Brasilianisches Kino : Das unsichtbare Leben der Frauen

In Cannes wurde das epische Melodram „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“ prämiert. Karim Aïnouz neustes Werk richtet sich gegen patriarchale Vorstellungen.

Dunja Bialas
Vereint im Kampf gegen die männliche Ordnung. Die Filmschwestern Julia Stockler (Guida Gusmão) und Carol Duarte (Eurídice Gusmão).
Vereint im Kampf gegen die männliche Ordnung. Die Filmschwestern Julia Stockler (Guida Gusmão) und Carol Duarte (Eurídice Gusmão).Foto: Bruno Machado

Mit dunklen Wolken kündigt sich über dem Corcovado-Berg mit der übermannshohen Christusstatue ein Gewitter an. Am brausenden Wasserfall im Tal ist die tropische Schwüle noch erträglich, dorthin haben sich die Schwestern Guida und Eurídice Gusmão vor der Hitze Rio de Janeiros zurückgezogen. Aber jetzt macht sich die Natur bemerkbar, die Vögel beginnen zu lärmen, das Dickicht wird dunkelgrün und unheimlich.

Die Schwestern treten den Heimweg an. Aus der dramatisch anschwellenden Natur steigen die Frauen wie aus der Unterwelt auf, verlieren sich im dichten Urwald, und wie im Mythos bleibt Eurídice zurück. Ein atmosphärisches und sinnliches Präludium, das den Film im Kern enthält: Die beiden werden sich wenig später für immer aus den Augen verlieren.

Sehnsuchtsraum Europa

Karim Aïnouz hat zu Beginn seines epischen Melodrams „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“, das unmerklich mehrere Jahrzehnte durchläuft, ein einprägsames Symbol für die Werteordnung Brasiliens der 1950er Jahre gefunden. Die dominierende Christusstatue lässt nicht vergessen, dass der Katholizismus den Gang des Lebens bestimmt. Im heiratsfähigen Alter muss sich die Frau für die Ehe bereit machen.

Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão richtet sich gegen die patriarchalen Vorstellungen. Guida (Julia Stockler), die ältere Schwester, sucht Liebe und Freiheit und brennt mit einem griechischen Matrosen nach Europa durch. Eurídice (Carol Duarte) möchte Konzertpianistin werden, das Zeug dazu hat sie. Sie will nach Wien ans Konservatorium, vorher aber gelingt es den Eltern, sie zu verheiraten.

Der Sehnsuchtsraum Europa ist für den brasilianisch-algerischen Regisseur ein wichtiges Thema. Anfang der 2010er Jahre kam Aïnouz nach Berlin und realisierte mit „Praia do Futuro“ eine schwule Liebesgeschichte zwischen Brasilien und Berlin, die im Wettbewerb der Berlinale lief.

In Berlin bekam er Einblicke in das Aufnahmelager für Geflüchtete am Tempelhof; daraus entstand sein Dokumentarfilm „Zentralflughafen THF“. Auch „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“, eine freie Adaption von Martha Batalhas Romandebüt, ist eine brasilianisch-deutsche Co-Produktion.

Die Frauen scheitern an der repressiven Sexualität

Anders als im Roman, in dem sich die Schwestern erfolgreich gegen die Konventionen stellen, scheitern sie bei Aïnouz an der repressiven Sexualität des Mannes – und letztlich auch an der weiblichen Biologie. Schwangerschaften machen ihrem Leben einen Strich durch die Rechnung.

Guida kehrt mit dickem Bauch allein nach Brasilien zurück und wird vom Vater verstoßen. Eurídice wehrt sich in ihrer Ehe vergeblich gegen eine Schwangerschaft, die den Plan, in Wien vorzuspielen, durchkreuzt.

Das von Körperlichkeit und Sexualität bestimmte Geschlechterverhältnis inszeniert Aïnouz sinnlich, die subtile Montage von Heike Parplies („Toni Erdmann“) macht den Gang durch die Jahrzehnte beiläufig. In Cannes erhielt „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“ den Hauptpreis in der Sektion „Un Certain Regard“ und für Brasilien ging der Film in das diesjährige Oscar-Rennen.

Meisterlich inszeniert Aïnouz den häuslichen Raum als Ort intimer Begegnungen – die auch gewalttätig sein können. Vor allem die vielen Badezimmerszenen fallen auf. Mal sieht Eurídice ihrer Schwester zu, wie sie sich zurechtmacht. Dann wird sie am Tag ihrer Hochzeit von einer Freundin aufgeklärt, mit welchen Tricks sie eine Befruchtung vermeiden kann.

In der Hochzeitsnacht fällt sie betäubt in die Badewanne, wo sich der Bräutigam über sie hermacht, eine Vergewaltigung als Initiation in die eheliche Unterdrückung. Alles Szenen aus dem „unsichtbaren Leben“, so der Originaltitel, das die Frauen in den 1950er Jahren führten.

Das Fehlen der Schwester ist stets präsent

Die Lücke, die die Schwestern im Leben der anderen hinterlassen, drückt sich auch in der Bild- und Farbsymbolik von Hélène Louvart aus, der Kamerafrau von Alice Rohrwacher. Immer wieder blicken die Schwestern in Spiegel, suchen das – auf sich selbst zurückgeworfene – Zwiegespräch.

Die schummrigen Rot- und Grüntöne, der Kleider, Sofas, Lampen und Tapeten erinnern an Douglas Sirks Melodramen und suggerieren eine komplementäre Welt, in der das Fehlen der anderen fortwährend präsent ist.

Das Drama, sich für immer aus den Augen verloren zu haben, steigert Aïnouz nach einem Zeitsprung, der Jahrzehnte auslässt, zum existentiellen Verlust. In der finalen Coda entdeckt Eurídice – verkörpert von der neunzigjährigen Fernanda Montenegro, der Grande Dame des brasilianischen Kinos – Briefe, die Guida ihr über die Jahrzehnte geschrieben hat. Der Betrug des Vaters an seinen Töchtern wird sichtbar. Schmerzhaft teilt sich am Ende die Unwiederbringlichkeit des verpassten Lebens mit, die in ihrem Kern für viele Frauen im 20. Jahrhundert universell ist.
In den Kinos Cinema Paris, Delphi LUX, FT am Friedrichshain; OmU: fsk, Hackesche Höfe, Il Kino, Odeon, Passage, Wolf

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!