Ausstellung Emil Cimiotti : Luftige Schwere

Bildhauer des Informel: Das Berliner Georg-Kolbe-Museum feiert den 90. Geburtstag Emil Cimiottis mit einer Retrospektive.

Über der Bergkuppe ballen sich Wolken. Durch deren locker gefügte Massen strömt die Luft. Wie mit feinen Verbindungssträngen sind die beiden Volumina, unten und oben, miteinander verbunden. Das schwerelos Luftige kann ohne das erdhaft Schwere nicht sein. In Emil Cimiottis Bronzeplastik „Der Berg und seine Wolken“ von 1959 spannen sich zwei Pole seines Schaffens auf. Das spröde Gebilde hält dabei anmutig genau die Mitte zwischen Abstraktion und sinnlich-konkreter Wirklichkeitsaneignung.

Zusammen mit anderen ebenfalls noch recht kleinformatigen Frühwerken gruppiert sich die Plastik im ersten Raum der Ausstellung im Georg-Kolbe-Museum. Diese Arbeiten höhlen das Volumen der klassischen Bildhauerkunst aus. Ihre offenen Strukturen machen das Massige durchlässig, zweifeln das Statische an. Mit seinen amorphen Formbildungen fand der Arbeitersohn nach seinem Studium an der Stuttgarter Akademie in den 50ern rasch Anerkennung. Die Zeitgenossen sahen darin das bildhauerische Pendant zur aktuellen Malerei des Informel. Aber dieses Etikett lässt Kuratorin Christa Lichtenstern nicht gelten. Die Retrospektive um 90. Geburtstag Cimiottis soll sein ganzes Schaffen vorführen.

Schon als Student entdeckte der zunächst als Steinmetz ausgebildete Bildhauer ein spezielles Arbeitsverfahren, das für sein ganzes Lebenswerk reichte. Aus Bienenwachs, das er mit Kolophonium und Paraffin stabilisierte, schnitt der Künstler Platten und baute daraus frei modellierend seine Plastiken auf. Im archaischen Wachsausschmelzverfahren verwandelte er sie in Bronzen: jede ein gussraues Unikat. Ins Zentrum seiner Retrospektive hat der Künstler selbst eine überlebensgroße Figur gerückt.

Sterblichkeit und Fragilität sind bei Cimiotti immer präsent

Mit dem Rücken zum Licht und zum Draußen richtet sich der ausgemergelte Torso auf, scheint aber zugleich in die Knie zu sinken. Das Gestänge seines Knochengerüsts liegt offen. Erstmals hat diese Gestalt ihren Platz im Braunschweiger Dom verlassen. Entstanden war sie 1984 eigentlich als Denkmal für den Hitler-Attentäter Stauffenberg, das bei den Auftraggebern aber auf Unverständnis stieß. Sterblichkeit und Fragilität sind in Cimiottis Arbeiten immer präsent. Unversehens können sich offene Formgebilde als Totenschädel entpuppen oder wie abgefallenes Laub schichten.

Organische Anklänge grundieren das Formenrepertoire bis in die jüngsten Werke. Die lebhaft modulierten Oberflächen und Volumina lassen an Borke, Rinde, Blattrippen und Baumkronen denken, andere fangen den Vogelflug ein. Dass der Bildhauer auch ein experimentierfreudiger Zeichner war, dokumentieren großformatige Blätter, in deren vehementem Duktus sich Figürliches manchmal wie zufällig verdichtet.

Zögerlich kommt auch die Farbe zu ihrem Recht. Schon in den 70ern fing Cimiotti an, seine Bronzen zu bemalen. Manches davon ist, etwa durch die Witterung bei Arbeiten im öffentlichen Raum, mittlerweile wieder verschwunden. Voll und leuchtend strahlen seine aktuellen Arbeiten. Seit 2015 arbeitet der betagte Künstler ausschließlich mit Papier, das er zu stark farbigen Reliefs faltet, knickt, rollt und schneidet. „Strophen“ oder „Stufen“ nennt er diese Werkgruppen. Sie modulieren Herbsttöne, ordnen Klangreihen aus Rot, Orange oder tiefem Grün. Die Oberflächen sind voller Bewegung, wie bei den früheren Bronzen. Aber die Formen verraten ein neues Faible für geometrische Klarheit. Mehr von diesem jugendlichen Spätwerk ist parallel in einer Ausstellung der Galerie Michael Haas zu sehen. Der Galerist hat in den 70ern bei Emil Cimiotti an der Akademie Braunschweig studiert.

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Georg Kolbe Museum, Sensburger Allee 25, bis 28. 1.; tägl. 10 – 18 Uhr. Katalog (Edition Braus) 29,95 €. Galerie Haas, Niebuhrstraße 5, bis 22. 12.; Mo–Fr 9 – 18 Uhr, Sa 11 – 14 Uhr. Katalog 10 €.

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