80 Jahre „Anschluss“ Österreichs : Wien, nicht nur du allein

Vor 80 Jahren erfolgte Österreichs „Anschluss“ ans NS-Reich. Mit Nachwirkungen bis heute, wovon auch Literatur und Theater erzählen.

Vor dem Morden. Hitler grüßt in Wien die begeisterte Menge, neben ihm sitzt der österreichische NS-Chef Seyß-Inquart.
Vor dem Morden. Hitler grüßt in Wien die begeisterte Menge, neben ihm sitzt der österreichische NS-Chef Seyß-Inquart.Foto: Votava/dpa

Es gibt zahlreiche Bilder, die den Schrecken der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zwischen 1933 und ’45 bezeugen. Das Morden und Sterben. Nie aber haben Fotografien zuvor und wohl kaum einmal danach so ungeheuerlich das festgehalten, was vor dem Mord kommt – und was nicht die verbrämende Banalität des Bösen zeigt, sondern die offene, öffentliche Bereitschaft zum Bösen.

Diese Bilder stammen aus Wien und wurden im März 1938 gemacht, vor jetzt 80 Jahren. Wir zeigen sie hier nicht, sie sind berüchtigt und bekannt: Scharen von Männern und Frauen, auch Alten, die auf ihren Knien mit winzigen Bürsten, manchmal gar Zahnbürsten das Pflaster schrubben müssen. Als Erniedrigte, kommandiert von oft sehr jungen Männern, mitunter Schuljungen in Knickerbockerhosen, manche mit Hakenkreuzbinden. Das geschieht mitten in der Metropole der einstigen Donaumonarchie, nicht schattenhaft hinter fernen Frontlinien, und es wird beobachtet von Tausenden Gaffern. Viele lachen, viele Kinder, damit sie’s besser sehen können gleich in der vordersten Reihe, in der die Nachdrängenden wie Fans an Roten Teppichen zurückgehalten werden.

Kurz vor dem Massenmord ist die Demütigung und Misshandlung der am Boden knienden jüdischen Mitbürger Wiens eine allgemeine Lustbarkeit. „Reibpartie“ hieß die Gaudi. Unter anfeuernder Teilnahme der nichtjüdischen Mehrheit. Keine einzelnen Sadisten, nein, da feiert der entfesselte Mittelstand.

Hitlers Druck auf sein Geburtsland wuchs

Seit Hitlers Machtergreifung in Deutschland waren auch in Österreich die Nationalsozialisten immer stärker geworden. 1934 hatten sie gegen den Kanzler des autoritären „Ständestaats“ Engelbert Dollfuß geputscht und ihn bei einem Attentat tödlich verletzt. Die NS-Partei war offiziell verboten, doch Hitlers Druck auf sein Geburtsland wuchs. Schon in „Mein Kampf“ hatte er von einer „Wiedervereinigung“ zwischen Deutschland und Österreich gesprochen, musste dieses Ziel aber mit Rücksicht auf seinen italienischen Duce-Freund Mussolini zunächst zurückstellen. Italien war nach dem Weltkriegsende 1918 und dem Zerfall der Habsburger Monarchie in den Besitz von Südtirol gelangt, und Mussolini fürchtete, dass die Bevölkerung dort ihren Eintritt in ein großdeutsches Reich gefordert hätte.

Innenminister Sobotka, Kanzler Kurz, Kulturminister Blümel, die Künstlerin Susan Philipsz und der Präsident Alexander van der Bellen gedenken dem "Anschluss" Österreichs.
Innenminister Sobotka, Kanzler Kurz, Kulturminister Blümel, die Künstlerin Susan Philipsz und der Präsident Alexander van der...Foto: AFP PHOTO / JOE KLAMAR

Erst als Hitler den Faschisten in Rom einen Verzicht auf Südtirol zugesichert hatte, als Italien seit dem grausamen, unrühmlichen Abessinien-Feldzug in den Jahren 1935/36 außenpolitisch geschwächt war, als die deutsche Wiederaufrüstung florierte, England interventionsunwillig und Frankreich wegen innerer Krisen handlungsunfähig erschien, bereiteten Hitler und ganz maßgeblich Göring ab Herbst 1937 eine militärische Annexion Österreichs vor. Am 12. Februar 1938 empfing Hitler den Dollfuß-Nachfolger Kurt Schuschnigg zu einem Gespräch auf seinem Berghof am Obersalzberg, nahe der Grenze zum Salzburgischen. Während Österreichs Regierungschef den übermächtigen Berliner Kollegen immer korrekt als „Herr Reichskanzler“ ansprach, war er für Hitler nur der „Herr Schuschnigg“. Als „Führer“ aller Deutschen, zu denen selbst für Schuschnigg auch die Deutschösterreicher zählten, stellte Hitler ein Ultimatum, das die Übergabe der faktischen Macht in Wien an seinen dortigen NS-Stellvertreter Arthur Seyß-Inquart bedeuten sollte.

„Wiedervereinigung“ zweier Staaten, die vorher nie vereint waren

Schuschnigg willigte ein – unter Hitlers Drohung, ansonsten die Wehrmacht einmarschieren zu lassen. Im Übrigen könne er, Hitler, auch das Volk zwischen ihm und Herrn Schuschnigg wählen lassen, und da wüssten sie doch beide, wer dann gewinne. Als Schuschnigg hernach zwar Seyß-Inquart zu seinem Innenminister machte, aber am 9. März 1938 über den Rundfunk eine eigene Volksabstimmung über die Unabhängigkeit Österreichs für den 13. März ankündigte, entschied Berlin zu handeln.

Eine dramatische Groteske der Geschichte. Am 9. März wurde Kurt Schuschnigg nach seiner Rundfunkrede als Kanzler der österreichischen Einheit noch öffentlich gefeiert, zwischen Wien und Innsbruck wehten die Nationalfarben Rot-Weiß. Und nur drei Tage später kam zu diesen Farben das Hakenkreuz hinzu. Auf Druck aus Berlin, um einen, wie er fürchtete, blutigen „Bürgerkrieg“ zu verhindern, setzte Schuschnigg sein Bundesheer außer Gefechtbereitschaft und trat zurück. Statt der geplanten Volksabstimmung fand heute vor 80 Jahren die Unterzeichnung eines Gesetzes zur „Wiedervereinigung“ der beiden Staaten statt, die zuvor historisch noch nie vereint gewesen waren.

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