„African Mirror“ im Berlinale-Forum : Traum von den Tropen

Imagination eines Kontinents: die Doku „African Mirror“ über den Schweizer Filmemacher und Reiseschriftsteller René Gardi.

Szene aus Mischa Hedingers "African Mirror".
Szene aus Mischa Hedingers "African Mirror".Foto: ton und bild GmbH / Berlinle

Wie Aliens wirken die schlanken, dunklen Gestalten auf einem Fels in der Ferne, verwaschene Bilder, graugrün, graublau. Aus dem Off raunt ein Sprecher: „Menschen, die uns betrachteten, die verschwanden, sobald man hinschaute.“ Genial gewählt ist die Sequenz aus den Bergen von Kamerun als Einstieg zu „African Mirror“, dem fulminanten Dokumentarfilm von Mischa Hedinger über René Gardi, Jahrgang 1909, eine Art Bernhard Grzimek der Schweiz.

Grzimek war es um wilde Tiere gegangen, Gardi um edle Wilde. Ab 1948 bis zum Jahr 2000, kurz vor seinem Tod, zeigte er den Eidgenossen im Fernsehen, was er in Afrika sah – oder was verschwand, während er hinsah: „Der misstrauische Fremde, der nicht näherkommen will.“ Am kolonialen Reiz des Fremden hatte die Schweiz nur als Zaungast teil, und Gardi gestand: „Manchmal wünschte ich, wir Schweizer hätten auch irgendeine Kolonie in den Tropen.“

Afrikaszenen und Bürowelt im Kontrast

In seinem „Traumland Afrika“ filmte Gardi Alltag und Feste, „Singsang, allerlei Zauber, Blutopfer“. Trägerkolonnen schleppten seine Ausrüstung, französischen Kolonialbeamten half der Schweizer beim Ausheben von Steuern, Frauen, die Wasserkrüge trugen, steckte er „ein Fünfernötli“ zu, um „in Ruhe“ zu filmen. Zivilisationskritisch kontrastierte Gardi Afrikaszenen mit der westlichen Büro- und Industriewelt und wollte am liebsten um das afrikanische Terrain der Tradition einen Zaun wissen, der „alles Böse aus Europa“ fernhält – frappierende Spiegelung der aktuellen Fantasie von einem Zaun, der Afrikaner aus Europa fernhält.

Hedinger nutzt durchweg unkommentiert Gardis Material, Filmausschnitte, Fotografien, Tagebuchpassagen, was das Herstellen „exotischer“ Dokumentationen reflektieren lässt. Wie Weiße von Schwarzen sprachen, ob idealisierend oder kritisierend, das klingt bis in heutige, postkoloniale Diskurse nach. „African Mirror“ macht bewusst, dass europäische Diskurse noch immer von einem imaginären Afrika handeln, auf der Leinwand der Weißen.

10.2., 20 Uhr (silent green, plus Diskussion mit dem Regisseur, Caroline Fetscher und Dorothee Wenner), 12. 2., 11 Uhr (Cinestar 8), 15. 2., 19.30 Uhr (Cinemaxx 4)

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