Berliner Brutalismus : Mäusebunker vom Abriss bedroht

Bauten der Berliner Charité gelten als international geschätztes Zeugnis der Berliner Nachkriegsarchitektur. Trotzdem sollen sie noch in diesem Jahr abgerissen werden.

Der „wohl unheimlichste Bau der deutschen Nachkriegsmoderne“: die Tierversuchslaboratorien der Freien Universität.
Der „wohl unheimlichste Bau der deutschen Nachkriegsmoderne“: die Tierversuchslaboratorien der Freien Universität.Foto: Felix Torkar

Wie Kanonen ragen blaue Rohre aus der Fassade des pyramidenähnlichen Gebäudes. Mäusebunker wird es scherzhaft genannt: Es handelt sich um die Tierversuchslaboratorien der Freien Universität. Man kann darüber streiten, ob es sich bei dem Bau am Hindenburgdamm in Lichterfelde um ein schönes Gebäude handelt. 

Eher um einzigartige Architektur. Ein Blogger vergleicht sie mit einem „aus der Hölle aufgetauchten Atom-U-Boot“, und eine Schau im Frankfurter Architekturmuseum würdigte den Mäusebunker als „wohl unheimlichsten Bau der deutschen Nachkriegsmoderne“.

Dieses Gebäude aus dem Jahr 1971, das von dem Architektenpaar Magdalena und Gerd Hänska entworfen wurde, ist nun akut vom Abriss bedroht; nur öffentlicher Druck kann es wohl noch retten. 

Zukunftseuphorie

Wenn nichts geschieht, würde damit ein auch international geschätztes Zeugnis der Berliner Nachkriegsarchitektur aus dem Stadtbild verschwinden. 2019 war der Mäusebunker etwa im britischen „Guardian“ abgebildet, zu einem Artikel über bedrohte brutalistische Bauten in aller Welt.

Nur wenige Schritte entfernt findet sich ein ganz ähnlich gelagerter Fall. Das Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité stammt aus derselben Epoche und könnte ebenfalls schon bald abgerissen werden. Stilistisch mutet es ganz anders an als der Mäusebunker. Die Linien sind fließend und geschwungen, sie strahlen eine Zukunftseuphorie aus, die heute geradezu nostalgisch wirkt. 

Wenn der Mäusebunker einem U-Boot gleicht, so weckt das Hygiene-Institut Assoziationen an Sakralbauten feinsinniger Außerirdischer. Auch hier waren namhafte Nachkriegsarchitekten am Werk, Hermann Fehling und Daniel Gogel, von denen auch das Studentendorf Schlachtensee stammt.

Viele Fans der Bauten in Architektenkreisen

Trotz ihrer Bedeutung stehen weder der Mäusebunker noch das Institut unter Denkmalschutz. Für den in Köln und Berlin lebenden Architekten Ludwig Heimbach war das „total überraschend“ , wie er am Telefon erzählt. Heimbach plant als Kuratoriumsmitglied des Bundes Deutscher Architekten gerade eine Ausstellung zum Mäusebunker. Sie soll, nach bisheriger Planung, im August stattfinden.

Der Mäusebunker, 1981 vom Architektenpaar Magdalena und Gerd Hänska entworfen.
Der Mäusebunker, 1981 vom Architektenpaar Magdalena und Gerd Hänska entworfen.Foto: Felix Torkar

Heimbach war auch deshalb überrascht, weil es in Architektenkreisen viele Fans der Bauten gibt. „In der Fachwelt sind alle schockiert, dass sie nicht längst unter Schutz stehen“, sagt er. Der Mäusebunker sei eher dem „Hyperfunktionalismus“ zuzuordnen, ähnlich wie das ICC. 

„Die Fassade bildet das ab, was drinnen passiert“; die Fenster etwa verbergen sich unter dreieckigen Betonelementen, um die Innentemperatur niedrig zu halten. Fehling und Gogel stehen eher in der Tradition einer „organischen Architektur“, wie man sie von den Bauten des Philharmonie-Architekten Hans Scharoun kennt.

„Schlüsselwerk des Brutalismus“

Für die Erhaltung der Bauten spricht auch die Einschätzung der Senatsverwaltung für Kultur. Im Mai 2019 antwortete sie dem FDP-Abgeordneten Stefan Förster auf eine Anfrage, in der Fachöffentlichkeit gelte das Gebäude „weit über Berlin hinaus als herausragende Entwurfsleistung und als ein Schlüsselwerk des Brutalismus.“

Die Aufnahme in zahlreichen Veröffentlichungen belegt das große und anhaltende Interesse und den Stellenwert des Gebäudes.“ Der Landesdenkmalrat hat diese Einschätzung inzwischen explizit bestätigt. Die Bauten „stellen beide unbestreitbar bedeutende bauliche Manifestationen ihrer Zeit dar“, heißt es.

Trotzdem sei ein Abriss des Mäusebunkers geplant, heißt es in der Senatsantwort vom letzten Mai. Die Laboratorien sollen dann in einen Neubau am Standort Buch umziehen. Alternative Möglichkeiten seien „im Falle einer denkmalrechtlichen Unterschutzstellung“ zu prüfen. 

2020 soll der „Bunker“ verschwinden

Das Datum ist gesetzt: Im dritten Quartal 2020 soll der „Bunker“ verschwinden, wie aus einer anderen Senatsauskunft hervorgeht. Das war freilich vor der Coronakrise. Wer weiß, was im Herbst ist. Vorerst jedenfalls liegt für das Hygieneinstitut eine sogenannte Beseitigungsanzeige vor, sagt Heimbach. 

Auch vom Abriss bedroht: Das Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité.
Auch vom Abriss bedroht: Das Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité.Foto: Felix Torkar

Dem Abriss steht damit amtlich nichts im Wege. Auch teilte die Charité auf Anfrage des Tagesspiegels mit, für den Mäusebunker werde der Umzug Mitte des Jahres im Wesentlichen abgeschlossen sein. „Ein Nachnutzungskonzept konnte aufgrund der besonderen baulichen Struktur des Gebäudes nicht gefunden werden.“ Es soll rückgebaut werden, um einem Forschungscampus Platz zu machen.

Widerstand in der Bevölkerung

Beim Hygiene-Institut wiederum wird noch nach einem Nutzungskonzept gesucht. Falls sich eins findet, könnte die schwer in Geld zu bemessene Wertschätzung seitens der Architekturszene zu Buche schlagen: „Private Investoren geben ja ein Heidengeld für Adressbildung aus“, sagt Architekt Heimbach.

Am Ende dürften alle Fäden beim Regierenden Bürgermeister und Wissenschaftssenator Michael Müller (SPD) zusammenlaufen. Der ist nicht nur Dienstherr des Landesdenkmalamts, sondern auch Aufsichtsratsvorsitzender der Charité.

Es regt sich zudem Widerstand in der Bevölkerung. Noch bis zum 30. April sammeln der Kunsthistoriker Felix Torkar und der Architekt Gunnar Klack unter mäusebunker.de Unterschriften zur Rettung der beiden Bauten. Wenn sie genug Unterstützer erhalten, könnte sich das Blatt noch wenden. Die Berliner können ihn gebrauchen, diesen Zukunftsoptimismus, den die beiden Bauwerke vermitteln. Gerade in diesen Zeiten.

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