Andreas Mühe in der König Galerie : Deutsches Panoptikum

Deutsch, dunkel, romantisch: Der Fotograf Andreas Mühe hat in der Kreuzberger König Galerie ein krude-unheimliches Arrangement geschaffen.

Jens Müller

Helmut Kohl würde sich im Grabe umdrehen. Der verstorbene Kanzler und Ehrenbürger Europas galt ja nicht eben als tiefenentspannt, wenn er fand, dass einer ihm nicht den Respekt zollte, der ihm nach seinem Dafürhalten gebührte. Jetzt thront er in luftiger Höhe über der Ausstellung in der Galerie König („Helmut Kohl“, 2014, 17 000 €). Alle 68 Bilder von Andreas Mühe befinden sich in Petersburger Hängung an einer einzigen, 35 Meter langen Wand der St. Agnes-Kirche, schwarz gerahmt auf grauem Spritzbeton. Und Kohl ganz oben, mittig – nur eben nicht alleine. Links von ihm sein „Mädchen“, die als seine Nachfolgerin in der Kanzlerschaft nicht länger wohlgelittene Angela Merkel („Angela Merkel Portrait“, 2009, 17 000 €). Zwischen ihnen, sie auf Abstand haltend, hängt „Stephan I“ (2012, 21 000 Euro): blond und adrett gescheitelt, in grauer Uniform mit Hakenkreuz über der rechten Brusttasche und Ritterkreuz um den Hals.

Was will uns der Fotokünstler damit sagen? Seine Ausstellung heißt „Subversive Praktiken“, und eine allzu explizit vorgegebene – quasi-offiziöse – Lesart würde die Subversion möglicherweise schon konterkarieren. Vonseiten der Galerie gibt es aber immerhin den Tipp, Mühe habe mit der Schau auf den Rechtsruck in der Gesellschaft reagieren wollen. Ein toter Altkanzler, die amtierende Kanzlerin und dazu ein Darsteller in Nazikluft als Kommentar zu AfD und Pegida, Söder und Seehofer? Subtil ist das nicht – aber Subversion muss ja auch nicht subtil daherkommen.

Ohnehin scheint, wer Subtilität sucht, bei der Galerie König am falschen Ort zu sein. Mit den großartigen räumlichen Möglichkeiten von St. Agnes wird nicht gekleckert. Auf der Art Basel wartete König zuletzt mit einem Geldautomaten in original Berliner Mauer auf, Titel: „Statue of Liberty“. Subtil war auch dieses Werk von Elmgreen & Dragset nicht.

Die eigenen Mutter stellt Merkel dar

An der opulent-chaotischen Mühe-Wand nun begegnen einem die Nazis in vielfacher Ausführung, ob namenlos als „Hitlerjung“ (2011, 21000 €), „SSMann am Scharitzkehl“ (2011, 30 000 €), „Unbekannt 43 I“ (2012, 21 000 €) oder prominent als „Dönitz 43 I“ (2012, 21 000 €), „Keitel 44 I“ (2012, 21 000 Euro). Dazu „Thilo Sarrazin Büro“ (2009). Das passende Mobiliar steht bereit: „Terrasse des Berghofs 44“ (2012, 21 000 €). Für „Prora Sport“ (2004, 17 000 € – oder als T-Shirt für 35 €) hat Mühe drei blonde Leni-Riefenstahl-Modellathleten abgelichtet, ausschließlich analog übrigens, mit Großbildkamera, wie Norbert Bisky sie sonst malt.

Den Sarrazin versteht jeder, sofort – aber warum hängen da auch noch Richard von Weizsäcker in seinem Büro („Richard von Weizsäcker 2“, 2010, 17 000 €) und der frühere italienische Botschafter Emilio Puri Purini beim Empfang in seinen schicken Botschaftsräumen („Empfang Antonio Puri Purini, Italienische Botschaft“, 2009, 25 000 €)? Wie soll das zusammenpassen? Helmut Kohl taucht noch ein zweites Mal in der Schau auf – es ist ein bekanntes Bild, eines der letzten Kohl-Porträts, Kohl von hinten und im Rollstuhl, auf das in viel Kunstlicht bei Nacht erstrahlende Brandenburger Tor („Kohl am Tor“, 2014, 40 000 €). Kann so viel inszeniertes Pathos ernst gemeint sein? Kohl hat das mitgemacht; es dürfte ihn viel Anstrengung gekostet haben. Mühes offenbar hervorragende Kontakte in die Politik, zu CDU-Politikern zumal, reichen bis ins Amtszimmer der Kanzlerin („Ihr Büro“, 2009, 25 000 €). Da kriegt also einer die echte Merkel vor die Kamera. Und dann fertigt er einen Zyklus, in dem die eigene Mutter die Merkel darstellt („Uckermark“, 2013, 14 000 €)?

Der 1979 geborene Andreas Mühe ist der Sohn der Dramaturgin, Regisseurin und Theaterintendantin Annegret Hahn und des 2007 verstorbenen Schauspielers Ulrich Mühe („Vater I“, 2016, 33 000 Euro). Da liegt der Schluss von seiner Herkunft auf seine Freude an der Inszenierung mehr als nahe. Echte Häuser (Jagdhaus Honecker, 2016, 17 000 €) lässt er aussehen wie Kulissen. Er schwelgt in Geschichte und Kunstgeschichte: Steilküste, die Sonne spiegelt sich im Wasser, die Bäume berühren sich am oberen Bildrand, ein Mann lehnt – in diesem Fall nackt – an einem Baum und blickt aufs Meer. Und dann heißt das Bild auch noch „Kreidefelsen“ (2014, 40 000 €), wie jenes Hauptwerk der Romantik von Caspar David Friedrich.

Die dunkelsten Bilder sind nicht die düstersten

Deutsch, dunkel, romantisch – Mühe hat auch ein ikonisches Porträt des Rammstein-Sängers Till Lindemann fotografiert. Das Bild ist nicht Teil der Schau, aber es sind mehrere Rammstein-Mitglieder zur Eröffnung gekommen. Die plakativ-allegorischen Texte der Band, ihre pyrotechnisch aufgemotzten Bühnenshows, die Provokation mit der Nazi-Ästhetik haben die einen Kritiker durch ihre offensichtliche Plattheit zu vorschnellen Urteilen veranlasst und lässt die anderen bis heute ratlos zurück. Fast könnte man meinen, Andreas Mühe habe sich vorgenommen, das Erfolgsrezept der Band möglichst eins zu eins in die bildende Kunst zu übertragen. Zu den zahlreichen internationalen Rammstein-Fans zählt der Regisseur David Lynch, dessen Vorlieben für biedere Vorgärten („Blue Velvet“) und dunklen Wald („Twin Peaks“) Mühe teilt: „Egon vorm Haus“ (2007, 17 000 €; „Wald I, II, III“, 2016, je 33 000 €). Die Schau ist ihm so düster geraten, dass er die Galerie veranlasst hat, grellbunte Sitzbänke vor die Bilderwand zu stellen, als Gegengewicht.

Dabei sind die dunkelsten Bilder nicht einmal die düstersten. Eher sind es die, in denen die Neureichen in der Potsdamer Protzvilla unterm goldenen Kronleuchter Bürgerlichkeit zelebrieren oder das, was sie dafür halten („Potsdam 2010, Weihnachten bei Familie Sander“, 2010, 17 000 €): Vielleicht ist gerade diese Manifestation von geistig-moralischer Wende der unheimliche Höhepunkt in Andreas Mühes aus deutscher Gegenwart und Vergangenheit – überhaupt nicht subtil und mehr suggestiv als subversiv – zusammengewürfeltem Panoptikum des Schreckens. Und vielleicht würde Helmut Kohl sich doch nicht im Grabe umdrehen.

König Galerie, St. Agnes, Alexandrinenstr 118 – 121, bis 19. 8.; Di bis Sa 11 – 19 Uhr, So 12 – 18 Uhr.

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