Berliner Philharmonie : Bundesjugendorchester spielt Benjamin Britten

Das Bundesjugendorchester beendet seine aktuelle Tournee mit Benjamin Brittens War Requiem in der Philharmonie. Ein bewegender Auftritt.

Große Leidenschaft und fast schon beängstigende Perfektion. Das Bundesjugendorchester.
Große Leidenschaft und fast schon beängstigende Perfektion. Das Bundesjugendorchester.Foto: Monika Ritterhaus

Nur selten gelang Benjamin Britten die Balance zwischen seinem vergrübelten Naturell, einer sich oft heimatlos zwischen Tradition und Moderne bewegenden Harmonik und der Sehnsucht nach Allgemeinverständlichkeit und Effekt so großartig wie in seinem War Requiem. Genial war vor allem der Einfall, den liturgischen Text mit Gedichten des mit 25 Jahren gefallenen Lyrikers Wilfred Owen zu verschränken. Werden die Gedichte aus dem Ersten Weltkrieg herangezogen, um die Schrecken des Zweiten zu vergegenwärtigen, so stand die Uraufführung 1962 im Zeichen des Kalten Kriegs.

Das War Requiem ist ein großartiges Stück gerade für junge Menschen und eine ideale Wahl für die aktuelle Tournee des Bundesjugendorchesters, die mit einem Konzert in der Philharmonie zu Ende geht. Verstärkt hat sich das hoch qualifizierte Nachwuchs-Ensemble – die Mitglieder sind zwischen 14 und 18 Jahren – mit dem Orchestre Français des Jeunes und Chören aus Köln, Belgien und Polen. Besonders bewegend ist die Teilnahme eines Mädchenchors der Kathedrale in Coventry: Die gothische Kirche der englischen Industriestadt war im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört worden, Brittens Komposition erklang erstmal zur Einweihung des Neubaus.

Makellos, präzise, engagiert

Die Aufführung begeistert unter Leitung von Thomas Neuhoff durch große Leidenschaft und fast schon beängstigende Perfektion: Makellos erstrahlen die Blechbläser-Passagen des „Dies Irae“ im Unheil, der zweite Dirigent Daniel Spaw leitet präzise und engagiert das mit hervorragenden Solisten besetzte Kammerorchester. Der Sopran von Banu Böke ist nicht ohne Schärfe, verfügt aber über eine ausgezeichnete Höhe und große Durchschlagskraft. Tenor James Gilchrist bringt mit aufgewühlter Diktion und erfahrungsgesättigter Stimme den Expressionismus von Owens Gedichten in Erinnerung, ergreifend klingt im Kontrast der jugendliche Bariton von Erik Sohn. Bei dessen finsterer Klage gegen den Krieg und der zentralen, fast unbegleitet vorgetragenen Passage: „I am the enemy you killed, my friend“, ist das in den Satzpausen ungewöhnlich aufgekratzte Publikum so ruhig geworden, dass man das Fallen der sprichwörtlichen Nadel hören könnte. Und auch den stehenden Ovationen geht ein langer Moment der Stille voraus.

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