Bollywood und #MeToo : Die toxische Männlichkeit

Die MeToo-Bewegung hat Indien erreicht: Das 20. Mumbai Film Festival steht ganz im Zeichen der Proteste gegen sexuelle Übergriffe.

Thomas Winkler
Solidarität mit Tanushree Dutta. Die Bollywoodschauspielerin hat Anzeige gegen einen Kollegen erstattet. Vor der Polizeistation protestieren Frauen für ihre Sache.
Solidarität mit Tanushree Dutta. Die Bollywoodschauspielerin hat Anzeige gegen einen Kollegen erstattet. Vor der Polizeistation...Foto: Punit Paranjpe/AFP

Zum 20. Geburtstag des Mumbai Film Festivals wollten die Organisatoren einen besonderen Rahmen setzen. Sie präsentierten die Eröffnungsveranstaltung am Gateway of India, jenem Triumphbogen, durch den einst die letzten britischen Truppen marschierten, als sie Indien verließen. Heute ist das Gateway Wahrzeichen von Mumbai und Symbol für den Beginn der indischen Unabhängigkeit. Jetzt, 70 Jahre später, könnte das 20. Festival der Mumbai Academy of Moving Image einen anderen Neuanfang in die Wege leiten.

Schon die Eröffnung stand ganz im Zeichen der MeToo-Bewegung, die jetzt auch Indien erfasst hat. „In den letzten vier Wochen hat hier etwas begonnen, auf das wir alle gewartet haben“, sagte Festivaldirektorin Anupama Chopra. „Eine grundsätzliche, kollektive Abrechnung“ sei dieser MeToo-Moment, der hoffentlich eine Atmosphäre ermögliche, „die konstruktiv, inklusiv und gerecht ist“. Auch das Festival selbst ist betroffen. Mehrere Filme wurden aus dem Programm genommen, weil Anschuldigungen gegen Beteiligte erhoben worden waren. Einer davon ist Anurag Kashyap, ein Mitglied des Festivalbeirats. Der renommierte Filmemacher legte seine Beiratstätigkeit nieder, wehrt sich aber gegen den Vorwurf, er habe jahrelang geholfen, die sexuellen Übergriffe eines engen Geschäftspartners zu vertuschen.

Das Festival reagierte, indem es kurzfristig vier MeToo-Panels ins Programm hob. Die Debatte beschränkt sich nicht auf die Filmwirtschaft. Seit der Stand-Up-Comedian Utsav Chakraborty Anfang Oktober von einer Kollegin per Twitter der sexuellen Belästigung beschuldigt wurde, sind die Dämme gebrochen in dem Land, das einer aktuellen Studie zufolge als gefährlichstes Land für Frauen weltweit gilt. Immer mehr Männer aus Wirtschaft, Unterhaltung, Kunst, Literatur, Politik und den Medien werden des Missbrauchs am Arbeitsplatz bezichtigt. Listen kursieren, mehrere Chefredakteure und ein Staatsminister mussten zurücktreten, Filmproduktionen werden abgesagt. Und die eigentlich schon seit 2013 gesetzlich vorgeschriebenen Beschwerdestellen in Betrieben werden endlich eingerichtet.

Bollywoodschauspielerin Tanushree Dutta hat Anzeige gegen einen Kollegen erstattet

Symbolfigur der Bewegung ist die Schauspielerin Tanushree Dutta. Sie hatte schon vor zehn Jahren ihrem Kollegen Nana Patekar vorgeworfen, sie während des Drehs einer der im Bollywoodfilm unverzichtbaren Song & Dance-Szenen begrapscht zu haben. Dutta ging in die USA, ihr Peiniger drehte weiter fleißig Filme. Nun ist die mittlerweile 34-Jährige vorübergehend zurück in Indien, hat ihre Vorwürfe erneuert und Anzeige erstattet.

Die indische Bollywood-Diva Tanushree Dutta hat einen Schauspieler-Kollegen wegen sexueller Übergriffe verklagt.
Die indische Bollywood-Diva Tanushree Dutta hat einen Schauspieler-Kollegen wegen sexueller Übergriffe verklagt.Foto: Sujit Jaiswal / AFP

Dass das Filmgeschäft keine Insel der seligen Gleichberechtigung ist, wusste jeder. Doch die Erkenntnis, dass die Misogynie nicht nur in den bunten Bollywood-Romanzen auf der Leinwand stattfindet, sondern auch im Arbeitsalltag, hat nun große gesellschaftliche Strahlkraft. „Das Mainstream-Kino ist ein mächtiges Medium, vielleicht sogar das mächtigste in diesem Land, aber die Filmindustrie ist kein UFO, das über Indien schwebt“, sagte der mit Bollywood-Blockbustern erfolgreiche Filmemacher Kabir Khan beim ersten Panel. „Es gab immer Gerüchte, aber wir haben sie alle ignoriert. Das wird diese Bewegung auf jeden Fall ändern: Von nun an können wir das Problem nicht mehr ignorieren.“

Auf dem Mumbai Film Festival, einer Leistungsschau des indischen Arthouse-Kinos, zeigte sich dieses nicht nur auf dem Podium immer wieder „toxische Männlichkeit“ genannte Problem in gleich mehreren Festivalbeiträgen. Nirgendwo so unverstellt wie in „Jaoon Kahan Bata Ae Dil“, in dem eine manipulative Beziehung bis zur expliziten Darstellung einer brutalen Vergewaltigung ausformuliert wird. Was früher vielleicht als programmierter Tabubruch wahrgenommen worden wäre, löste heute eine ernstere Kontroverse aus. Regisseur Aadish Keluskar rechtfertigte sich bei der Diskussion nach dem Film damit, er habe jene toxische Männlichkeit in all ihrer Brutalität darstellen wollen. Die Frage, wieviel explizite Gewalt dazu nötig ist, blieb unbeantwortet.

Dabei wollen die Frauen, ob auf dem Podium oder in den wild mäandernden Schlangen vor den Festival-Kinos, weniger über die Vergangenheit sprechen als nach vorne blicken. Es herrscht Aufbruchstimmung, teilweise sogar Euphorie. Der Tenor: Es ändert sich was; wir sind Teil von etwas Größerem; in fünf Jahren wird Indien anders aussehen. Längst geht es nicht mehr nur um den Arbeitsplatz, sondern um die Geschlechterverhältnisse in der gesamten Gesellschaft.

Auch das Kino selbst befasst sich mit sexueller Gewalt

Eine dieser Frauen ist Anjali Menon. Die Regisseurin aus Kerala hat mit anderen Frauen aus der südindischen Filmindustrie vor anderthalb Jahren das Women in Cinema Collective gegründet. Gemeinsam wollen sie sich gegen Diskriminierung, Belästigungen und sexuelle Gewalt zur Wehr setzen . Seitdem sehen sie sich Anfeindungen ausgesetzt, bekommen Jobs nicht, werden als „troublemaker“ gebrandmarkt.: „Sexuelle Diskriminierung ist Teil unserer Kultur, damit muss sich dieses Land endlich auseinander setzen“, sagte Menon nun unter dem Applaus von 200 Panel-Besuchern.

Im Kino findet die Auseinandersetzung bereits statt. So sehen sich etwa in Ivan Ayrs „Soni“, der bereits bei seiner Premiere in Cannes die internationale Kritik überzeugte, zwei Polizistinnen in Delhi tagtäglich mit männlicher Gewalt konfrontiert. In quasi-dokumentarischen Szenen zeichnet der Film ein düsteres Bild von Indien, er zeigt aber auch zwei starke Frauen, die sich gegen zudringliche Männer und gesellschaftliche Einschränkungen zur Wehr setzen. Die Titelheldin reagiert auf diese Zumutungen ihrerseits mit körperlicher Gewalt, während sich ihre Chefin um Ausgleich bemüht, Beide scheitern, verzweifeln, aber sie lernen voneinander.

Als „Soni“ entstand, war von MeToo in Indien noch nicht die Rede. Jetzt wird der Film als eindrückliche Bestandsaufnahme wahrgenommen. Und damit zum schlagkräftigen Argument für eine hoffentlich breite, gesellschaftliche Selbstverständigung über die (Macht-)Verhältnisse zwischen den Geschlechtern, die tatsächlich zu einem Neuanfang in ganz Indien führen könnte.

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