Albrecht Schönes „Erinnerungen“ : Narben des Jahrhunderts

Deutsches Panorama des 20. Jahrhunderts: Der Goethe-Forscher Albrecht Schöne schreibt über sein Germanistenleben. 

Maximilian Mengeringhaus
Goethe-Forscher und Träger des Ordens Pour le Mérite: der Germanist Albrecht Schöne.
Goethe-Forscher und Träger des Ordens Pour le Mérite: der Germanist Albrecht Schöne.Foto: Wallstein Verlag

Als der Sohn ihn im Strandurlaub auf die vielen Narben anspricht, zählt der Vater über vierzig, die seinen Körper verunzieren. „Fast ließe sich meine Lebensgeschichte anhand dieser Narben abhandeln“, bemerkt der Germanist Albrecht Schöne in seinen „Erinnerungen“. 

Von frühkindlichen Mittelohroperationen und einem milzkapselzerreißenden Pferdetritt weiß er zu berichten, von einem Schäferhundbiss ins Gesäß und vom Krieg, der Spuren nicht nur körperlicher Art hinterließ. Doch will Schöne diese Narben als „Überlebens- und Verheilungszeichen“ begreifen. 

Vor wenigen Jahren erst begann der über seine Fachgrenzen hinaus bekannte Goethe-Forscher und Träger des Ordens Pour le Mérite mit der Niederschrift.

Als Freiwilliger in den Krieg

Bestimmt waren sie ursprünglich nur für seine Enkel. Dass sie nun einem größeren Publikum zuteilwerden, ist ein Glücksfall. Entlang von Schönes Biografie entfaltet sich ein deutsches Panorama des 20. Jahrhunderts. Geboren ist Albrecht Schöne, der am 17. Juli seinen 95. Geburtstag feiert, 1925 im sachsen-anhaltinischen Barby. 

Er wächst in Naumburg und Stendal in altlutherisch-bildungsbürgerlichem Umfeld heran. Noch als 17-Jähriger meldet er sich kriegsfreiwillig und erteilt im Rang eines Leutnants der 3. Panzerdivision zuletzt selbst Befehle.

Die Zeit vor allem seiner Adoleszenz zeichnet Schöne offenherziger nach, als viele seiner literaturwissenschaftlichen Generationsgenossen. Er verschweigt seine Rolle als Fähnleinführer im Deutschen Jungvolk ebenso wenig, wie er weiß, dass die eigene Schuldverstrickung durch eine einzige folgenschwere Entscheidung wie den Beitritt zur Waffen-SS weitaus tiefer hätte sein können. 

Den Zweiten Weltkrieg überlebt er mehrfach verwundet, arbeitet im Sauerland als Holzfäller, bevor 1947 die Studienjahre beginnen.

[Jetzt noch mehr wissen: Mit Tagesspiegel Plus können Sie viele weitere spannende Geschichten, Service- und Hintergrundberichte lesen. 30 Tage kostenlos ausprobieren: Hier erfahren Sie mehr und hier kommen Sie direkt zu allen Artikeln.]

Schöne promoviert und habilitiert sich in Münster und wird 1960 auf eine ordentliche Professur in Göttingen berufen, wo er sich 1990 schließlich auch emeritieren lässt. 

Rufe an andere Universitäten schlägt er aus, verfasst stattdessen grundlegende Monografien zur barocken Emblematik, zum Göttinger Aufklärer Lichtenberg und beginnt die Arbeit an seinem maßgeblichen „Faust“-Kommentar.

Die politischen Entwicklungen erläutert Schöne in teils brillanter Raffung, verkennt zuweilen nur den Voraussetzungsreichtum seiner Darstellung. Die Bebilderung mit einer frühen Studioaufnahme Hitlers oder die in aufklärerischer Absicht zusammengestellte Kompilation von „Mein Kampf“-Zitaten in einer Fußnote wirken befremdlich; manche Wortverwendung ist schlecht gealtert. 

Anderes scheint ausschließlich für die Familie von Interesse. Über weite Strecken aber erzählt er im Bewusstsein jener philologischen Akkuratesse, die seinen Ruhm mitbegründete. Beistand bieten zig Seitenblicke auf die Literatur: Alleine im Rahmen der Zueignung wird ein Reigen von Platon über Pilatus zu Kafka und Thomas Mann zitiert. 

Germanistik verhinderte die NS-Aufarbeitung

Ein „Arzneimittel“ gegen Geschichtsvergessenheit nennt Schöne die Literatur, sie ist die Kunst von den unzählbaren Möglichkeiten des Menschen. In die etatmäßigen Abgesänge auf die Germanistik würde er niemals einstimmen, aller Entwertung des Studiums durch die Bologna-Reform zum Trotz.

Den Blick auf die Missstände der Nachkriegsjahre verstellt das nicht. Die Germanistik tat zunächst nicht nur nichts für die Aufarbeitung ihrer Korruption im „Dritten Reich“, sie verhinderte sie teils aktiv. 

Zwar werden die NS-Affiliationen von Leitfiguren wie Benno von Wiese und Wolfgang Kayser gestreift. Dass hingegen seit dem Münchner Germanistentag 1966 überhaupt erst die Verbrechensbeteiligung rekapituliert wird, ist nicht zuletzt Schönes Verdienst. Umso unerklärlicher lesen sich die Anfeindungen rabulistischer 68er, mit denen sich Schöne konfrontiert sah. 

Doch sie blieben eine Episode. Gastprofessuren führten ihn nach Israel, Japan oder Polen. Der zweite Teil der Erinnerungen ist geprägt vom Glück der Begegnung mit inspirierenden Menschen, Glück mit der Familie und mit Freunden. In allen Facetten hat es Albrecht Schöne über seine Narben hinweggeholfen. 
[Albrecht Schöne: Erinnerungen. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 334 Seiten, 28 €.]

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!