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Ist da nicht doch etwas latent Niderträchtiges? Büste von Marcus Tullius Cicero in den Kapitolinischen Museum, Rom.
© Mon Freud

Kulturgeschichte der Beleidigung: Austeilen, einstecken, anzählen, umlegen

Dennis Pausch untersucht Spiel und Ernst in der Beleidigungskunst der römischen Antike.

Von Andreas Austilat

Erst wurde er unflätig, bezeichnete seinen Kontrahenten als „Stück Kot“, dann setzte er auch noch dessen Vater und Mutter herab. Gemeint ist nicht etwa Österreichs Marko Arnautovic, der jüngst während der Fußball-EM für ein Spiel gesperrt wurde, nachdem er einen nordmazedonischen Gegenspieler in ähnlicher Weise attackiert hatte. Vielmehr spricht hier Cicero, die rhetorische Leuchte des klassischen Altertums. Und sein Gegenüber war kein Geringerer als Lucius Calpurnius Piso, der Schwiegervater Cäsars.

Nanu, mögen da Bildungsbürger ausrufen, denen die Antike immer noch als Hort des Anstands gilt. Offenbar ist dies ein Missverständnis, genährt nicht zuletzt durch all die reinweißen Statuen, die in Wirklichkeit schreiend bunt waren. Alle übrigen Illusionen dürften nach der Lektüre von Dennis Pauschs „Virtuose Niedertracht“ einen Knacks bekommen. Denn der Dresdner Altphilologe hat sich in einem aktuellen Buch die „Kunst der Beleidigung in der Antike“ vorgenommen.

[Dennis Pausch: Virtuose Niedertracht. Die Kunst der Beleidigung in der Antike. C.H. Beck, München 2021. 223 Seiten, 22 €.]

Die Sitten sind heutzutage rau, nicht erst, seit Donald Trump während seiner US-Präsidentschaft fremde Länder als shithole countries bezeichnete, oder die offener Brutalität unverdächtige Andrea Nahles der Union vor ihrem Wechsel an die Spitze der SPD-Fraktion androhte, sie bekämen bald „in die Fresse“. Geradezu kriminell wird es, wenn sich Politiker:innen wie die Grüne Renate Künast seit Jahren gerichtlich gegen übelste Beschimpfungen wehren müssen, die ihnen aus der Anonymität des Internets entgegengeschleudert werden.

Die Hate Speech, auch Hassrede, ist längst Gesetzesgegenstand, so im zuletzt 2020 novellierten Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Und sie sind Gegenstand einer Diskussion zwischen den Polen Volksverhetzung und Meinungsfreiheit.

Cicero mag wie Folklore wirken

Ein Cicero mag da zunächst wie Folklore wirken. Er ist es jedoch nicht. Er ist Teil einer weit zurückreichenden abendländischen Kultur, deren Wurzeln eben auch äußerst seltsame Blüten treiben kann und deshalb eine genauere Betrachtung verdient.

„O tempora, o mores – Was für Zeiten, was für Sitten“: Mit diesem Ausruf beklagte Cicero im ersten vorchristlichen Jahrhundert selbst den Sittenverfall. Dabei war die Beleidigung in seiner Zeit eine Kunstform, Gegenstand der politischen Auseinandersetzung. Denn von einem Politiker der römischen Republik wurde erwartet, dass er Spott aushält und selbst bereit ist, solchen auszuteilen. Politik wurde aufgeführt wie im Theater.

Die Römer, das legt Pausch nahe, kannten die ganze Klaviatur. Einen eindrücklichen Beleg für den Ton der Straße liefern die zahlreichen Graffiti, die sich unter der Vulkanasche des vor 2000 Jahren verschütteten Pompeji am Fuße des Vesuvs erhalten haben. Dort bekamen Archäologen Sätze zu lesen, wie „Aephebus, du bist ein Faulpelz“, „Oppius, du Pausenclown, du Dieb, du Langfinger“, oder „Albanus ist eine Schwuchtel“.

Antike Beleidigungen sind oft sexuell konnotiert, das haben sie mit dem amerikanischen F-Wort gemein. Auch Cäsar musste sich Spottgesänge seiner Soldaten anhören, die ihm entweder homosexuelle Handlungen unterstellten oder notorische Untreue. Fäkalwörter fallen, Namen werden verballhornt, xenophobe Klischees bedient, etwa, wenn der Iberer bezichtigt wird, seine Zähne mit Urin zu putzen, die Kleidung der Karthager als weibisch abgetan wird oder die Kelten schlicht als tumbe Toren gelten.

Wen aber soll das treffen, in einer Zeit, die eben kein Internet kennt, die Verbreitung mithin Grenzen hat. Nun, die Wirkung zu verkennen, hieße zum einen zu unterschätzen, welch erstaunlich hohen Alphabetisierungsgrad die römische Antike hatte. So darf man annehmen, dass jeder römische Soldat lesen und schreiben konnte. Außerdem hatten die Römer Pausch zufolge an der Schmähung solchen gewaltigen Spaß, dass sie allgegenwärtig war.

Rhetorik für gehobene Schichten

Für gehobene Schichten gehörte die Kunst der Verspottung zu den zentralen Inhalten einer rhetorischen Ausbildung. Paradoxerweise lehnten, wie Pausch ausführt, zum Teil dieselben Denker Beleidigungen ab, die in ihren Schriften entsprechende Techniken lehrten. Dazu Schlagfertigkeit, aber auch die Kunst, Sottisen in vermeintlich reale Geschichten zu verpacken, die das Gegenüber noch schlechter aussehen lassen.

Doch nicht nur die Politik bediente sich der Niedertracht. Bemerkenswert sind die Duelle zwischen Schriftstellern, die schon Züge des Battleraps trugen, wie sie heute Leute wie Fler und Bushido ausfechten. Etwa wenn ein Autor wie Catull die Arbeit des unbekannt gebliebenen Volusius prägnant als cacata carta, als vollgekacktes Papier klassifizierte.

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Bei aller Wertschätzung, die das Rededuell im alten Rom genoss, es blieb nicht bei Worten. Stellvertretend mag dafür das Schicksal des scharfzüngigen Cicero stehen, der mit der Republik unterging und schließlich ermordet und verstümmelt wurde. Seinen Kopf stellte man öffentlich aus, wobei eine seiner schärfsten Widersacherinnen seine Zunge mit einer Haarnadel durchbohrt haben soll. Ein handgreiflicher Kommentar zu Ciceros Rhetorik.

In Gewalt mündete auch die während der Republik gepflegte Schmähkritik. Das folgende Kaiserreich kannte dann das Gesetz gegen Majestätsbeleidigung. Ursprünglich ausschließlich zum Schutz des Monarchen eingeführt, wurde es schnell erheblich ausgeweitet. Verkauft wurde das als Befriedung der in den republikanischen Jahren gespaltenen Gesellschaft. Weshalb der Stoiker Seneca seine Schmähkritik an Kaiser Claudius auch erst nach dessen Ableben zu veröffentlichen wagte. Alles andere wäre lebensgefährlich gewesen.

Die Lehren aus Dennis Pauschs klugem Buch sind denn auch bedenkenswert. Zeigt es doch, wie sehr Beleidigungen das Klima einer Gesellschaft vergiften können. Im alten Rom führten sie am Ende zur Zensur.

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