Buch über Roger Loewig : Hommage an einen großen Malerpoeten

Anna Schädlich lernte Roger Loewig als Kind kennen. Jetzt hat sie ihm die persönliche biografische Collage „O Ikarus, um deinen Flug beneid ich dich“ gewidmet.

Hannes Schwenger
Die Kuratorin und Autorin Anna Schädlich.
Die Kuratorin und Autorin Anna Schädlich.Foto: Petra Konschak

Ihre abgelehnte Bewerbung an der Kunsthochschule nannte Roger Loewig, der große Malerpoet des geteilten Deutschland und Freund von Anna Schädlichs Eltern Krista Maria und Hans Joachim Schädlich, schlicht „verschenkt“. Und fügte tröstlich lächend hinzu, wenn sie stattdessen Kunstgeschichte studiere, könne sie ja ihre Magisterarbeit über ihn schreiben. Gesagt, getan. Eine Magisterarbeit ist daraus zwar nicht geworden, zumal es bereits eine Biografie von Felice Fey (Lukas Verlag 2011) gibt, aber eine sehr persönliche biografische Collage aus Lebens- und Schaffenschronik, Stasi-Akten, Briefen, Freundeszeugnissen und eigenen Erinnerungen.

Die erste datiert aus Annas siebtem Lebensjahr, als sie Loewig ihr Kinderzimmer zeigte und er fragte, ob sie einen Sprung von ihrem Hochbett probieren wollte. „Ich fang dich auf.“ Das tat er und rezitierte: „O Ikarus / um deinen Flug / beneid ich dich, um deinen Sturz. / Wem das gelingt, / aus eigner / Kraft, mit selbstgebautem Flügelpaar / den Käfig zu vertauschen / mit der Wolkenbank, soll der sich fürchten / vor dem Sturz?“ Das Gedicht hat sich ihr eingebrannt.

Über dreißig Jahre später und zehn Jahre nach seinem Herztod mit 67 Jahren hat sie sich nun darangemacht, diesem seinem Lebensthema in Wort und Bild nachzugehen. In seiner Kunst hat ihn Ikarus seit Mitte der 60er Jahre begleitet, als er in Ostberlin den ersten von zwei insgesamt 80 Arbeiten umfassenden Zyklen zum Thema begann. Auch nach seiner Ausreise aus der DDR bezeichnete er sein Westberliner Wohnatelier im 14. Stock eines Hochhauses in einem Bildtitel als „Ikarusexil Märkisches Viertel“. Der DDR „entronnen, dafür ähnlich scheußlich ins Garn geraten, sah ich keinen Grund, das Ikarusbild abzustreifen“, bekannte er. Da konnte er nicht ahnen, dass sich seine Frau, die 15 Jahre ältere Gefährtin und lebenslange Beschützerin, zwei Jahre nach seinem Tod vom Dach des Ateliers im Märkischen Viertel stürzen würde. Einem Viertel, von dem Christoph Meckel, fast so bitter wie der preußische Ikarus Wolf Biermann, an Loewig schrieb, „dass Sie nicht einfach umsonst im Grauenviertel zuhause sind, in diesem westlichen Ausland.“

Zuchthausstrafen wegen „schwerer staatsgefährdender Hetze“

Loewigs Sehnsucht nach der Landschaft des Fläming, wo er ein heute zum Museum umgestaltetes Arbeitsatelier besaß, ließ ihn auch nach seiner Ausbürgerung noch einige Male dorthin zurückkehren, wenn es Gnade oder Überwachungswahn der Stasi gestatteten. Sogar Franz-Josef Strauß intervenierte einmal mit Erfolg zu seinen Gunsten. Meist war seine Einreise „unerwünscht“, zumal er gelegentlich von der Transitstrecke abwich, um Freunde zu besuchen. Verzweifelt war er, als ihm auch der Transit nach Polen zur Eröffnung seiner zweiten Werkausstellung im Warschauer Nationalmuseum verweigert wurde. Die erste hatte ihm 1966 den Durchbruch verschafft, als seine erste illegale Ausstellung in einem Pfarrhaus verboten wurde. Sie brachte ihm und zwei Freunden Zuchthausstrafen wegen „schwerer staatsgefährdender Hetze“ ein, die auf Intervention der evangelischen Kirche schließlich zur Bewährung ausgesetzt wurden.

Es grenzt an ein Wunder, dass ihm, dem Autodidakten, danach der Beitritt zum Künstlerverband bewilligt wurde; wahrscheinlich weil er prominente Bürgen gewinnen konnte, sogar den Vizepräsidenten des Verbands Walter Womacka. Der habe auf Loewigs Bilder „hilflos und sogar erschrocken“ reagiert, „aber er sagte nichts und unterschrieb“.

Der Dresdner Kunsthistoriker Fritz Löffler vermittelte den Kontakt zu seiner Warschauer Kollegin und späteren Direktorin des Nationalmuseums, die so beeindruckt war, daß sie an den Behörden vorbei eine erste Personalausstellung ermöglichte. Seinen Stasi-Verhörern erklärte er in der Haft, er halte den Mauerbau für „militärische Gewalt“, gegen die er sein beschlagnahmtes und verschwundenes Bild „Vögel durchbrechen die Grenze“ gemalt habe. Anna Schädlich will Roger Loewig dennoch fast nie hoffnungslos erlebt haben, „rebellisch ja, liebenswürdig und aufmerksam immer und gerecht meistens.“

Anna Schädlich: O Ikarus, um deinen Flug beneid ich dich. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2018. 206 Seiten, 20 €.

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