Bizets „Perlenfischer“ in Gelsenkirchen : Der Tod leuchtet blau

George Bizets Oper „Die Perlenfischer“ am Musiktheater im Revier kommentiert die unwürdigen Bedingungen globaler Lohnarbeit.

Jonas Zerweck
Die Liebe von Leila (Dongmin Lee) und Nadir (Stefan Cifolelli) ist stärker als jeder Schwur.
Die Liebe von Leila (Dongmin Lee) und Nadir (Stefan Cifolelli) ist stärker als jeder Schwur.Foto: Karl und Monika Forster

Die schwere Arbeit wird in einer Textilfabrik verrichtet. Nicht, wie sonst in George Bizets „Perlenfischern“ üblich, unter Wasser. Die Dorfbewohner färben Kleidung im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier mit einem satten Blau. Das passt zum Meer der Vorlage, erinnert aber vor allem an die vier großen Yves-Klein-Reliefe, die das weite Foyer des Musiktheaters optisch dominieren.

Durch die Glasfront strahlt das Blau in die Fußgängerzone des sonst eher tristen Gelsenkirchen und trifft unweigerlich die Passanten. Seit seiner Entstehung zur Hochzeit des Bergbaus gibt das Musiktheater im Revier seiner Stadt einen wertvollen Glanz – auch kulturell. Die letzten Spielzeiten zeigen, wie erfolgreiche Opernarbeit abseits eines gängigen Repertoires aussehen kann: Unter anderem feierte im Januar 2017 Mieczysmaw Weinbergs Oper „Die Passagierin“ eine seltene, aber grandiose Premiere. In der vergangenen Saison stand Paul Hindemiths äußerst selten gezeigter „Mathis der Maler“ auf dem Programm und in der aktuellen neben Bernsteins „Mass“ eben auch „Die Perlenfischer“.

Bizets Oper krankt am lieblosen Libretto

Der Regisseur Manuel Schmitt hat sich auf die prekären Arbeitsbedingungen der historischen Perlenfischer konzentriert. Ähnlich gefährlich wie damals schuften auch heute Arbeiter jeden Alters und Geschlechts in Textilfabriken, bei der Öl- und Kohleförderung. Nur ein paar Kilometer von Bottrop entfernt, wo im vergangenen Jahr die letzte Zeche des Ruhrgebiets schloss, ist die Bedeutung gefährlicher Arbeit noch sehr präsent.

Schmitt verknüpft das Bühnengeschehen geschickt mit dem verheerenden Brand in einer pakistanischen Fabrik im September 2012. 259 Menschen starben damals, darunter viele Kinder. Immer wieder lässt er zwischen den Bühnenszenen Videosequenzen auf einen herabgelassenen Plastikvorhang projizieren. Eine pakistanische Mutter erzählt von der Katastrophe, sie verlor ihren Sohn.

In Gelsenkirchen stehen die Dorfbewohner in Lumpen zwischen ihren Wellblechhütten. Ihr Frust stachelt sie auf, als der Dorfälteste Leila als Geisel mit über den Kopf gezogenem Sack auf die Bühne führt. Wie die Mutter im Video halten sie Porträts von in Pakistan verstorbenen Arbeitern in die Luft, ein Banner verkündet trotzig: „I don’t die for your pearls“. In fast fanatischem Wahn fordert die Menge Leilas Hilfe als neue Hohepriesterin ein. Aber sie ist keine Hoffnungsfigur, sie ist Verurteilte. Alle fassen sie an, sehen in ihr nur ein Objekt. Für Leila selbst ist jede Berührung unerträglich, sie bricht unter diesem kollektiven Übergriff zusammen. Dongmin Lee spielt das Mädchen ergreifend nahbar. Stimmlich verleiht sie Leila einen kindlich-zarten Ton, der in diesem chorgewaltigen Werk umso verletzlicher klingt.

Seit jeher krankt Bizets Oper an dem lieblosen Libretto. Es stützt sich auf zu viele absurde Zufälle, um eine erzählbare Geschichte zwischen den drei Hauptfiguren zu konstruieren: Zurga, frisch gewählter Anführer, wird durch den Besuch seines alten Freundes Nadir überrascht. Sie hatten einander geschworen, ihre Freundschaft über die Liebe zu stellen, und beschlossen, der von beiden Verehrten Leila zu entsagen. Nadir hat sich nicht daran gehalten. Leila taucht also auf, wird Hohepriesterin und schwört dafür Enthaltsamkeit. Doch die Kraft ihrer Liebe zwingt sie in der ersten Nacht zum doppelten Schwurbruch.

Ein überzeugender Zugriff auf den schwierigen Stoff

Piotr Prochera berührt in der Schlussszene mit vor Liebe und Verzweiflung erfülltem Zittern in der Stimme. Und auch sonst gibt er mit seinem sonoren, warmen Bariton einen sympathischen Zurga, der sich mühelos gegen den Chor und das Orchester durchsetzt. Etwas unbeholfen daneben Stefan Cifolelli (in Berlin als Gandhi in „Satyagraha“ an der Komischen Oper bekannt) in der Rolle Nadirs, der stimmlich etwas angestrengt wirkt. In der berühmten Tenorarie gelingt ihm aber eindrucksvoll, ein tiefes Verzehren nach der Geliebten in seine Stimme zu legen und sein goldenes Timbre hell zum Schimmern zu bringen. Überzeugend auch Michael Heine als Nourabad mit majestätischem Bass und der leidenschaftlich singende und spielende Chor.

Dem erst 31-jährigen Schmitt gelingt ein überzeugender Zugriff auf den schwierigen Stoff, gerade weil sein Fokus weniger auf der Dreiecksbeziehung liegt. Seine zentrale Botschaft formuliert er in den Chorsätzen und Soloarien: Menschenunwürdige Arbeitsbedingungen berühren auch unsere westlichen Gesellschaften. Die Mutter aus den Videos ist seine Kronzeugin: Sie hat im November an einem Prozess am Landgericht Dortmund gegen den Textildiscounter Kik teilgenommen, der in der pakistanischen Fabrik Kleidung produzieren ließ. Die Betroffenen sehen das Unternehmen als mitschuldig an dem Brand an. Am 10. Januar will das Gericht verkünden, ob der Fall weiter verhandelt wird.

Nächste Aufführung am 19. Januar

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