Das Politisch-Historische ist nur Begleitmusik

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Chiogozie Obiomas Debütroman "Der dunkle Fluss" : Sterben wie ein Hahn
Aus Nigeria über Zypern in die USA. Chigozie Obioma.
Aus Nigeria über Zypern in die USA. Chigozie Obioma.Foto: Scott Soderberg/Aufbau

Jedes Mal denkt man, es könne nicht noch schlimmer kommen, und jedes Mal nehmen die Geschehnisse eine Wendung in eben diese Richtung. Die sie auslösen, finden nicht die Kraft, dem Sog ab einem bestimmten Punkt zu widerstehen, sie bewohnen allerdings auch eine Welt, die ihnen das rationale Rüstzeug dazu nicht mitgegeben hat. Das Unheimlichste an Obiomas Roman ist denn auch, dass er keineswegs hartgesottene, sondern empfindsame Leser voraussetzt, die bereit sind, der psychologischen Unausweichlichkeit des Ganzen zu folgen.

Es beginnt mit einem Einschnitt, der wie einst bei Obioma die Familie spaltet. Der Vater wird von der nigerianischen Zentralbank aus Akure nach Yola an der Grenze zu Kamerun versetzt. Fortan kommt er nur noch jedes zweite Wochenende nach Hause und verliert von Mal zu Mal seinen Einfluss auf die heranwachsenden Söhne.

Im Hintergrund tobt mit der Armut auch eine strukturelle Gewalt, wenngleich zumindest die Brüder von ihrer äußersten Härte verschont bleiben. Um das Gebilde zu illustrieren, das bis heute am Abgrund eines failed state entlangschliddert, spielt auch die Erinnerung an die Unruhen des Jahres 1993 eine Rolle. Damals gewann Moshood Kashimawo Olawale Abiola, besser bekannt unter dem Kürzel M.K.O., die ersten demokratischen Präsidentschaftswahlen Nigerias. Die herrschende Militärdiktator Ibrahim Babangida wollte den Sieg nie anerkennen und brachte Abiola 1994 wegen angeblichen Hochverrats ins Gefängnis, wo er vier Jahre später an einem Herzinfarkt starb.

Doch gerade das Politisch-Historische ist eine Begleitmusik, die sich mit dem Grundstoff nur unzureichend verbindet – außer es sollte davon zeugen, dass auch auf diesem Gebiet ein irrationaler Weltzugang verhindert, Konflikte vernünftig zu lösen. Denn Obiomas Thema ist eine Autosuggestion, die von den Beteiligten nicht als solche erkannt wird, deren Folgen aber hemmungslos anderen zur Last gelegt werden. Erzwungen wirkt auch die Tiermetaphorik, mit der Obioma seine Figuren zum Anfang jedes Kapitels belegt. Und leider besitzt Nicolai von Schweder-Schreiners Übersetzung nicht ganz die rhythmische Geschmeidigkeit des englischen Originals. Sonst aber ist Obiomas Roman eine atmosphärisch dichte Lektüre – und eine radikale, um die Seelenruhe des Lesers keine Sekunde lang besorgte Leistung. Richtig ist, was der Stoff diktiert, und weil es nichts gibt, das die Beteiligten davon abhalten würde, so zu handeln, wie sie handeln, muss es in genau dieser Unerbittlichkeit erzählt werden.

„Der dunkle Fluss“ ist trotz seines historischen Fokus ein durch und durch zeitgenössischer Roman, der über das heutige Nigeria Auskunft geben will. Verglichen mit den an Michael Ondaatje und V.S. Naipaul geschulten Texten von Teju Cole ist er nur alles andere als erzähltechnisch modern. Obioma, der an der Universität im zyprischen Nikosia Englisch studiert hat und anschließend für einen Master in Creative Writing an die University of Michigan wechselte, mischt seine literarischen Einflüsse einfach anders als Cole oder Chimamanda Ngozi Adichie. Schon im Alter von neun Jahren verschlang er Homers „Odyssee“ in der Bibliothek seiner Schule. Später verliebte er sich in Thomas Hardys „Tess of the d’Urbervilles“, sieht seine Wurzeln aber auch bei Wole Soyinka und Chinua Achebe, die die Internationalität der nigerianischen Literatur erst begründeten, bei Autoren, die die Grenzen Nigerias kaum passiert haben, weil sie wie D.O. Fagunwa auf Yoruba schrieben, oder bei halb Vergessenen wie Amos Tutuola, den Dylan Thomas für seinen ersten Roman „Der Palmweintrinker“ pries.

In seiner starken Bildhaftigkeit besitzt er etwas Afrikanisches, das zugleich auf die Überwindung der Tradition angelegt ist: Obioma will seiner Kultur jeden Rest magischen Denkens austreiben, während im Westen die rein instrumentelle Vernunft nicht nur angesichts der Dialektik der Aufklärung schon wieder in Misskredit geraten ist. Eben dieses Anliegen sollte Obioma vor dem Vorwurf der literarischen Selbstexotisierung schützen, den der Anglist Tobias Döring kürzlich in der „FAZ“ erhob. Es ist wohl eher so, dass man das Archaische, dass sich dieser Roman vornimmt, erst einmal aushalten muss – und auch seinen zuweilen archaisierenden Zugriff, der sich nicht zuletzt aus der sich in ein kindliches Erleben einfühlenden Erzählperspektive ergibt. Wer das aber tut, erfährt etwas von einer befremdlichen Mentalität, die einem Obioma packend näherbringt.

Chigozie Obioma: Der dunkle Fluss.Roman. Aus dem Englischen von Nicolai Schweder-Schreiner. Aufbau Verlag, Berlin 2015. 313 Seiten, 19,95 €.

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