Kultur : Berg oder Werk

Akademie der Künste: eine Ausstellung zum 100. Geburtstag des Bühnenbildners Heinrich Kilger

Lea Streisand

Heinrich Kilger brachte buchstäblich Licht ins Theater der Nachkriegszeit. „Man muss doch sehen können, was auf der Bühne passiert“, zitiert die Witwe Ursula Kilger den Chefbühnenbildner, der von1948 bis zu seinem Tod 1970 am Deutschen Theater Berlin arbeitete. Kilgers Geschichte ist eng verknüpft mit dem Haus, vor allem mit dem damaligen Intendanten Wolfgang Langhoff.

Zum heutigen 100.Geburtstag wird Kilger mit einer umfangreichen Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz geehrt. Eigentlich hatte der gebürtige Heidelberger Maler werden wollen. Ans Deutsche Theater kommt er 1937 als Anstreicher, 1940 wird er zur Wehrmacht eingezogen. In russischer Kriegsgefangenschaft lernt er den Schriftsteller Günter Weyrauch kennen, der ihn später mit Günter Weisenborn bekannt macht. Für dessen Widerstandsdrama „Die Illegalen“ am Hebbel-Theater liefert Kilger 1946 denn auch seine erste Ausstattung. Sein lakonischer Kommentar: „Plötzlich war ich Bühnenbildner.“ 1947 wird er zum Dozenten an die Kunsthochschule in Weißensee berufen, 1949 zum Professor ernannt. Und er wird bedeutende Schüler haben: Einar Schleef, Franz Havemann, Horst Sagert.

Ein Bühnenbild kann nie Selbstzweck sein, lehrt Kilger, es soll „zum Sehen erziehen und zum Denken anregen“, müsse stets „im Dienste des Gesamtkunstwerks“ stehen. Und ein gutes Bühnenbild könne nur in Zusammenarbeit mit Regie und Schauspielern entstehen. Mit Wolfgang Langhoff arbeitet der Raumkünstler an einer Bühnenästhetik, die den naturalistischen Abklatsch der Wirklichkeit hinter sich lässt, das Kilger gern „Theater für Archäologen“ nennt. Ihm geht es um die innere Wahrheit der Klassiker, die er gemeinsam mit Langhoff entstaubte.

Ortstermin in der Akademie: Thomas Langhoff zeigt Entwürfe zur „Faust I“-Inszenierung seines Vaters von 1949. „Hier der Prolog“, sagt er begeistert und deutet auf die dunkle Tuschezeichnung: „Drei Engel, ein Gerüst, das war’s.“ Die Inszenierung erinnerte in ihrer Einfachheit an den „Urfaust“, Kostüme und Ausstattung an mittelalterliche Jahrmarktsspiele. „Knapp wie eine Zeugenaussage“, sagte Wolfgang Langhoff selbst. Mit Teo Otto erarbeitet Kilger 1949 das Bühnenbild für die deutsche Erstaufführung der „Mutter Courage“ in Brechts Regie. Er experimentiert mit Projektionen und entwirft 1960 für Langhoffs „Minna von Barnhelm“ eine zweidimensional wirkende Bühne mit kupferstichartig schraffierten, von Einschusslöchern durchsiebten Wänden.

Langhoff inszeniert Lessings Lustspiel als Nachkriegsdrama mit Commedia-delArte-Einflüssen. Doch die Staatsführung wünscht Botschaften mit Klassenstandpunkt. Langhoffs „Wilhelm Tell“ ein halbes Jahr nach dem Mauerbau wird zum Stein des Anstoßes, den Zensoren geht es zu sehr um Freiheit und Einheit. Ein riesiges Gebirge aus Kupfer und anderen Materialien bildet die Kulisse, die mit etwas Fantasie als Berliner Mauer angesehen werden kann. „Dieses Gebirge war so beeindruckend, dass man die Schauspieler davor gar nicht mehr wahrgenommen hat“, erzählt Thomas Langhoff. Kilger greift zu einem Kunstgriff, um die Wucht der Kulisse abzumildern: Er zieht einen transparenten Vorhang zwischen Berg und Schauspieler. Denn „die Frage nach dem Bühnenbild darf den Zuschauer erst an dessen Vorhandensein erinnern“, lehrt Kilger. Das Wort muss dominieren.

Die Spielzeit 1962/63 ist die letzte unter der Intendanz Wolfgang Langhoffs. Peter Hacks’ Drama „Die Sorgen und die Macht“ geht der SED-Führung einen Schritt zu weit auf dem „Bitterfelder Weg“. Es zeigt zu viel Realität aus der sozialistischen Produktion. Langhoff, der überzeugte Kommunist, wird zum Rücktritt gezwungen, Hacks aus der Dramaturgie entlassen, das Stück nach kurzer Zeit abgesetzt. Kilgers Bühnenbild besteht aus drei VEB-Schildern und mehreren Scheinwerfern, die die Szenerie beleuchten. Zu viel Licht für die Partei.

Akademie der Künste, Pariser Platz, bis 30. April, Di bis So 11–20 Uhr.

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