Comic-Magazin „Schwermetall“ : Comics ohne Kindersicherung

Hier entdeckten viele Leser erstmals die fantastischen Bilderwelten von Moebius und Co. Jetzt erzählt ein Sachbuch die Geschichte von „Schwermetall“.

Florian Friedman
Avantgardistisch und augenzwinkernd: Das Cover des "Schwermetall"-Hefts 30 aus dem Jahr 1982 von Richard Corben.
Avantgardistisch und augenzwinkernd: Das Cover des "Schwermetall"-Hefts 30 aus dem Jahr 1982 von Richard Corben.Foto: Promo

In Zeiten des Internets lässt sich nur schwer nachvollziehen, mit welcher Wucht einen als Comic-Fan in den 80er Jahren die Entdeckung von „Schwermetall“ traf. Aufgewachsen in vergleichbar bilderarmen Jahren sah man hier zum ersten Mal, welchen Sog Comics ausüben können, ist erst einmal die Kindersicherung entriegelt. Was sich da auftat, lag weit von allem, was man jenseits von Tim und Struppi, Donald Duck und Ähnlichem je erwartet hatte.

Schon in Ausgabe eins begegneten dem Leser später legendäre Künstler des Erwachsenen-Comics wie Philippe Druillet, Richard Corben, Jeff Jones oder Moebius. Mit seiner nahezu ohne Text auskommenden Geschichte „Arzach“ lieferte dieser im ersten Heft den stärksten Beitrag. Die Wirkung dieses Meisterwerks reichte bis nach Japan, wo es unter anderem Hayao Miyazaki bei der Arbeit an dem Manga/Anime „Nausicaä aus dem Tal der Winde“ beeinflusste.

Nichts für die Schmuddelecke eines Bahnhofskiosks

Aber auch in Hollywood hinterließen die „Schwermetall“-Künstler Spuren: Filmemacher wie Ridley Scott, Guillermo Del Toro oder George Lucas fanden hier Inspiration. Es öffnete sich eine Welt, die bizarre Sci-Fi-Universen, Sozialkritisches, Humor, Fantasy-Ästhetik und hohe Literatur (Rimbaud, Flaubert …) auf erstaunliche Weise vermählte. Solche erzählerisch-visuellen Experimente ließen sich zu dieser Zeit, hatte man nicht gerade ein Millionen-Budget zur Hand, eigentlich nur im Comic verwirklichen.

Eine Doppelseite aus dem besprochenen Buch.
Eine Doppelseite aus dem besprochenen Buch.Foto: Promo

Wer bei dem etwas unglücklichen Ausdruck „Erwachsenen-Comics“ an nackte Haut denkt, darf sich im Fall von „Schwermetall“ beim Anblick der meisten Cover-Illustrationen bestätigt sehen. Blättert man aber durch die Hefte, wird klar, dass man es hier keineswegs mit Pornografie zu tun hat. An Erotik waren die Zeichner und Autoren fraglos interessiert. Doch war diese, selbst wenn sie im Zentrum stand, Teil von Bilderwelten, die zu avantgardistisch und augenzwinkernd ausfielen, um gut in die Schmuddelecke eines Bahnhofskiosks zu passen.

Am Ende reichte der Ehrgeiz des Verlegers nicht

Während in Deutschland die Zeitschrift erst ab 1980 veröffentlicht wurde, hatte in Frankreich das Muttermagazin „Métal Hurlant“ schon sechs Jahre früher bewiesen, wie wenig das Potenzial der Kunstform bislang erkundet worden war. In Paris riefen die Künstler ihr Heft selbst ins Leben; hierzulande bedurfte es einer Hippie-Ikone wie Raymond Martin, um „Schwermetall“ zu starten. Für Henryk M. Broder war Martin „der wahrscheinlich einzige sogenannte Typ der Subkultur, der sich nicht zum Subventionsempfänger und auch nicht zum Popclown hat degradieren lassen“.

Am Ende reichte der Ehrgeiz des Underground-Verlegers nicht aus. Zwar wirtschaftete Martin ganz ohne Fördermittel, aber seine Außenstände waren Mitte der Achtziger so hoch, dass er „Schwermetall“ verkaufen musste, das dann im Verlag der Druckerei des Hefts weitergeführt wurde.

Das Cover des besprochenen Buches.
Das Cover des besprochenen Buches.Foto: Edition Alfons

Achim Schnurrer, der Martin 1985 als Chefredakteur ablöste, erzählt nun in „Das war Schwermetall“ in zwei Bänden die Geschichte des Magazins. Kleinteilig, von Ausgabe zu Ausgabe, geht der Autor dabei vor und verliert sich leider mitunter in Anekdoten, die wenig zur Erhellung beitragen. Trotzdem bietet Schnurrer einen interessanten Einblick in das Auf und Ab dieser für die Comic-Landschaft so wichtigen Publikation und macht auf Künstler aufmerksam, deren Comic-Veröffentlichungen zu wenig beachtet wurden (Nicole Claveloux, Paul Kirchner …).

Die schiere Wucht des Revolutionären, mit der „Schwermetall“ und dessen französischer Vorläufer faszinierten, kann dieses Buch aber nicht vermitteln. Zu Recht wird das jedoch vielen angesichts der rar gesäten Literatur zum Thema einerlei sein.

Achim Schnurrer: Das war Schwermetall. Edition Alfons, Band 1: 244 Seiten, 24,95 Euro

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