„Der Bücherdieb“ : Meister der Selbsttäuschung

In der Hochstapler-Geschichte „Der Bücherdieb“ führen Alessandro Tota und Pierre van Hove in die Pariser Intellektuellenszene der 1950er Jahre.

Möchtegern-Schriftsteller. Eine Szene aus „Der Bücherdieb“.
Möchtegern-Schriftsteller. Eine Szene aus „Der Bücherdieb“.Foto: Reprodukt

Daniel Brodin ist ein Hochstapler. Jedoch keiner, der vorsätzlich und planvoll täuscht und stets die Fäden fest in der Hand hält. Er stolpert vielmehr von einer Situation in die nächste und lässt sich von einem Opportunismus leiten, der nicht recht zum Bild des Hochstaplers passen will.

Doch auch wenn man als Leser oft den Eindruck hat, die Ereignisse würden Daniel über den Kopf wachsen, so teilt er selbst diese Einschätzung ganz und gar nicht. Er scheint getrieben von einer allumfassenden Selbstüberschätzung – ein Charakterzug wiederum, der äußerst passend für einen Hochstapler ist.

Er träumt vom großen Ruhm als Schriftsteller

Im Paris der 1950er-Jahre studiert er Jura, seine eigentliche Leidenschaft ist jedoch das Schreiben und er träumt vom großen Ruhm als Schriftsteller. Er treibt sich außerdem häufig in Buchhandlungen herum und lässt das eine oder andere Exemplar in seiner Tasche verschwinden, was ihm den Spitznamen „Bücherdieb“ einbringt.

In ihrem gleichnamigen Comic nehmen Alessandro Tota und Pierre van Hove den Leser in klaren schwarz-weißen Panels und einer mehr oder weniger regelmäßigen Seitenarchitektur mit ins Paris der 1950er-Jahre, in die Cafés von Saint-Germain-des-Prés, in denen die Literaturszene sich trifft und der Geist des Existentialismus in der Luft liegt. Mittendrin ihr Protagonist Daniel Brodin, der sich bei einem Dichterwettstreit plötzlich im Zentrum der Aufmerksamkeit findet.

Niemand deckt den Betrug auf

Als er aufgefordert wird etwas vorzutragen, übersetzt er aus dem Stehgreif ein relativ unbekanntes italienisches Gedicht und gibt die Worte als seine eigenen aus. Auch wenn er von der Mehrzahl der Anwesenden als herausragendes literarisches Talent gefeiert wird, bleibt sein Plagiat nicht unbemerkt. Da erscheint es als glückliche Fügung, dass er noch am selben Abend in eine Gruppe zwielichtiger Gestalten gerät, die sein Plagiat in einem Manifest als subversive Aktion deklarieren wollen.

Doch niemand deckt in der Literaturszene den Betrug auf und Daniel erhält das Angebot, in einer angesehenen Literaturzeitschrift zu veröffentlichen. Geleitet vom Opportunismus und getrieben von seiner Sehnsucht nach literarischem Erfolg, versucht Daniel nun, seine neuen Freunde von der Veröffentlichung des Manifests abzubringen.

Das Cover des besprochenen Bandes.
Das Cover des besprochenen Bandes.Foto: Reprodukt

Auch wenn die Geschichte unterhaltsam erzählt ist und der Blick auf die Pariser Intellektuellenszene stets augenzwinkernd, so bleibt Daniel letztendlich ein rätselhafter Charakter. Sind die Selbstüberschätzung und die damit verbundene Selbsttäuschung so groß, dass er die erzählten Ereignisse tatsächlich für die glücklichsten Tage seines Lebens hält? Vielleicht ist er am Ende ein Hochstapler, der von allen sich selbst am besten zu täuschen versteht.

Alessandro Tota, Pierre van Hove: Der Bücherdieb. Reprodukt, aus dem Französischen von Volker Zimmermann, Lettering von Anna Weißmann, 176 Seiten, 20 Euro

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