Blätter von Kirchner, Dix und Griebel : Die Welt, ein Zirkus

Festhalten an der Figuration: Der Kunsthandel Fischer zeigt seltene Blätter von Ernst Ludwig Kirchner, Otto Dix und Otto Griebel.

Angelika Leitzke

Drastisch und direkt ist das Motiv der großen Kohlezeichnung, die Otto Dix 1943 im Krankenhaus von Singen schuf. Das Zeitdokument (240 000 Euro) hängt beim Kunsthandel Fischer und porträtiert zugleich den mit Dix befreundeten Arzt Dr. R. Andler, medizinischer Leiter der Klinik. Mit weiteren Chirurgen und Schwestern war er bei einer Blinddarmoperation zugange, die Dix aus der Vogelperspektive in einem Glaskasten beobachtete.

Den hatte man dem Künstler eigens in den OP-Saal gebaut, das ebenfalls entstandene Ölgemälde befindet sich heute in einer Privatsammlung. Mit altmeisterlichem Silberstift gezeichnet, liegt auch ein Porträt des Iwar von Lücken von 1932 vor (98 000 Euro). Sechs Jahre zuvor konterfeite Dix den Dichter in Öl und Tempera in seiner tristen Dachkammer, das berühmte Gemälde findet sich heute in der Berlinischen Galerie. Dix, bekannt als Chronist der Weimarer Republik, hielt deren Schattenseiten schonungslos fest. Seine Modelle fand er auf der Straße, in Kneipen und Vergnügungsetablissements.

Der Kunsthandel Fischer belegt dies vor allem mit Aktzeichnungen in Bleistift in der Spanne von 19 500 bis 36 000 Euro. Grellrot sticht das Aquarell „Artisten“ zum Preis von 180 000 Euro heraus: ein munteres Trio aus zwei vollbusigen Damen und einem Akrobaten, der in einen imaginären Zirkushimmel zu entschwinden droht. Der Vorbesitzer verhängte das Blatt, wenn er es nicht betrachten wollte, um die Farben frisch zu halten.

Arbeiten von Griebel sind heute eine Rarität

In Dresden war Dix – wie sein Studienfreund Otto Griebel, den er in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges wiedertraf – oft Gast bei dem Anwalt und Kunstsammler Fritz Glaser, in dessen Gästebuch sich beide mit Stift und Pinsel verewigten. Griebel „1921 nach Christus“, vermerkt die Schrift des Künstlers auf dem Werk, das bereits einen roten Punkt trägt. Von schwebenden Figuren nebst einem Flugzeug ist Griebels Motto umkreist: „Ja Exzentric muss man sein!“

Noch dreister geht es in einem kolorierten Widmungsblatt für die Gattin des Dresdner Bildhauers Walter Flemming zu, dem Cover für das „Album zwangloser Kunstwerke für Anna Flemming“, kreiert zu Weihnachten 1924. Für 24 000 Euro kann es den Besitzer wechseln. Links oben fliegt der geflügelte Seemannsdichter Joachim Ringelnatz im Matrosenanzug, neben ihm thront Dix im Turnertrikot, rechts unten karikierte Griebel den damaligen Zeichenlehrer an der Dresdner Kunstakademie, Richard Müller, der 1933 als Rektor für Dix’ Entlassung aus dem Amt sorgte: der „Mäuse-Müller“ als adrett bekleidete Ratte, die mit der Pfeife im Maul Zeugnisse verteilt.

Arbeiten von Griebel sind heute eine Rarität auf dem Kunstmarkt. Der größte Teil seines bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges geschaffenen Werkes wurde durch die NS-Aktion „Entartete Kunst“ und die Bombenzerstörung Dresdens 1945 vernichtet. 2017 würdigte eine umfangreiche Retrospektive in der Städtischen Galerie Dresden den Künstler, ein erstes Gesamtverzeichnis wurde veröffentlicht.

Diffamierung und Ausgrenzung durch die NS-Kulturpolitik

Der Dritte im Bunde beim Kunsthandel Fischer ist Ernst Ludwig Kirchner, der mit Aktzeichnungen in Farbe und Schwarz-Weiß aus der „Brücke“-Zeit sowie der Jahre im Schweizer Refugium präsent ist. Der „Rückenakt“ in Kohle von 1928 zeigt sich dabei in fast qualvoller Verrenkung (55 000 Euro). Doch auch ein lichtvolles, scheinbar zwanglos hingeworfenes Aquarell gesellt sich dazu: eine großzügige Ansicht des Züricher Bahnhofs von 1926, als Kirchner seine erste Reise nach Deutschland seit seiner Übersiedelung nach Davos 1918 antrat.

Was die drei verband, waren die Lebensstationen Dresden und Berlin, das Erlebnis des Ersten Weltkriegs und die Diffamierung und Ausgrenzung durch die NS-Kulturpolitik. Kirchner reagierte mit Suizid, Dix und Griebel gingen in die „innere Emigration“ gingen. Künstlerisch einte sie das Festhalten an der Figuration, die der 1992 in Berlin gegründete Kunsthandel Fischer fokussiert: Malerei und Skulpturen vom Expressionismus bis zur Gegenwart sowie Vertreter der Neuen Sachlichkeit und der sogenannten verschollenen Generation.

Fischer Kunsthandel, Xantener Str. 20; bis 20. 10., Di–Fr 11–13 Uhr, 14.30–19 Uhr, Sa 11–14 Uhr.

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