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© Blumenbar / Nick Drnaso

Graphic Novel „Acting Class“ von Nick Drnaso: Zwischen Realität, Fantasie und seelischen Abgründen

Sein Buch „Sabrina“ war als erster Comic für den renommierten Man Booker Prize nominiert und erntete viel Lob. Nun hat Nick Drnaso eine neue Graphic Novel veröffentlicht.

Von Birte Förster

Kurz vor dem Aufwachen sind die nächtlichen Träume zuweilen besonders intensiv und wirr. Wenn sich die Wahrnehmung langsam nach außen richtet und Elemente aus dem realen Leben aufnimmt – oft in einer ganz anderen Konstellation. Das mag irritieren oder für einen kurzen Moment sogar verstören.

Mit diesem besonderen Traumerleben spielt Comickünstler Nick Drnaso in seiner neuesten Graphic Novel „Acting Class“ (aus dem Amerikanischen von Karen Köhler und Daniel Beskos, Blumenbar, 268 S., 28€).

Unangenehm und beklemmend – so lässt sich wohl am besten die Atmosphäre beschreiben, die dieses Werk von der ersten bis zur letzten Seite durchzieht. Die Stimmung ist besonders und dominierte in ähnlicher Weise schon in seiner vorigen Graphic Novel „Sabrina“, die 2018 als erster Comic für den renommierten Man Booker Prize nominiert wurde.

Nach und nach wird aus Spiel Ernst

Während es in „Sabrina“ um das Verschwinden und den grausamen Mord an einer jungen Frau geht, was zum Anlass für krude Verschwörungstheorien in der Gesellschaft wird, ist das Thema in „Acting Class“ ein völlig anderes.

Eine Seite aus „Acting Class“.
Eine Seite aus „Acting Class“.
© Blumenbar / Nick Drnaso

In einem Schauspielkurs treffen zehn Frauen und Männer aufeinander. Alle eint, dass sie auf der Suche nach etwas sind, ihrem Leben eine neue Richtung geben wollen. Oder einfach aus der Isolation herausfinden wollen. In einigen Szenen erlebt man die Teilnehmer:innen zunächst in ihrem Alltag.

Es deutet sich bereits an, dass viele von ihnen schwierige, zum Teil problembehaftete Persönlichkeiten sind. Ein Paar will seiner Beziehung neuen Schwung geben, eine andere Teilnehmerin leidet an einer psychischen Störung. Von einem anderen ist später zu erfahren, dass er sich als Jugendlicher an einem Nachbarskind vergangen hat.

Erste kurze Schauspielübungen erscheinen noch recht harmlos. Nach und nach wird das Spiel immer tiefgehender und die Auseinandersetzung mit verschiedenen Rollen intensiver. Irgendwann gibt es kleine Vorkommnisse, sehr subtil zunächst, die für Irritationen sorgen. Ist das Realität? Oder Teil des Spiels?

Gesichter wie Masken

Genau diese Ungewissheit begleitet die Handlung und ist die Ursache eines fortwährenden Unbehagens. In Imaginationsübungen dringen die Teilnehmer:innen in ihr Innerstes vor und werden mit bislang verborgenen Seiten ihrer Persönlichkeit konfrontiert.

Eine weitere Seite aus dem besprochenen Buch.
Eine weitere Seite aus dem besprochenen Buch.
© Blumenbar / Nick Drnaso

Der Schauspiellehrer John, dessen Intention schwer zu deuten ist, hält dabei die Fäden in der Hand. Und wirkt bei aller Professionalität zeitweise nicht sehr vertrauenswürdig.

In immer längeren Improvisationen begegnen sie sich in unterschiedlichen Rollen. Dabei verwischen zunehmend die Grenzen zwischen Realität und Imagination. Nicht nur für sie selbst, sondern auch für die Leser:innen wird es immer schwieriger zu erkennen, wo das Spiel aufhört und die Realität beginnt. Die Erzählebenen sind kaum noch zu trennen.

Diese Vielschichtigkeit macht den enormen Reiz dieser komplexen und faszinierenden Erzählung aus. Die Lektüre entfaltet einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.

Mit seinem eigenwilligen Zeichenstil transportiert Drnaso großartig die kalte, düstere Atmosphäre, die in dem Comic vorherrscht. Geometrische, akkurat gezogene Linien lassen ein steriles und trostloses Setting entstehen.

Das macht sich vor allem in der Raumarchitektur bemerkbar. Die Räume sind eng oder langgezogen und haben drückend niedrige Decken. Darin wirken die Figuren wie ausgeliefert. Oder sie finden sich in menschenleeren und verlassenen Gegenden wieder.

Die reduziert gezeichneten Gesichter der Figuren wirken wie Masken. Alles ist zumeist in dunklen und matten Farben gestaltet. Durch die mechanisch anmutende Gleichförmigkeit tritt ein Gefühl der Verunsicherung, zum Teil auch der unterschwelligen Bedrohung, umso stärker hervor.

Das Titelbild von „Acting Class“.
Das Titelbild von „Acting Class“.
© Blumenbar

Auch dass die Handlung größtenteils gemächlich voranschreitet, erzeugt eine besondere Spannung. Drnaso hat es nicht eilig. Schritt für Schritt spielt er die Szenen ab und steigt dabei tief in die einzelnen Schauspielübungen ein. In kleinen Handlungen zeigt er, wie sich die Figuren verändern.

Erklärungen oder Anmerkungen gibt es keine, nur die Dialoge. Immer wieder müssen sich somit auch die Leser:innen neu orientieren, denn mit fast jeder Szene wird man an einen neuen Ort katapultiert – irgendwo zwischen dem realen Leben, der Fantasie und den Abgründen der Seele.

Wie in einem Fluss geht die Szene des einen in die des anderen über, die Figuren begegnen sich darin in neuen Konstellationen. Alles wirkt verstörend real, vieles hat faszinierend kafkaeske Züge. So geraten die Figuren zunehmend in einen Strudel aus Imagination und teils albtraumhaften Geschehnissen.  

Absolut verblüffend ist, wie Drnaso es gelingt, eine derart vielschichtige Dramaturgie zu konzipieren, ohne dabei den Faden zu verlieren. Meisterhaft wie ein geschickter Marionettenspieler versteht er es, die verschiedenen Erzählstränge zu beherrschen und zusammenzuführen. Und so seine Protagonist:innen immer mehr in eine bizarre, surreale Welt zu führen – aus der es vielleicht kein Erwachen mehr gibt.     

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