeladen und dirigierte im September die...Foto: Kaapo Kamu

Wie viel Zeit haben die Künstler, die sich ja gegenseitig zumeist gar nicht kennen, um interpretatorisch auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen?

Die Bedingungen für unsere Debütanten sind absolut realistisch, also ebenso knallhart wie im normalen Orchesteralltag. Dirigent und Solist haben ein kurzes Meeting, um sich abzusprechen. Nach einer Probe muss das Stück sitzen, dann folgt nur noch die Generalprobe. Hilfreich ist, dass Solisten und Dirigent jeweils zusammen vor dem Konzert ein Interview bei Deutschlandfunk Kultur geben. Im Studio sollen die Debütanten dann nicht nur über sich sprechen, sondern auch zuhören, was die anderen zu den Stücken sagen. Dabei erfahren sie einiges über deren persönliche Sicht auf die Werke, das bei der Probe hilfreich sein kann. Wenn alles gut läuft, entstehen im Konzert dann magische Momente.

Es fällt auf, dass immer viele Schülerinnen und Schüler in der Philharmonie sitzen.

Ja, wir haben pro Abend rund 300 Jugendliche im Saal, die nur fünf Euro Eintritt zahlen, denn zu der Konzertreihe gehört ein großes Educationprojekt. Alle weiterführenden Schulen in Berlin und Potsdam werden angeschrieben, und es gibt für die Jugendlichen die unterschiedlichsten Möglichkeiten, sich auf den Konzertbesuch vorzubereiten. Zum Beispiel einen der Solisten zu sich in die Schule einzuladen. Oder sie machen ihren eigenen Radio-Beitrag: Dafür bekommen die Gruppen Aufnahmegeräte in die Hand gedrückt und ziehen los, müssen selbst ihre Gesprächspartner finden und ein Manuskript schreiben, das ich dann redigiere. Für all das haben sie mehrere Wochen Zeit. Schließlich gehen sie ins Studio, bekommen von mir ein kleines Sprechtraining und dann wird aufgenommen. Die Jugendlichen wundern sich, wie aufwendig es ist, Radio zu machen. Aber es macht ihnen immer Spaß.

Das Gespräch führte Frederik Hanssen. Das Jubiläumskonzert am 28.10. ist ausverkauft. Deutschlandfunk Kultur sendet einen Mitschnitt am 3. November ab 20 Uhr.

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Christine Anderson hat ihre Dissertation über den italienischen Avantgardekomponisten Franco Evangelisti geschrieben und kam als Spezialistin für zeitgenössische Musik zum Deutschlandradio. Hier moderierte und konzipierte sie Sendungen zu unterschiedlichsten Themen, bevor sie 2008 als Nachfolgerin von Jean Cuillerier die Leitung der Reihe „Debüt im Deutschlandfunk Kultur“ übernahm.

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