Berthold Leibinger Stiftung : Comicbuchpreis für Anke Kuhl

Die Frankfurter Zeichnerin Anke Kuhl erhält den fünften Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung. Auch neun weitere Autoren wurden ausgezeichnet.

Lebhafte Bildsprache: Eine Seite aus Anke Kuhls „Manno!“ (für Komplettansicht auf Kreuz klicken).
Lebhafte Bildsprache: Eine Seite aus Anke Kuhls „Manno!“ (für Komplettansicht auf Kreuz klicken).Foto: Leibinger-Stiftung

Vor drei Jahren machte Anke Kuhl mit dem Kindercomic „Lehmriese lebt“ auf sich aufmerksam. Jetzt hat die in Frankfurt am Main lebende Zeichnerin und Autorin für ihr neues Projekt den zum fünften Mal ausgelobten Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung. Die höchstdotierte deutsche Comicauszeichnung ist in diesem Jahr erstmals mit 20.000 Euro dotiert, 4000 Euro mehr als im Vorjahr. Das teilte die Stiftung am Freitag mit. Wir dokumentieren im Folgenden die Begründungen der Jury für diese Wahl sowie für die weiteren neun Förderpreise in Höhe von 2000 Euro, die vergeben wurden.

Für den Comicbuchpreis 2019 hatten sich 77 Autoren und Zeichner aus Deutschland, Österreich, Belgien und der Schweiz beworben. Der Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung wird seit 2014 jährlich ausgeschrieben. Er wird für einen hervorragenden, unveröffentlichten, deutschsprachigen Comic vergeben, dessen Fertigstellung absehbar ist.

Die Jury bestand in diesem Jahr aus Andreas Platthaus (FAZ-Redakteur, Jury-Vorsitzender), David Basler (Edition Moderne), Barbara Buchholz (Journalistin), Professor Dr. Frank Druffner (Kulturstiftung der Länder), Dr. Brigitte Helbling (Autorin), Dr. Florian Höllerer (Leiter Literarisches Colloquium Berlin), Petra Morsbach (Schriftstellerin), Dr. Stefanie Stegmann (Leiterin Literaturhaus Stuttgart).

Die Begründungen der Jury für die Preisträger-Projekte:

Anke Kuhl – „Manno!“
„Schon in seinen ersten drei Episoden hat „Manno!“ die Jury mit seinem Witz, der lebhaften Bildsprache und den wunderbaren Kurzberichten aus einem ganz normalen Kinderleben zwischen Euphorie und Katastrophe begeistert. Die Geschichten sind – im geplanten Ablauf – lose verknüpft zur Memoire einer Kindheit, deren Fertigstellung als „All-Ages-Comic“ die schönsten Erwartungen weckt und dafür nun mit dem Comicbuchpreis der Leibinger Stiftung ausgezeichnet wird“, begründet Brigitte Helbling die Entscheidung der Jury.

Jan Bachmann – „Der Berg der nackten Wahrheiten“
„Jan Bachmann kann nicht von den Anarchisten lassen. In "Der Berg der nackten Wahrheiten" widmet er sich dem Monte Verità im Jahre 1900. Genauer: der Gemeinschaft von Aussteigern, die dort in der Nähe von Ascona einiges Aufsehen erregt. Mit expressivem Strich, der an den Franzosen Joann Sfar erinnert, zeichnet Bachmann zwar historische Ereignisse nach – allerdings weniger quellentreu als mit eigener Note sowie viel Witz in Wort und Grafik. All das macht Lust, diese Vorgeschichte zu Bachmanns Comic „Mühsam“ fertiggestellt zu sehen“, kommentiert Barbara Buchholz die Auszeichnung als Finalist.

Julia Bernhard – „Wie gut, dass wir darüber geredet haben“
„Julia Bernhard erzählt in kleinen Episoden von scheiternder Kommunikation, von den Zumutungen und Absurditäten gesellschaftlicher Konventionen. Ob Liebe, Familienplanung oder Karriere: Sie konfrontiert uns in beißenden Dialogen und pointierten inneren Monologen mit tradierten Erwartungshaltungen an junge Frauen. Die klar und reduziert gezeichneten Episoden verbindet Bernhard durch ein Schutz bietendes Sofamöbel, in das die weibliche Hauptfigur zum Ende hin hineinkriecht, um dieser Welt, die alles andere als die beste aller Welten zu sein scheint, endgültig zu entfliehen“ fasst Stefanie Stegmann zusammen.

Sascha Dreier – „Der Papierene“
Juror David Basler zu der Bewerbung: „Der Papierene, so hieß der Spitzname der österreichischen Fußballlegende Matthias Sindelar. Der Comic erzählt nun seine Geschichte, stilistisch der Epoche - die Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts in Wien - stimmig angepasst. Die sorgfältige und umfangreiche Recherche wie auch der Einbezug, über die Person hinaus, der damaligen politischen und gesellschaftlichen Umstände macht diesen Comic zu einer spannenden und informativen Lektüre.“

Oliver Grajewski – „Ein Jahr im Moor“
Andreas Platthaus charakterisiert die Arbeit: „Oliver Grajewskis „Moor“-Trilogie verspricht ein außerordentliches Comic-Erzählexperiment. Im nun bevorstehenden Mittelstück, „Ein Jahr im Moor“, setzt er die Erkundung seines Alter Egos in Schleswig-Holstein, der Kindheitsregion des Ich-Erzählers, fort, und abermals treffen autobiographische, essayistische und phantastische Elemente aufeinander. Sie eröffnen einen Stimmungsraum, der in der dichten, schwarzweißen Seitenarchitektur eine der Tiefe der Selbsterkundung entsprechende graphische Darstellung findet.“

Jakob Hinrichs – „Die Landschaft“
„Von der angekündigten, „verschachtelten“ Erzählstruktur über die Figuren-Palette und bis hin zu der Art, wie sich Text in Bild und Bild in Bild verschränken: Jakob Hinrichs will mit seinem Comicbuch etwas wagen. Was bisher von „Die Landschaft“ vorliegt, macht enorm neugierig auf mehr“ schreibt Brigitte Helbling.

Lukas Jüliger – „unfollow“
„Lukas Jüliger nimmt in seinem Comic „unfollow“ ein höchst aktuelles Thema auf: die Inszenierung eines jungen Soziale-Medien-Aktivisten, der durch seine Ökologie-App zum weltweit wirksamen Influencer wird – und zu einer Art Guru. Der Zwiespalt von gesellschaftlichem Engagement und privater Sensibilität und die daraus resultierende Entzauberung werden aus der Sicht mehrerer seiner Anhänger erzählt, und das in Bildern, die in Farb- und Formgebung ein graphisches Eigenleben entwickeln, die sie als geradezu organische Gebilde erscheinen lassen“, urteilt Andreas Platthaus.

Ansgar Reul – „Für Dich ließe ich Wälder wachsen“
„Ansgar Reuls Arbeit überzeugt durch seine berückend schönen, nahezu schwebend gehaltenen Bildwelten, in denen ein doppelter Verlust angedeutet wird: der Verlust eines geliebten Menschen, begleitet von einem zunehmenden sich-selbst-Verlieren. In Suchbewegungen, surrealen Begegnungen und Erinnerungen, gezeichnet mit zartem Strich, fügt er in warmen Farbtönen Figuren, Motive, Strukturen zu ganz eigenen Bildkompositionen, ergänzt nur um einzelne wenige Sätze“, beschreibt Stefanie Stegmann den Band.

Patrick Spät (Manuskript) und Bea Davies (Illustration) – „Gregor Gog – der Vagabundenkönig“
„Der Band „Gregor Gog – der Vagabundenkönig“ führt uns in ein Kapitel der Weimarer Republik, das wenig beleuchtet ist: die organisierte Bewegung der Vagabunden. Im Mittelpunkt steht die historische Figur Gregor Gog, Gründer u.a. der „Bruderschaft der Vagabunden“, in dessen alltäglichen Lebenskampf wir getaucht werden. Der virtuose Übermut, der das Skript von Patrick Spät kennzeichnet, findet in den schwarz-weißen Tuschezeichnungen von Bea Davies eine lebendige Entsprechung“, so Juror Florian Höllerer.

Franz Suess – „Schlieren“
Petra Mosbach fasst ihre Eindrücke zu diesem Werk zusammen: „Suess erzählt in drei „Kurzgeschichten“ über die Einsamkeit und Liebesversuche von drei unglücklichen Einzelgängern. Trotz ihrer Kürze bündeln die Episoden die Fatalität dreier Schicksale: obsessiv, ehrlich, und ohne jede Gefälligkeit, dabei durchaus mit Humor. Die Ästhetik ist einfach und scheinbar unambitioniert: Bleistift auf weißem Papier, die (treffenden, dichten) Dialoge nicht gelettert, sondern getippt. Dennoch entfalten alle drei Geschichten eine große Kraft und Unmittelbarkeit, denn sie sind radikal, präzise und frappierend pointiert.“

Die Preisverleihung mit Ausstellungseröffnung zu Manno, von Anke Kuhl findet am Montag, dem 29. April 2019, um 18 Uhr, im Literaturhaus Stuttgart statt. Anschließend wandert die Ausstellung an weitere Standorte.

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