Herdentrieb, Hirtenkultur, Schafskrimis - und im Kino: "Shaun das Schaf"

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Alles über Schafe und Lämmer : Schafe zählen
Inbegriff der pastoralen Idylle, der Sanftmut. Lämmer auf deutschen Wiesen und Weiden.
Inbegriff der pastoralen Idylle, der Sanftmut. Lämmer auf deutschen Wiesen und Weiden.Foto: picture alliance / dpa/R. Weihrauch

Kein Zufall, dass Haruki Murakami seinen surrealen, mystischen Alten aus der Parallelwelt der (Alb-)Träume in seinem erotischen Thriller „Tanz mit dem Schafsmann“ ebenfalls der Gattung der Ovis gmelini aries zuordnete. Woody Allen ergründete in seiner wahnwitzigen Siebzigerjahre-Komödie „Was sie schon immer über Sex wissen wollten ...“ am Beispiel des Schafs sogar die himmlischen Geheimnisse der Liebe. Das Tier heißt Daisy, Doktor Ross verliebt sich auf der Stelle, als ein liebeskummergeplagter armenischer Schäfer mit Daisy in seiner Praxis auftaucht. So viel Glück und Frieden habe er bislang noch nie erlebt, schwärmt der Doktor beim Schäferstündchen im Hotelzimmer.

Merinowolle, Agnus Dei und Nachhaltigkeit: Eckhard Fuhrs Porträt der "Schafe"

Zehntausend hauchfeine Haare auf einem Quadratzentimeter, weicher geht’s nicht. Die Wolle des Merinoschafs ist die Zärtlichkeit auf Erden. Solche und andere Details über die puschelige Spezies finden sich im jüngsten der exquisiten „Naturkunden“-Bändchen von Matthes & Seitz („Schafe“, 136 S., 18 €). Eckhard Fuhrs Schafsporträt entführt den Leser auf die Aue neben Caspar David Friedrichs „Einsamen Baum“, erkundet Herdentrieb, Hirtenkultur und Wanderschäferei, Hütehunde und Wolfsgefahr. Der Journalist und Hobbyjäger Fuhr verweist auf die Schafsdärme der Nürnberger Bratwürste und der Saiteninstrumente der Berliner Philharmoniker, entdeckt die Tiere auf zypriotischen Cent-Münzen und lehrt einen das Staunen über die weltweit verbreitete Gattung. Sie findet sich in sämtlichen Klimazonen, vom Mufflon über die gescheckten Navajo-Churros bis zur Heidschnucke und zum Rauhwolligen Pommerschen Landschaf. 500 bis 600 Hausschafrassen soll es geben.

Vor allem plädiert Fuhr für die Rückbesinnung auf traditionelle Landbewirtschaftung, für Respekt vor der Natur und Nachhaltigkeit. Biologischer Landbau, bewusster Konsum: „Es ist Zeit für eine grundlegende Agrarwende“, schreibt er. Auch ein 2009 gegründetes Schweizer Online-Magazin für Nachhaltigkeit trägt den Titel „Das Lamm“.

Wollig und frech: Shaun das Schaf im Kinofilm von 2015.
Wollig und frech: Shaun das Schaf im Kinofilm von 2015.Foto: StudioCanal/dpa

In diesen postindustriellen, spätkapitalistischen, von Ressourcen-Ausbeutung geprägten Zeiten wünscht sich der moderne Mensch zurück zur Natur. Schafe sind in Mode, sogar bestsellertauglich. 2005 erschien Leonie Swanns Debütroman „Glennkill“, ein Schafskrimi mit der klugen Miss Maple, dem Leitwidder Sir Ritchfield und dem Gedächtnisschaf Mopple unter den dramatis oves. Schauplatz Schottland: Der Schäfer liegt auf der Weide, die Schafe blöken „Gerechtigkeit“, ergründen den Homo sapiens und finden den Mörder. Das Buch verkaufte sich in Deutschland über 1,5 Millionen Mal und wurde in über 30 Sprachen übersetzt. Im Sequel „Garou“ unternehmen die Schafe, Brexit-Gegner avant la lettre, ihre Traumreise nach Festland-Europa und tun sich in Frankreich mit den nicht gerade gastfreundlichen Ziegen zusammen, um dem Werwolf auf die Schliche zu kommen. Migration, Interkulturalität, dem Schaf ist nichts Menschliches fremd.

Schafe sind nicht blöd, Lämmer nicht lammfromm und schon gar nicht belämmert, schwarze Schafe keine Außenseiter. Es ist an der Zeit, den Ressentiments in der Sprache höhere Wahrheiten entgegenzuhalten. In der Offenbarung des Johannes kann nur das mystische Lamm das Buch mit den sieben Siegeln knacken – ein Urahn von Shaun. Die Kinder lieben Shaun das Schaf, diesen cleveren, britischen TV-Serientäter, seit 2015 treibt es auch im Kino seine Späße. Shaun ist eins der kleinsten Tiere in der Bauernhof-Herde, also eigentlich ein Lamm, mit weißer Wolle, schwarzem Kopf, schwarzen Beine, im Fachjargon: ein schwarzköpfiges Fleischschaf. In Fuhrs Buch ist zu erfahren, dass die Züchtung im 19. Jahrhundert aus England nach Deutschland importiert und eingemeindet wurde, als eine der häufigsten Arten auf deutschen Wiesen bis heute.

Das Osterlamm aus Biskuit, mit möglichst viel Butter: Familientradition!
Das Osterlamm aus Biskuit, mit möglichst viel Butter: Familientradition!Foto: Imago

Shaun ist weniger ein Gerechtigkeitsfanatiker als ein Freiheitskämpfer. Shaun will Spaß und Slapstick, Kids mögen das Stop-Motion-Tier vor allem wegen der ulkigen Sprache und dem Schabernack, den es unentwegt ausheckt. Ein Primus inter pares, ein Anarcho mit Team- und Erfindungsgeist, der die Großstadt mit dem Landvirus infiziert und die Erniedrigten und Beleidigten aus dem Tierheim befreit. In jedem Schaf steckt ein Erlöser.

Eine der schönsten Bach-Arien: "Schafe können sicher weiden"

Shaun predigt auch die Feindesliebe. Auf die Dauer ist es besser, sich mit dem Leithammel, dem etwas tumben Bauern, zu arrangieren und sich gegen die bösen Tierquäler mit ihm zu verbünden. Schafe sind Ur-Demokraten. Von den Schafen lernen, heißt regieren lernen.

Eine der schönsten Arien von Johann Sebastian Bach findet sich in der Jagdkantate des Thomaskantors. „Schafe können sicher weiden/wo ein guter Hirte wacht“, singt der Sopran, die Blockflöten umschmeicheln die Melodie mit wohlig-wolligen Terzen und Sexten. Die nächsten Zeilen beschwören die Sehnsucht nach good governance: „Wo Regenten wohl regieren/kann man Ruh und Friede spüren/und was Länder glücklich macht“.

Die Welt, keine Frage, braucht mehr Schafslogik.

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