Ausstellung in Kreuzberg : Leben auf der Steueroase

Im Kreuzberger Projektraum fhochdrei zeigen die Fotografen Paolo Woods und Gabriele Galimberti intime Impressionen aus den Cayman Islands und Co.

Jens Hinrichsen
Freizeit auf Cayman. Ein Bild aus der Serie „The Heavens“.
Freizeit auf Cayman. Ein Bild aus der Serie „The Heavens“.Foto: P. Woods / G. Galimberti

Drei Jahre lang bereisten die italienischen Fotografen Paolo Woods und Gabriele Galimberti Steueroasen auf der ganzen Welt. Was sonst an Offshore-Finanzplätzen wie den Cayman oder Virgin Islands oder in Singapur unsichtbar bleibt, lässt sich in ihrer Serie „The Heavens – Annual Report“ (Preise auf Anfrage) im „Freiraum für Fotografie“ en detail betrachten. Die Gattin des Premierministers der britischen Jungferninseln thront telefonierend am Couchtisch, auf dem sich Selbstoptimierungsliteratur stapelt. Hat die First Lady das nötig? An den Orten unbegrenzter Geldzuflüsse, auch das lernt man, gibt es reichlich Wasser: Im Pool des Marina Bay Sands Hotel planscht ein Gast. Ein Mitarbeiter von „Jetpack Cayman“ hat Spaß mit einer Wasserrakete. Kids auf Jersey schwimmen in einem Salzwasserbecken auf eine künstliche Insel zu.

Anderen Protagonisten der Serie steht das Wasser eher bis zum Hals – wie der in einer sogenannten Käfigunterkunft in Hongkong untergebrachte Lam Po Yin. Oder Nicole, die in einem billigen Hotelzimmer in Singapur anschaffen geht, trotz ihres Jobs als Haushaltshilfe. Die im Dunkeln sieht man hier doch – frei nach Bertolt Brecht, dessen Sentenz „Sehen heißt Nachdenken“ an einem Fenster der Fotogalerie angebracht ist.

Sozial und politische relevante Fotografie

Vor gut einem Jahr hat die Gesellschaft für Humanistische Fotografie die lichten Räume in einem Kreuzberger Neubau bezogen. Gegründet wurde die Gesellschaft 2006 von sieben Frauen mit dem Ziel sich für sozial und politisch relevante Fotografie zu engagieren. Anschließend wurden Projekte für Institutionen konzipiert – bis der Non-Profit-Verein den Ort angeboten bekam. „Zu fairen Konditionen“, wie fhochdrei-Direktorin Katharina Mouratidi versichert, denn natürlich spielt die leidige Geldfrage auch hier eine Rolle. „Wir finanzieren uns über Mitgliedsbeiträge, Spenden, Sponsoring“, erzählt sie und formuliert regelmäßig Projektanträge, um fünf bis sechs Ausstellungen internationaler Autorenfotografie pro Jahr zu sichern. Im Sommer wird Robin Hammond mit seinem Zyklus „Where Love is Illegal“ zu Gast sein, zum Europäischen Monat der Fotografie im Herbst dann Andreas Herzau. Er begleitet Angela Merkel seit zehn Jahren mit der Kamera, „aber in den Fotos geht es weniger um ihre Person denn um eine Repräsentation der weiblichen Macht“, verspricht Katharina Mouratidi. Die vielbeschworene Macht der Bilder, das ist bekannt, weiß die Kanzlerin bestens zu nutzen. Fotografie wohnt aber auch die Kraft des Diskursiven inne, wenn man das Medium lässt. Wenn wie beim „Annual Report“ Widersprüche klaffen, Fotografie den Freiraum bekommt.

fhochdrei - Freiraum für Fotografie, Waldemarstr. 17; bis 17. 6., Mi–So 13–19 Uhr, Künstlergespräch am 23.5., 19 Uhr mit Paolo Woods.

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