Fantasy-Comic „Das Goldene Zeitalter“ : Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit

Roxanne Moreils und Cyril Pedrosas Comic „Das Goldene Zeitalter“ ist eine farbdurchschwungene Reflexion über den Wahlspruch der Französischen Republik.

Heike K. Behnke
Von mittelalterlicher Kunst inspiriert: Eine Seite aus „Das Goldene Zeitalter“.
Von mittelalterlicher Kunst inspiriert: Eine Seite aus „Das Goldene Zeitalter“.Foto: Reprodukt

Die europäische Aufklärung lässt sich oft nur unzureichend mit dem als konservativ geltenden Genre Fantasy vereinbaren. Dort wird das finstere Mittelalter gern zum Hintergrund, vor dem sich dann vereinzelte fortschrittliche Individuen durch das Vertreten humanistischer Werte umso heller abzeichnen. So zu anachronistischen Lichtgestalten hochstilisiert, lassen diese Vorboten einer neuen Zeit den Bruch mit der alten Weltordnung ganz einfach aussehen, verstellen aber den Blick auf das, was die heute selbstverständlichen Ideale früher einmal radikal gemacht hat.

Der französisch-portugiesische Comic-Künstler Cyril Pedrosa und die Kunsthistorikerin Roxanne Moreil brechen mit dieser schlechten Angewohnheit. Ihr farbenprächtiges, mit phantastischen Elementen durchsetztes Mittelalter, Schauplatz des nachdenklichen Fantasyepos „Das Goldene Zeitalter“ (Band 1, aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock, Handlettering von Andreas Michalke, Reprodukt, 232 S., 29 €), stellt die Frage nach der Bedingung von Aufklärung überhaupt: Wie kann in einer Hierarchie, die allen Menschen unumstößlich scheint, erstmals ein Bewusstsein von Gleichheit entstehen? 

Dabei ist die Prämisse klassisch. Die gutherzige Prinzessin Tilda bereitet sich gerade darauf vor, den Thron ihres sterbenden Vaters zu erben, als ihr kleiner Bruder, selbst noch ein Kind, mit Hilfe des Hofadels die Macht an sich reißt.

Gemeinsam mit dem treuen Ritter Tankred und ihrem Jugendfreund Bertil gelingt ihr die Flucht und so macht sich das Trio auf die Reise durch verwunschene Splash-Panels und atemberaubend abstraktionsaffine Verfolgungssequenzen, um einen der letzten Verbündeten des verstorbenen Königs aufzusuchen. Dieser hütet nämlich ein Geheimnis, das der von Schwächeanfällen geplagten Tilda helfen könnte, ihren rechtmäßigen Platz einzunehmen.

Nun mag man bis zu den vorausahnenden Visionen, welche die Protagonistin flammenumhüllt und in schönster Jeanne-d’arc-Montur zum Krieg gerüstet zeigen, ähnliche Erzählelemente in zahllosen anderen Fantasyabenteuern antreffen, doch die genreuntypische Visualisierung hält die Klischees im Zaum.

Je verängstigter die Figuren, desto abstrakter die Sequenzen.
Je verängstigter die Figuren, desto abstrakter die Sequenzen.Foto: Reprodukt

Wahlverwandtschaften

Eine strukturelle Verwandtschaft zwischen der Kunst des Mittelalters und dem modernen Comic gerät zunehmend in den Blick – zum einen durch Wandgemälde mit visuellen Nacherzählungen der Passionsgeschichte, zum anderen auf Grund der Nähe zwischen Text und Bild bei Zierbuchstaben und Spruchbändern in der Buchmalerei, die an kunstvolles Handlettering erinnern.

So gesellte sich neben gelegentlichen Aufsätzen in der einen oder anderen Fachzeitschrift (etwa Martha Rusts „It’s a Magical World: The Page in Comics and Medieval Manuscripts“ von 2008) 2019 der Workshop „Vom Spruchband zur Sprechblase. Comics des Mittelalters – Mittelaltercomics“ an der Universität Tübingen hinzu. Auch von künstlerischer Seite gibt es Annährungsversuche, beispielsweise Anke Feuchtenbergers Comicaltar „Tracht und Bleiche“

Dennoch ist schwer vorstellbar, dass jemand die einst so strahlenden Farben verblasster Wandteppiche und brüchiger Papierseiten ähnlich selbstverständlich in seinen eigenen Stil aufnimmt und damit in die Gegenwart überführt wie der siebenundvierzigjährige Cyril Pedrosa, dessen Hang zu transparenten, geschwungenen Konturen bereits in seiner Hommage an die verlorene Heimat „Portugal“ und vor allem in „Jäger und Sammler“ zum Tragen kommt, letzteres in ästhetischer Hinsicht der direkte Vorgänger von „Das Goldene Zeitalter“.

 Moreil und Pedrosa schildern die Mär von der entrechteten Königstochter in reger Bildsprache und hypnotischen Farben, die sich flächig in den Vordergrund drängen. Dass hier mittelalterliche Kunst als Inspiration diente, sticht schon bei den Faltenwürfen der Gewänder ins Auge, schlägt sich aber vor allem in den mit der Hilfe von Claire Courrier und Joran Treguier aufwändig kolorierten Konturen nieder.

Hinzu kommen stilisierte Details, die in ihrer Ornamenthaftigkeit keine Unterschiede zwischen dem Wald und seinen in wirbelnde Herbsttöne versenkten Bäumen oder den aufwändig verzierten Purpurtapeten des königlichen Palastes machen. Einzig gerade Linien bleiben den menschlichen Behausungen vorbehalten, wo sie mitunter so schüchtern miteinander verschmelzen, als wollten sie als Konturen gar nicht in Erscheinung treten.

Die Bildkomposition denkt die geschmeidigen Umrisse, wie man sie etwa aus der gotischen Malerei kennt, weiter und reichert jedes Panel mit Formen an, die das Auge nahezu unwillkürlich nachvollzieht. Hier setzt ein Fischschwarm die Spiralbewegung des Schilfs fort, dort kreisen dunkler werdende Schatten subtil um eine Feuerstelle, Hintergründe und Vordergründe schieben sich verspielt ineinander.

 

Alles im Fluss - bis hin zu den Fischen.
Alles im Fluss - bis hin zu den Fischen.Foto: Reprodukt

Das fiktive Mittelalter, das Moreil und Pedrosa über ein Jahr hinweg gemeinsam entwarfen, ist freilich an keine bestimmte Epoche angelehnt, sondern verzichtet als Märchenwelt bewusst auf datierbare Symbolik. Fern von jedem Anspruch, komplexe soziokulturelle Verhältnisse nachzuvollziehen, spürt die Erzählung der Beziehung zwischen Freiheit und Gleichheit nach, ohne mit weiteren Faktoren von diesem ohnehin schwierigen Verhältnis abzulenken.

So wird etwa die Religion, sonst in historischen Settings beliebte Gegenspielerin des Freiheitsgedankens, als Thema weitgehend ausgespart. Die Lebensumstände der Bevölkerung bekommt man dennoch vermittelt. Tildas Untertanen wuseln ameisengleich durch Landschaftstotalen, gehen ihren Tätigkeiten als Diener oder Händler nach und teilen sich sprechblasenreich mit.

Zu zentralen Figuren werden aber die tragikomisch karikierten Bauern, die sich Gleichheit nicht einmal vorstellen können, bis sie durch Hunger und Gewalt zur absoluten Verzweiflung getrieben werden. Wie sehr das Milieu den einzelnen Menschen prägt, muss dabei auf Textebene gar nicht thematisiert werden, denn auch hier erzählt die Kolorierung mit, vom hinkenden Leibeigenen bis zur ausgezehrten Königin nehmen alle die Nuancen ihrer Umgebung an, sind den wechselnden Farbspektren gleichermaßen unterworfen.

Freiheit, die ich meine

Das Augenmerkt auf die Bauern, deren Szenen eher Zwischenspielcharakter haben, problematisiert unterschwellig die Handlung: Sollte Prinzessin Tilda nämlich ihren Thron zurückerobern, bleibt die Monarchie dennoch bestehen – und mit ihr die Ungleichheit.

So ist die Protagonistin letztlich in zwei Handlungssträngen verstrickt, von denen der herkömmliche Erbschaftsstreit allen überraschenden Wendungen zum Trotz der uninteressantere bleibt. Denn im einfachen Volk wächst der Wille zur Revolution, angefacht von einem neu übersetzten Manuskript aus der Provinz Ohman, das geradezu ketzerisch behauptet, alle Menschen seien gleich geschaffen.

Der Traum vom goldenen Zeitalter, in dem Besitz und Geburt noch keine Unterschiede zwischen den Menschen konstituierten, stellt jede gängige Ordnung auf den Kopf. Selbst im Märchen kommen Ideen nicht aus dem Nichts, sondern werden überliefert – und wenn die Figuren Ohman erreichen und sich unter einem offenen Himmel in apollinischer Landschaft die ersten Ruinen antiker Tempel zeigen, liegt plötzlich ein Hauch von Renaissance in der Luft.

Das Titelbild des besprochenen Bandes.
Das Titelbild des besprochenen Bandes.Foto: Reprodukt

Auf welche Seite sich Tilda stellen wird, wenn das Ringen um diesen neuen Gedanken beginnt, bleibt unklar, die Frage treibt jedoch bereits einen Keil in ihre Reisegemeinschaft. Wie vielschichtig die Frage nach der Gleichheit ist, zeigt die Frauenenklave im Wald von Aumale, in der die Reisenden während ihres Abenteuers Unterschlupf finden. Hier wird die Utopie im Kleinen gelebt, denn da die Selbstversorgerinnen sämtliche Tätigkeiten unter sich aufteilen, lehnen sie alle Besitzverhältnisse ab, kennen weder Herrschaft noch Dienerschaft.

Von einer esoterischen Verklärung der reinen Frauengesellschaft ist hier zum Glück nichts zu spüren, die Bewohnerinnen des geheimen Dorfes berufen sich nicht auf ein obskures Ewigweibliches, sondern haben sich aus der Überzeugung heraus zurückgezogen, dass die erträumte Gleichheit nur unter Frauen, niemals aber zwischen Frauen und Männern bestehen kann.

Was wie eine kleine Hommage an Christine de Pizans im frühen 15. Jahrhundert erschienenem Livre de la Cité des Dames wirkt, einen frühfeministischen Text, der einen ähnlichen Schutzraum entwirft, straft den Traum der absoluten Gleichheit Lüge.

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So sind es denn auch Männer, die bei Moreil und Pedrosa zu Aufständischen werden, wo die Frauen sich zunächst noch weigern, Galionsfiguren der Bewegung zu sein. Der zweite Band, der das Epos abschließen und diese Fragen zweifellos weiter ausführen wird, erscheint in Frankreich im März 2020.