Das hier sind die beiden Top-Titel von Micha Wießler

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Comic-Bestenliste : Die besten Comics 2017 – Micha Wießlers Favoriten
Micha Wießler
Was würden Sie empfehlen? Das fragen wir unsere Leser und eine Fachjury derzeit unter www.tagesspiegel.de/comics.
Was würden Sie empfehlen? Das fragen wir unsere Leser und eine Fachjury derzeit unter www.tagesspiegel.de/comics.Foto (Internationaler Comic-Salon): Lars von Törne

Platz 2: Wie ich versuchte ein guter Mensch zu sein (Ulli Lust)
Uli Lusts zweite autobiografische Graphic Novel setzt ein paar Jahre nach "Heute ist der letzte Tag vom Rest meines Lebens" ein. Sie lebt in Wien, versucht sich als Künstlerin durchzubringen, hat einen Sohn, der bei ihren Eltern auf dem Land lebt. Sie hat eine Beziehung mit dem deutlich älteren Schauspieler Georg, die aber auf Dauer die erotische Komponente vermissen lässt. Daher beginnt sie eine Affäre mit dem Nigerianer Kimata, der irgendwann Besitzansprüche entwickelt und gewalttätig wird. So weit so Klischee, könnte man sagen. Aber es ist nun mal so passiert und es ist die offene und ehrliche Art wie Uli Lust ihre Geschichte erzählt, die den Comic so gut macht. Sie zeigt ihr jüngeres Ich als naives, beeinflussbares und doch selbstbewusstes und triebgesteuertes Wesen. Das ist spannend und interessant, und man fühlt sich manches mal als Voyeur. Und damit sind nicht die auch üppig gezeigten Sexszenen gemeint. Diese illustrieren wie auch der Rest vor allem ihr Innenleben, ihre eigene Lust, an dem sie den Leser teilhaben lässt. Zur interessanten Geschichte kommt, dass Uli Lust die Mittel des Comic gekonnt anwendet, Stimmungen und Situationen dadurch unterstreicht und unterstützt.

Platz 1: Patience (Daniel Clowes)
Patience und Jack sind ein Paar, zwei arme Seelen, die sich nun endlich gefunden haben, ein Kind erwarten und einer, wenn auch finanziell ungesicherten, aber immerhin gemeinsamen Zukunft entgegensehen. Alles zerbricht als Jack nach Hause kommt und Patience ermordet auffindet. Natürlich wird er verdächtigt, nach vielen Monaten aber freigelassen und ab da vergeudet er sein Leben, sucht Antworten und findet keine. In der fernen Zukunft (2029!) bietet sich ihm dann die Gelegenheit, eine Zeitmaschine zu stehlen und es beginnt ein wilder Ritt durch die Zeit, durch sein und Patience Leben, in das sein älteres Selbst sich immer wieder einmischt, bis hin zum endgültigen Finale am Tag des Mordes. Dan Clowes ist einer der alten Helden des Independent-Comics, seine Reihe "Eightball" rockte Anfang der 90er die Comicwelt. Mit "Ghost World" wurde er darüber hinaus berühmt, und die Verfilmung u.a. mit einer sehr jungen Scarlett Johansson war ein vorzeigbarer Indie-Erfolg. Seitdem veröffentlicht er alle paar Jahre neue Bücher, jetzt im "Graphic-Novel"-Gewand. Thema ist immer irgendwie die Leere zwischen den Menschen, ihre Kälte, die sich in Zynismus und oft auch in Gewalt äußert. Und seine Figuren sind immer Außenseiter, durch deren Blick er die amerikanische Gesellschaft seziert. Und auch in "Patience", in diesem scheinbaren Science-Fiction-Genreumfeld, bleibt er seinen Themen treu. Ihm geht es natürlich nicht um Technik oder Science. Er benutzt die Genre-Klischees und eine fast schon abstruse Retro-Future-Optik für seine Zwecke, für seine Geschichte. Das alles kombiniert er mit seiner ganz eigenen stilistischen Meisterschaft als Comickünstler. Der beste Dan Clowes seit langem.

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