Benefizkonzert mit Petrenko : Willkommen auf der Piazza

Das Benefizkonzert der Berliner Philharmoniker im Schlüterhof der Stadtschloss-Rekonstruktion.

Freies Agieren an der frischen Luft. Kirill Petrenko.
Freies Agieren an der frischen Luft. Kirill Petrenko.

Es ist wie verhext: Am 23. Juni, bei der Generalprobe fürs Waldbühnenkonzert der Berliner Philharmoniker, hat es geregnet. Tags darauf, als dort die last night von Sir Simon Rattles Chefdirigentenzeit über die Bühne ging, wurden die Zuschauer ebenfalls nass. Dann kam die große Dürre, wochenlang ächzte die Stadt unter der Hitze – bis am Samstag die Philharmoniker erneut unter freiem Himmel auftraten: Exakt um 15 Uhr, eine Stunde vor Beginn des Schloss-Benefiz im Schlüterhof, beginnt es zu tröpfeln. Ein richtiger Guss, der den Brandenburger Bauern und Feuerwehrleuten geholfen hätte, ist das nicht, aber doch Feuchtigkeit genug, um all jene zu ärgern, die viel Geld für dieses exklusive Open-Air-Event bezahlt hatten.

295 Euro pro Ticket, auch auf den Plätzen ganz hinten im Hof, das macht bei 1600 verfügbaren – und binnen einer Woche ausverkauften! – Eintrittskarten satte 472 000 Euro zugunsten der Barockbau- Rekonstruktion. Die als Humboldtforum zum neuen Mittelpunkt der Metropole werden soll. In der Konzeption des Architekten Franco Stella kommen den drei Höfen, dem überdachten Foyer, der neuen Passage sowie dem historischen Schlüterhof Schlüsselrollen zu. Jeder soll nämlich die Funktion einer Piazza haben, so wie man das aus Italien kennt, weil sich hier jeweils wichtige urbane Elemente wiederfinden, Loggien und Kolonnaden in den Fassaden, dazu stilisierte Stadttore in Gestalt der prächtigen Portale.

Beim Einzug der Gäste haben die meisten am Samstag kein Auge für diese Details, denn sie kämpfen zuerst damit, die Plastikpelerinen überzuziehen, die gegen den Regen verteilt werden, und müssen dann sehen, wie sie die Sitze der Klappstühle halbwegs trocken bekommen. Doch schon während des Eröffungsstücks, Richard Strauss’ „Don Juan“, hört die Störung von oben auf, anschließend geht nur ab und an ein Rauschen durch die Reihen, wenn eine Bö die Kunststoffhäute knistern lässt. Erste Wolkenlücken werden sichtbar, und taktgenau in dem Moment, als sich in der folgenden Strauss-Tondichtung „Tod und Verklärung“ der sieche Protagonist an selige Jugendtage erinnert, bricht die Sonne durch, lässt die Ostfassade in schönstem Toskanagelb erstrahlen, als habe ein himmlischer Lichtdesigner seine Finger im Spiel.

Musik in der Kurmuschel

Die Berliner Philharmoniker selber musizieren natürlich unter einem schützenden Dach, ja gewissermaßen sogar in einer Art Kurmuschel, denn Rückwand und Seiten sind mit durchsichtigen Planen gegen Wind und Nässe verschlossen. Was die Arbeit der Tontechniker erleichtert. Und auch die akustischen Grundbedingungen des Schlüterhofes scheinen nicht die schlechtesten zu sein. Vom Blechbüchsensound der Waldbühne jedenfalls ist das Hörerlebnis hier meilenweit entfernt, glasklar lassen sich die einzelnen Instrumentalgruppen unterscheiden, der Klang hat Tiefe und enorme Farbigkeit, wird selbst im wildesten strauss’schen Nebenstimmengewimmel nie mulmig.

Noch beglückender ist, dass auch Krill Petrenko jetzt viel freier agiert als tags zuvor in der Philharmonie, Wärme und Sinnlichkeit im Spiel der Philharmoniker zulässt, einen Don Juan aus Fleisch und Blut präsentiert und auf packende Art den Moment akustisch nachvollziehbar macht, wo sein erotischer Jagdinstinkt in Selbstekel umschlägt. Nicht mehr abstrakt, sondern von hoher atmosphärischer Dichte ist auch „Tod und Verklärung“, so dass es für den Hörer möglich wird, mit dem Sterbenden mitzuleiden, wenn sich die Schmerzen aus Kontrabasstiefen emporwälzen, ebenso wie mit ihm in seligen Erinnerungen zu schwelgen, wenn der Orchesterklang berauschend erblüht.

Revolutionär oder repräsentativ?

Dass jedes Konzert eben immer ein Unikat bleibt, dass auch bei den ganz großen Interpreten dasselbe Programm an zwei verschiedenen Tagen völlig unterschiedliche Wirkung erzielen kann, wird im direkten Vergleich der beiden Auftritte frappierend deutlich. Und es kann sogar der Ort der Aufführung sein, der den Spirit prägt: Beethovens siebte Sinfonie, die unter Petrenkos Händen in der Philharmonie enorme revolutionäre Energie entfaltete, wirkt im Schlossambiente viel gemäßigter, geradezu klassisch-repräsentativ.

Dass im Schlüterhof Sinfonisches erklingt, hat übrigens Tradition: Im Mai 1932 gestalteten Erich Kleiber und die Staatskapelle hier die erste „Schlossmusik“, kurz darauf folgte, im Rahmen der „Berliner Kunstfestwochen“ und ebenfalls unter Kleibers Leitung, ein Abend mit den Philharmonikern. Insgesamt 56 Konzerte fanden bis 1940 dann doch statt. Die Eintrittskarten waren damals allerdings zum Preis von 80 Pfennigen zu haben.

Der TV-Mitschnitt des Konzertes ist in der RBB-Mediathek bis zum 31. August abrufbar.

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