Chinesische Philosophie : Die Sippe und der Himmel

Ideen für eine neue Weltordnung: Der chinesische Philosoph Zhao Tingyang und sein Tianxia-System. Die Zeitschriftenkolumne.

Wie viele Sprachen braucht die Welt? Zeichnung des Philosophen Zhao Tingyang, der sich auch gerne als Cartoonist betätigt.
Wie viele Sprachen braucht die Welt? Zeichnung des Philosophen Zhao Tingyang, der sich auch gerne als Cartoonist betätigt.Foto: transcultura.org

Er gilt als Chinas philosophisches Gesicht in der Welt. In akademischen Kreisen wird Zhao Tingyang, Professor an Pekings größter Denkfabrik, der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, seit Jahren kontrovers diskutiert. Und er ist dabei, den Sprung über das universitäre Milieu hinaus zu schaffen.

Insbesondere in Paris genießt er den Ruf eines faszinierenden Intellektuellen. Zusammen mit dem Alt-Revolutionär Régis Debray veröffentlichte er 2014 eine Korrespondenz unter dem Titel „Du ciel à la terre – La Chine et l'Occident“ (Vom Himmel bis zur Erde – China und das Abendland), in der er eindeutig die bessere Figur machte. Er gehört zu den assoziierten Kräften des 1988 von Umberto Eco und Alain le Pichon gegründeten Instituts Transcultura (transcultura.org). Und erst Anfang des Jahres nominierte ihn das „Nouveau Magazine Littéraire“ zu einem der 35 derzeit international einflussreichsten Denker.

Nur in Deutschland hat man von dem 1961 in Guangdong geborenen Zhao noch nicht viel gehört. Mit „Alles unter einem Himmel – Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung“ erscheint hierzulande im Januar nun bei Suhrkamp eine erste umfassende Darstellung seines Tianxia-Konzepts.

Wörtlich als „unter dem Himmel“ zu übersetzen, enthält es einen Gegenentwurf zum westlichen Universalismus der Menschenrechte. Zhao formuliert nichts weniger als eine chinesische Antwort auf Immanuel Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“, aus der völkerrechtliche Entwürfe wie die Charta der Vereinten Nationen hervorgegangen sind.

Noch kompakter kann man sie in „Redefining a Philosophy for World Governance“ (Palgrave McMillan) nachlesen, wie Zhao kürzlich eine Einführung in seine Vision von einer künftigen postnationalen Ordnung überschrieb.

Rückgriff auf die Zhou-Dynastie

Im Begriff des Tianxia greift er auf „ein netzförmiges System der Überwachung und Kontrolle der Vasallen- und Lehnsstaaten durch den Staat des Monarchen“ zurück, das während der Zhou-Dynastie über tausend Jahre vor der christlichen Zeitrechnung entstand. Er richtet es jedoch von Grund auf neu aus – als eine von allen teilbare Weltmacht, in der keine hegemonialen Partikularinteressen obsiegen.

Das Ziel ist die „Minimierung der Möglichkeit, sich gegenseitig Schaden zuzufügen“, bei gleichzeitiger „Maximierung wechselseitigen Nutzens“.

Dabei handelt es sich um mehr als eine sogenannte Win-win-Situation. Zhao erweitert den spieltheoretischen Ansatz zum „konfuzianischen Optimum“. Überhaupt setzt er, mit allen argumentativen Wassern der westlichen Philosophie gewaschen, autochthone Traditionen ein.

Metaphysische Begriffe wie das „Dao des Himmels“ klingen im okzidentalen Kontext esoterisch, entfalten aber, verstanden als „bewegende und regulierende Kraft allen Seins“ (so Übersetzer Michael Kahn-Ackermann) innerhalb einer ganz untheologisch verstandenen Gesamtwirklichkeit, ihren Sinn.

Legitimation im Zirkelschluss

Der politische Raum wird dabei von oben nach unten durch die Trias von Tianxia, Staat und Sippe (der Mensch im sozialen Verbund, nicht als autonomes Individuum) definiert, während der ethische Raum von unten nach oben von derselben Trias bestimmt wird.

Ein zirkuläres Zusammenwirken, gegen das viele Einwände möglich sind, unter anderem, weil er am sozusagen naturwüchsig Hierarchischen sozialer Ordnung festhält und Gleichheit und Freiheit für unvereinbar hält. Sein größtes Problem aber ist, dass seine friedfertige Theorie auf eine politische Wirklichkeit anwendbar sein möchte, von der er zugleich nichts wissen will.

Zhao selbst, der seine Ideen jetzt bei einem Symposion am Institut für Philosophie der Freien Universität vortrug, ist kein Ideologe. Aber die Art, wie die „Belt and Road Initiative“ des chinesischen Staates sein Denken in Anspruch nimmt, hat etwas Ideologisches. Noch unheimlicher wird seine Philosophie des „kompatiblen Universalismus“, wenn man sie an der innenpolitischen Knute der Pekinger Autokratie misst.

Die Zwangshomogenisierung unliebsamer Minderheiten wie der Uiguren müsste ihrem Geist eigentlich widersprechen. Oder ist sie der Preis für einen sich tolerant gebenden Ethnopluralismus identitärer Prägung nach außen?

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