Die rückwärtsgewandte Utopie der IS-Milizen

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Arabisch-islamische Geschichte : Die Sehnsucht der IS-Schlächter nach dem Kalifat
Andreas Pflitsch

Im Untergang des osmanischen Kalifats sahen Nationalisten die Chance, ein arabisches Kalifat wiederzuerrichten. Wenig später rief sich König Husain im Hedschas zum Kalifen aus, aber außerhalb seines Clans wollte davon niemand wissen. Ein Krieg auf der arabischen Halbinsel führte noch im selben Jahr zu seiner Abdankung. Sohn Ali versuchte die militärische Unterstützung des ägyptischen Königs Fuad I. mit der Übertragung des Kalifenamtes zu gewinnen. Doch der verzichtete. Neuer König des Hedschas wurde Abdalaziz Ibn Saud, der später das Königreich Saudi-Arabien proklamierte. Kalif wollte auch er nicht werden.

Muslimische Theologen sprachen sich gegen die Wiederbelebung des Kalifats aus

Screenshot eines Propagandavideos des IS
Gottes Kämpfer: Screenshot eines Propagandavideos des IS.Foto: AFP

Bestrebungen, das Kalifat wiederzubeleben, hat es immer wieder gegeben. Indische Intellektuelle riefen 1919 das „All-India Central Khalifat Committee“ ins Leben, dem auch Mahatma Gandhi beitrat. Es sollte Indiens Muslimen eine Stimme in den Neuordnungsprozessen nach dem Ersten Weltkrieg geben. Zwei Konferenzen muslimischer Gelehrter in Kairo und in Mekka waren 1926 letzte Versuche, die Institution zu retten. Sie scheiterten auch daran, dass sich die Öffentlichkeit für die Frage schlicht nicht interessierte. Die Ordnung der Region nach nationalstaatlichen Kriterien war längst unumkehrbar. Eine säkulare Kultur hatte sich durchgesetzt. Der Orientalist Franz Taeschner schrieb in den 1944 erschienenen „Beiträgen zur Arabistik, Semitistik und Islamwissenschaft“ lapidar, dass „der Kalifatsgedanke heute wohl als erloschen gelten“ könne.

Aber auch muslimische Theologen sprachen sich gegen eine Wiedereinrichtung des Kalifats aus. Der Ägypter Ali Abdalraziq argumentierte 1925 in seinem Buch „Der Islam und die Grundlagen der Herrschaft“, weder der Koran noch die Überlieferungen von Muhammad begründeten das Kalifat. Die politische Tätigkeit des Propheten sei den Umständen seiner Zeit geschuldet und hätte nichts mit dem Wesen des Islam zu tun. Tatsächlich war die Nachfolge Muhammads zu dessen Lebzeiten nicht geregelt worden. Als die noch junge muslimische Gemeinde nach Muhammads Tod 632 vor dem Problem der Führungslosigkeit stand, wählte sie mit Abu Bakr einen Prophetengefährten der ersten Stunde zu ihrem Oberhaupt.

Schon mit der Ermordung des dritten Kalifen Uthman endete 656 die Einheit der Muslime, als die Wahl Alis, Muhammads Schwiegersohn , nicht allgemein anerkannt wurde. Muawiya, ein Verwandter Uthmans, erhob sich gegen Ali und begründete die Dynastie der Umayyaden, die bis 750 als erbliche Monarchie die Kalifen stellte und Damaskus zu ihrer Hauptstadt machte. Aus der „Partei Alis“ (arab. schiat Ali) gingen die Schiiten hervor. Für die Vertreter des modernen politischen Islamismus ist die Machtübernahme der Umayyaden die Urkatastrophe der islamischen Geschichte. Sie lassen nur die ersten vier – „rechtgeleiteten“ – Kalifen gelten. Wenn nun die im Irak und in Syrien kämpfende Gruppe „Islamischer Staat“ (IS) ihren Anführer Abu Bakr al-Bagdadi zum Kalifen ausruft, knüpft sie an die mit den „rechtgeleiteten Kalifen“ verbundene Sehnsucht nach den reinen Ursprüngen des Islam an. Als Verfechter einer rückwärtsgewandten Utopie steht der IS damit in einer langen Tradition ideologischer Kalifatsverklärung. Mit dem Märchenkalifen Harun al-Raschid hat das so wenig zu tun wie mit der einst so blühenden Kultur der historischen arabisch-islamischen Reiche.

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