Christiane Möbus in der Galerie Volker Diehl : Stroh an Bord

Wirkt auch durchs Fenster: die Installation von Christiane Möbus in der Galerie Volker Diehl.

Matthias Reichelt
Die Boote der Installation von Christiane Möbus sind voll, der Neonspruch am Fenster wird zur Farce.
Die Boote der Installation von Christiane Möbus sind voll, der Neonspruch am Fenster wird zur Farce.Foto: Marcus Schneider

Mitten im gediegen bürgerlichen Charlottenburg verstört derzeit ein von der Künstlerin Christiane Möbus inszeniertes Bild mit surrealer und gleichsam apokalyptischer Kraft. Die Galerie Volker Diehl zeigt dort zwei parallel aufgebockte, mit dem Bug zur Straße gerichtete ehemalige Rettungsboote des Cuxhavener Passagierschiffs „Jan Cux II“. Jeweils zehn Personen könnten hier im Notfall Schutz vor der Havarie finden.

Doch Möbus’ Rettungsboote sind mit zu Kuben gepressten, gestapelten Heuballen übervoll und erinnern mit ihrer Fracht an jene riesigen Containerschiffe, die für den globalen Warenverkehr ihre Routen auf den Weltmeeren ziehen. Auf jeden Fall verheißen die in der Galerie gezeigten Boote keine Rettung, auch wenn über dem rechten Schaufenster eine eher harmlos wirkende Neonschrift mit nachdrücklichem Imperativ zum „Rette sich, wer kann“ auffordert.

Meisterin der Erschaffung intensiver Bilder

Die überarbeitete und für die Ausstellung angepasste Installation aus dem Jahr 2001 zeichnet Christiane Möbus, Jahrgang 1947, wieder einmal als Meisterin der Erschaffung intensiver Bilder aus, die ihre eindrückliche Wirkung gegenläufigen Konnotationen und ästhetischen Stilen verdanken. Der alarmistische Ton, den die kalt-blaue Neonschrift anschlägt, wird gekontert durch den liebevoll geschwungenen und fast romantisierenden Schriftzug. Die mit Heu vollgepackten Boote rufen assoziativ die jede Migration abwehrende Parole „Das Boot ist voll“ auf, um sie mit ihrer absurden Ladung unmittelbar wieder zu zerstören.

Die Arbeit (Preis: 161.000 Euro), die im Galerieraum selbst um eine olfaktorische Note bereichert wird, aber auch von außen durchs Schaufenster betrachtet ihre Wirkung hat, ruft widersprüchliche, sinnliche Eindrücke hervor. Der Geruch des Heus lässt gleichzeitig Bilder von Meer und bäuerlichem Leben unversöhnlich aufeinanderprallen.

Mit wenigen Mitteln bühnenreife Kulissen

Mit wenigen, fast minimalistischen Mitteln, immer stilsicher konzentriert und gleichwohl kompakt inszeniert, schafft die Berliner Künstlerin bühnenreife Kulissen, vor denen sich das Gedankenspiel des Publikums dramaturgisch entwickeln kann. Allein schon mit dem vielschichtigen Bild der heubeladenen Rettungsboote triggert Möbus Szenarien angstbesetzter Themen wie Krieg, Vertreibung und Flüchtlingsdramen, ohne diese jedoch platt auszubeuten.

Ebenso schwingt hier das Thema Klimawandel mit, der den Meeresspiegels ansteigen und Boote zum Retter werden lässt. Möbus ist die Regisseurin im Hintergrund, die unsere Assoziationen wie ein Puppentheater an unsichtbaren Drähten steuert. Die Kombination von Sprache und Bild ruft Szenen auf, wie sie uns täglich medial erreichen. Gleichzeitig findet die Künstlerin ein Bild dafür, das über den reinen Alarmismus hinausreicht. Dafür entfaltet es subkutan seine beunruhigende Wirkung.

Auf dem Rücken der Tiere

Viele dieser bühnenreif und theatralischen Bilder aus Möbus’ bisherigem Lebenswerk entfalten allegorische Langzeitwirkung wie die von Tieren getragene große Arche „Auf dem Rücken der Tiere“ von 1990/94 oder ihre zwei auf dem Rücken liegenden Eisbären, die stilisierte Eisberge auf den Pfoten balancieren. Auch dort beschreiben die poetischen Inszenierungen mit leichter Hand komplexe Vorgänge, die sich um unser Leben und unseren Konsum auf Kosten von Flora und Fauna drehen. Zivilisationskritik schwingt immer mit, aber auch Sehnsucht: Das Schiff ist ebenso eine Metapher des Untergangs wie Zeichen für eine Reise zu neuen Ufern. Die Brisanz von Möbus’ Kunst ist auch in ihrer Arbeit „Rette sich, wer kann“ spürbar, ohne dass sie dafür eine einzige Schlagzeile zitieren muss. Das von ihr generierte Bild setzt die Fantasie und deren assoziativen Kräfte in Gang.

Galerie Volker Diehl, Niebuhrstr. 2, bis 15. Mai, tgl. 24 h von außen zu sehen, www.galerievolkerdiehl.com

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