Algerisches Kino im Arsenal : Gefängnis unter Palmen

Das Kino Arsenal zeigt in der Filmreihe „The Past in the Present“ die nächste Generation des algerischen Kinos.

Katrin Doerksen
Utopie der Freiheit: eine Tanzszene aus Karim Moussaouis Episodenfilm „En Attendant les Hirondelles“.
Utopie der Freiheit: eine Tanzszene aus Karim Moussaouis Episodenfilm „En Attendant les Hirondelles“.Foto: Arsenal Institut

Ein Furz hat in „Bloody Beans“ Folgen. Jeden Tag gebe es nichts anderes als Bohnen zu essen, beschweren sich die Kinder, die eben noch in der Sonne dösten. Narimane Mari lässt sie in ihrem Film die Ereignisse des Jahres 1962 nachspielen: das Ende des Unabhängigkeitskriegs zwischen Frankreich und Algerien. Mit den einfachsten Mitteln stellen sie Kriegshandlungen dar, mit Schattenspielen oder lediglich mit Geräuschen, alles spielt sich am Strand ab. Am Ende nehmen die Kinder einen französischen Soldaten gefangen und überlegen, was die schlimmste Folter wäre. Alsbald fällt die Entscheidung: Er muss Bohnen essen.

Das algerische Kino ist von Deutschland aus kaum wahrnehmbar. „Schlacht um Algier“ fällt einem ein, aber der Regisseur war Italiener. Vielleicht noch Rachid Bouchareb, aber der ist Franzose mit algerischen Wurzeln. Dabei ist „Bloody Beans“ nur einer von vielen algerischen Filmen, die in den vergangenen Jahren auf Festivals präsent waren. Eine neue Generation von Filmemachern hat sich formiert, geboren in den achtziger Jahren, aufgewachsen zur Zeit des Bürgerkriegs. Zwischen 1991 und 2001 fielen bis zu 200 000 Menschen Kämpfen zwischen Militär und islamistischen Gruppen zum Opfer. Heute herrscht in Algerien Stillstand. Ein junger Mann spricht in Djamel Kerkars Dokumentarfilm „Atlal“ aus, was die meisten denken: Das Leben in seinem Dorf fühle sich noch immer an wie zur Zeit des Terrorismus. Ohne Strom, ohne Wasser, ohne Perspektive. Geld fließt an die, die eh schon welches haben. Abd al-Aziz Bouteflika klammert sich ans Präsidentenamt, obwohl er über 80 ist.

Das algerische Kino hinterfragt das Erbe der Kolonialzeit

Die Filmemacher, die in der Reihe „The Past in the Present“ im Kino Arsenal vertreten sind, brechen gesellschaftliche Tabus allein, indem sie das Erbe der Kolonialzeit diskutieren und den gegenwärtigen Zustand ihres Landes hinterfragen. In einer Gesellschaft, die sich eigentlich nicht erinnern will, drehen sie Filme, die verschlungene Pfade beschreiten, um auf Umwegen doch noch einen Diskurs zu entfachen.

Zum Beispiel in „Bla Cinima“: Vor einem frisch renovierten Filmtheater in Algier sucht Lamine Ammar-Khodja das Gespräch mit den Passanten. Er will wissen, was das Kino ihnen bedeutet, doch fast nie entwickelt sich daraus ein Gespräch über Filme. Auch Frauen wagen sich selten vor die Kamera und wenn, soll der Regisseur ihre Gesichter nicht zeigen. Sie fühlen sich nicht frei zu sprechen. Stattdessen erzählen Obdachlose ihre Geschichte, vor allem die Alten reden offen. Sie kämen zurecht, nur die Jungen stünden vor dem Nichts. „Wir haben angefangen, übers Kino zu reden und sind ganz woanders angekommen,“ wundert sich ein Mann nach seinem Monolog und trifft damit den Nagel auf den Kopf. „Bla Cinima“ lässt erahnen, welche Bedeutung das Kino in der Gesellschaft haben könnte.

Die Menschen befinden sich im Transit

Wie schwierig solche Visionen umzusetzen sind, zeigt „Le Jardin d'Essai“ von Dania Reymond. Ein Märchen über eine im Krieg eingekesselte Stadt soll verfilmt werden, den Bewohnern bleibt nur Suizid oder Flucht. Doch der Dreh verschiebt sich, im zu Kolonialzeiten angelegten Stadtpark proben sie weiter, wiederholen unter tropischen Bäumen ihre Szenen. Irgendwann fühlt sich diese Oase wie ein Gefängnis an: sie lädt ein, sich einzurichten, nur draußen ändert sich nichts.

Ein Hauch von Wandel liegt immerhin in Karim Moussaouis „En Attendant les Hirondelles“ in der Luft, der letztes Jahr in Cannes lief. Der Film mäandert zwischen drei lose verknüpften Episoden umher, erzählt von Figuren, die sich ständig im Transit befinden, sich durch ein Vakuum bewegen. Ihre Vergangenheit bleibt ebenso vage wie ihre Motive und die Konsequenzen aus ihrem Handeln. Aber wo etwas offen bleibt, ist ein positives Ende nicht ausgeschlossen. Als sich eine junge Frau selbstvergessen auf einer leeren Tanzfläche zur Musik bewegt, löst sich die Lethargie endlich für einen kurzen Augenblick.

Vom 3. bis 6. Mai im Kino Arsenal

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