Düstere Welt der Zukunft : Paris kann so kalt sein

Im Science-Fiction-Comic „Paris 2119“ spielen Zep und Dominique Bertail die Folgen von Fortschritt und Digitalisierung durch.

Birte Förster
Digitale Diktatur: Eine Szene aus „Paris 2119“.
Digitale Diktatur: Eine Szene aus „Paris 2119“.Foto: Schreiber & Leser

Drohnen fliegen durch die Straßen, große Scheinwerferkegel decken große Teile der Stadt ab und an jeder Ecke können Passanten abgescannt und deren Identität überprüft werden. In weniger als 17 Nanosekunden erfasst digitale Technik ein ganzes Gehirn. Eine Miliz ist auf den Straßen unterwegs, um Verdächtige Personen aufzugabeln. Im 22. Jahrhundert herrscht eine Atmosphäre der Totalüberwachung.

Flugzeuge und Autos wurden abgeschafft

Szenarist Zep und Zeichner Dominique Bertail entwerfen in ihrem Science-Fiction-Comic „Paris 2119“ (Schreiber&Leser, 88 S., 19,80 €) eine unheimliche Dystopie, in der sie Entwicklungen aus der heutigen Zeit bis ins Extreme weiterdenken. Es ist eine Welt, in der die Identität eines Menschen nur noch auf einer Ansammlung digital erfasster Daten basiert und digitale Klonen kaum von realen Menschen zu unterscheiden sind. Eine mächtige Obrigkeit steuert das Leben jedes Einzelnen.

Fortschritt und Digitalisierung haben den Alltag der Menschen stark verändert. Die Klimaerwärmung im vergangenen Jahrhundert zwang die Menschen dazu, auf Flugzeuge und Autos zu verzichten. Die Lösung lautete Transcore: In einer hochtechnisierten Kabine gelangen Menschen in weniger als einer Sekunde von einem Ort zum anderen.

Aber Protagonist Tristan Keys verweigert sich der verbreiteten Technologie und fährt lieber Metro, die kaum noch genutzt wird. Er ist Nostalgiker und wird als „Ewiggestriger“ beschrieben. Als einer von wenigen trauert er einer längst vergangenen Welt nach. Mit seiner Haltung beweist er Intuition. Als er auf eine schwer verletzte Frau trifft, die eine Transcore-Kabine verlässt, kommen Zweifel auf. Schließlich erfährt er, welch krude Systematik hinter Transcore steckt.

Eine weitere Szene aus „Paris 2119“.
Eine weitere Szene aus „Paris 2119“.Foto: Schreiber & Leser

Mit seinem Szenario liefert der Schweizer Comiczeichner Philippe Chappuis alias Zep, der vor allem durch seine Serie „Titeuf“ bekannt geworden ist, eine spannende Geschichte. Er wirft darin existenzielle Fragen auf und zeigt die Verluste, die mit der Digitalisierung einhergehen.

Alles ist virtuell - auch das Essen

Früh sieht Keys die Nachteile aller technischen Errungenschaften wie Transcore. „Ist die Zeitspanne einer Reise nicht notwendig, um den neuen Zielort sinnlich zu erfassen?“, lautet eine seiner Fragen. In einem seiner Texte schreibt Autor Keys, dass das Wort „Glück“ verschwindet, weil alles – sogar Essen – virtuell sofort erhältlich ist.

Keys schätzt alles Sinnlich Erfahrbare wie ein Buch, das ihm seine Freundin Chloé schenkt: eine 200 Jahre alte gedruckte und gebundene Ausgabe von Arthur Conan Doyles Roman „Die vergessene Welt“, in der er freudestrahlend blättert. Im 22. Jahrhundert sind solch haptische Erlebnisse von besonderem Wert.

Chloé fungiert als Gegenpol zu Keys. Zwar findet sie seine Gedanken über die Lebensrealität des 22. Jahrhunderts nachvollziehbar, sieht aber vor allem die Vorteile in der digitalen Technik. „Die Leute werden so etwas nicht hören wollen“, äußert sich Chloé zu Keys kritischer Haltung. „Du wirst mit deinen nostalgischen Texten Ärger bekommen“, sagt sie.

Das Titelbild des besprochenen Bandes.
Das Titelbild des besprochenen Bandes.Foto: Schreiber & Leser

Chloé glaubt ihm auch nicht, als er ihr von einem digitalen Klon berichtet, der ihre Identität angenommen hat. Wie die meisten anderen Menschen nimmt sie auch Transcore als effizientes Fortbewegungsmittel wahr. Dass ihre Geschäftsreisen sie regelmäßig nach China führen, ist vermutlich kein Zufall. In „Paris 2119“ entsteht so eine Brücke in die Gegenwart: Schließlich macht sich das Reich der Mitte schon heute die Digitalisierung zunutze, um die Überwachung seiner Bürger voranzutreiben.

„Man hofft, dass man sich irrt“

Eindrucksvoll sind auch die düsteren und detailreichen Zeichnungen des Franzosen Bertail, der zuletzt seinen Western-Comic „Mondo Reverso“ veröffentlicht hat. Das einst romantische Paris wird in dem Comic zu einem kalten, schmutzigen Pflaster. In den dunklen Straßen sind kaum Menschen unterwegs.

Die noch im 21. Jahrhundert berühmten architektonischen Besonderheiten sind nur noch am Rande zu erkennen. In der futuristischen Stadt dominieren bedrohlich wirkende Formen mit harten Kanten und Spitzen. „Sich die Zukunft unserer Städte vorzustellen ist spannend. Es lässt Raum für viele Hypothesen“, teilt Zep im Making-Of des Bandes mit. „Und man hofft, dass man sich irrt.“