Comic-Fabel „Der Wolf“ : Ahab der Alpen

Die Comicerzählung „Der Wolf“ von Jean-Marc Rochette („Schneekreuzer“) entführt abermals in eine raue, kalte Umgebung.

Jäger und Gejagter: Eine Doppelseite aus „Der Wolf“.
Jäger und Gejagter: Eine Doppelseite aus „Der Wolf“.Foto: Knesebeck

In Jean-Marc Rochettes Comic-Roman „Der Wolf“ (aus dem Französischen von Anja Kootz, Knesebeck, 112 S., 22 €) lebt der alte Hirte Gaspard alleine mit seinem treuen Hund Max oben in den französischen Alpen, wo die Uhren noch etwas anders ticken und der knurrige Gaspard sich allem Fortschritt verweigert.

Er hackt sein Holz, geht auf die Jagd, besucht ab und zu das Dorf samt Kneipe im Tal und kümmert sich ansonsten vor allem um seine große Schafherde, die in den rauen Bergen weidet und seinen Lebensunterhalt ausmacht.

Das Problem wird mit dem Gewehr gelöst

Eine Wölfin, die Schafe reißt, ist da ein großes Problem – allerdings eines, das sich in Gaspards reaktionärem Weltbild trotz aller Gesetze mit einem Gewehrschuss lösen lässt. Den weißen Welpen der Wölfin gleich mit abzuschießen, kriegt der alte Hirte dennoch nicht über sich, was sich als folgenschwere Entscheidung erweisen soll. Denn der Weg der beiden wird sich später auf mehr als einmal kreuzen.

Eine weitere Doppelseite aus „Der Wolf“.
Eine weitere Doppelseite aus „Der Wolf“.Foto: Knesebeck

Vor der beeindruckenden, vom Treiben der Menschen und Tiere stets unbeeindruckten Kulisse der Alpen verknüpft Rochette das Schicksal des alten Schafhirten und des jungen Wolfs durch Verlust, Hass, Veränderungen und die gnadenlose Natur der Berge.

Gaspard sieht im Wolf, den er einst verschonte und der schließlich seine Schafherde heimsucht, ein Übel, das nicht von Rangern und Richtlinien beschützt, sondern von ihm gejagt und eliminiert werden sollte. Kein Wunder also, dass der weiße Wolf für den Hirten im Verlauf der Bildergeschichte zu einer Art weißem Wal, Gaspard dadurch selbst zu einem obsessiven Ahab der Alpen wird.

Ein ökologischer Weckruf

Darauf aufbauend, präsentiert der 1956 geborene, in Grenoble am Fuß der Alpen aufgewachsene Rochette, dessen „Schneekreuzer“-Comics inzwischen mehrere multimediale „Snowpiercer“-Adaptionen hervorgebracht haben, eine auf den ersten Blick klassische, archaische und intensive Abenteuerstory über Jäger und Raubtier.

Baptiste Morizots Nachwort zum Comic bietet jedoch noch weitere Schlüssel zur möglichen, vielfältigen Interpretation der Geschichte, da der bekannte Buchautor und Naturphilosoph in dem modernen alpinen Abenteuer eine wichtige Kritik am Zusammenleben von Mensch und Wolf sieht, das dringend neu definiert werden müsse. Einen Weckruf von Seiten Rochettes, der Landwirte, Schäfer, Politiker und auch die Konsumenten, die den Fleischpreis und damit die Bedingungen der Viehhaltung mitbestimmen, aufrütteln soll.

Begeisterter Bergsteiger - bis zu einem Unfall

Das vordergründige Duell in den gefährlichen Höhen des Écrins-Massivs fängt Jean-Marc Rochette, der bis zu einem schweren Unfall früher selbst ein begeisterter Bergsteiger und Kletterer war, in starken Bildern ein: Mit einem immer etwas kantigen und reduzierten, aber kräftigen Strich und einer ganz unaufgeregten Seitenaufteilung, was die Anordnung und Form der Panels anbelangt.

Das Titelbild des besprochenen Albums.
Das Titelbild des besprochenen Albums.Foto: Knesebeck

Koloristin Isabelle Merlet („Die Diebe von Karthago“) wertet Rochettes Bilder zusätzlich auf und sorgt selbst im Schnee für kräftige Kontraste und klare Konturen, wobei sich ihre Farbpalette mit den Jahreszeiten und den Höhemetern wandelt.

Der Comic-Fabel gelingt es dank ihrer gelungenen Bebilderung und einer simplen, nichtsdestotrotz packenden Geschichte, sich fast bis zum Schluss gegen ihren eigenen, nur am Ende etwas zu schweren Symbolismus zu behaupten.

Ein Thema, das wiederkommt

Die Coronakrise hat viele andere Themen aus dem Fokus gekegelt. Den Klimawandel zum Beispiel, oder auch nur die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland. Diese und andere Inhalte werden früher oder später, wenn die Pandemie abgeklungen oder überstanden ist, sicher wieder in den Blickpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit zurückkehren.

In der Zukunft mag die Wirkung eines Comics wie „Der Wolf“ daher wieder größer ausfallen als in diesen von Corona geprägten Zeiten – bis dahin ist Jean-Marc Rochettes moderne Fabel über Mensch und Wolf in den Alpen aber schon jetzt ein gelungener Abenteuercomic mit viel umweltbewusstem Interpretationsspielraum.