Goethe nahm bei ihr den Schatten der Melancholie wahr

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Angelika Kauffmann in Wörlitz : Diese Königin der Kunst
Amor tröstet Psyche: Angelika Kauffmanns Meisterwerk von 1792.
Amor tröstet Psyche: Angelika Kauffmanns Meisterwerk von 1792.Foto: Kunsthaus Zürich

Eigentlich ist Angelika Kauffmanns Leben und Werk, anders als bei manchen späteren Schwestern im Künstlerinnengeist – ob Camille Claudel, Paula Modersohn-Becker oder Frida Kahlo – eine ganz ungebrochene Erfolgsgeschichte. Doch nicht nur Goethe hat bei seiner Freundin auf Augenhöhe auch den Schatten der Melancholie wahrgenommen.

Schon beim Entree der im Obergeschoss des (noch auf Jahre hinaus sonst wegen Sanierung geschlossenen) "Grauen Hauses" beginnenden Ausstellung begegnet man der leisen Schwermut vor allem vieler Frauengestalten. Kauffmann stellt sie sehr häufig mit leicht geneigtem, ins Profil gewendeten Kopf dar und fast immer nur mit dem berühmten Halblächeln, das seit „Mona Lisas“ Zeiten Porträts gerne in einer geheimnisvollen Schwebe hält. Bei Kauffmann, die natürlich Botticelli, Raffael und auch Rembrandt studiert hat, paart sich die weichzeichnende Empfindung mit dem beseelten Blick, selbst auf Körper. Ein Schmelz, der nur selten, wie bei einem halbnackten Blütenmädchen („Flora“) aus der Vorarlberger Sammlung, auch ins leicht Süßliche gleitet.

Weitere Leihgaben aus London, Wien und Berlin

Man erkennt den Barock und Klassizismus in der eigenen schwebenden Eleganz verbindenden Kauffmann-Touch sogleich bei einem Hauptwerk, „Amor und Psyche“, in dem eigentlich zwei feminine Körper, Gesichter, Seelen einander zu trösten scheinen. Das Meisterwerk von 1792, das hier ursprünglich im Schlafzimmer der Fürstin Louise hing (den Rahmen zimmerte der Kollege Tischbein persönlich), es wurde in den 1980er Jahren von Erben des Hauses Anhalt-Dessau in die Schweiz verkauft. Das wäre heute unter dem neuen Kulturgutschutzgesetz kaum noch möglich. Jetzt ist es vom Kunsthaus Zürich erstmals seit zehn Jahren wieder ausgeliehen worden.

Die in Zusammenarbeit auch mit dem Kauffmann-Museum im idyllischen Schwarzenberg im Bregenzer Wald zustande gekommen Schau kann darüber hinaus mit weiteren Leihgaben prunken: aus London, Wien, aus einer finnischen Sammlung oder auch der Berliner Gemäldegalerie mit ihrer berühmten, aus weiblicher Perspektive so unspekulativ keuschen „Bacchantin“. Zu den Raritäten gehören in einem eigenen Raum für Kauffmanns Illustrationen literarischer Stoffe etwa zwei Entwurfzeichnungen in Sepia zu Goethes auf der Italienreise geschriebenem „Egmont“. Oder man sieht von der 17-jährigen Angelika ihre frühreifen Ölporträts der Apostel Petrus und Paulus aus der Zeit, in der sie mit ihrem Vater Johann Joseph Kauffmann bereits die Kirche im heimatlichen Schwarzenberg/Vorarlberg mit Fresken ausgemalt hatte.

Was zudem nicht fehlt, ist Angelika Kauffmanns letztes Gemälde „Schwanengesang“ und „Maria Magdalena in der Wüste“, 1807 in Rom kurz vor ihrem Tod gemalt und jetzt erstmals ausgestellt. Diese Königin der Kunst spiegelt sich in der Heiligen Sünderin, mit einem hellsichtig verdunkelten Blick zum Himmel.

Bis 21. Oktober. Di – So von 10 – 17 Uhr, Kirchhof am Schloss Wörlitz. Der vorzügliche Katalog-Band „Angelika Kauffmann. Unbekannte Schätze“, erschienen im Hirmer Verlag München, kostet an der Kasse 29, 90 Euro (im Buchhandel 39, 90 Euro).

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