Katze liebt Maus : Der pure Comic

Das wahnwitzigste Comicprojekt des Jahres: Taschens Gesamtausgabe aller farbigen Sonntagsseiten des Comicstrip-Klassikers "Krazy Kat".

Dreiecksverhältnis: Eine Doppelseite aus dem Krazy-Kat-Sammelband.
Dreiecksverhältnis: Eine Doppelseite aus dem Krazy-Kat-Sammelband.Foto: Taschen

Stellen wir uns vor: ein halbes Jahrhundert der Literatur wäre zu weiten Teilen aus dem Bewusstsein verschwunden. Kaum einer wüsste noch, was zwischen 1900 und 1950 publiziert worden wäre. Kein Steinbeck, kein Thomas Mann, kein Joyce. Zentrale Werke wären vollständig vergessen.

Das ist nicht ganz, aber fast die Situation des Comics. Dessen Geschichte beginnt im öffentlichen Bewusstsein meist 1938 (der Erstveröffentlichung von Superman) oder 1929 (erster Auftritt von Tim & Struppi). Also in der Zeit der ersten eigenständigen Comichefte oder -magazine.

Davor waren Comics ausschließlich als Strips in Tageszeitungen erschienen. Eine tägliche Wegwerfware, deren Originale man oft in den Redaktionen nach Drucklegung vernichtete, deren kommerzieller und künstlerischer Wert nicht über den Tag hinaus galt. Schon gar nichts übers Jahrzehnt: als die meisten Zeitungsarchive in den USA in den Fünfzigerjahren von Papier auf Mikrofilm umstiegen, wurden die Printausgaben in der Regel entsorgt.

Während also Superman und Tim & Struppi neben Fortsetzungen durch Nachdrucke und allgemein die einfache Sammelbarkeit von Comicheften am Leben blieben, wurden die Comicstrips häufig dieser Möglichkeit beraubt. Nachdrucke in Buchform gab es nur von den besonders erfolgreichen: "Prinz Eisenherz", "Flash Gordon" und einigen anderen.

Eines der eigensinnigsten Meisterwerke des Comics

Vermutlich ist es darum Irrsinn, "Krazy Kat" in Deutschland zu veröffentlichen. Aber wenn, ist es die sympathische Art Irrsinn, auf der die ganze Verlagsphilosophie des Taschen-Verlags fußt. In diesem Fall: ein sehr teurer, sehr schwerer Sammelband mit fast allen Farbseiten eines Comics, von dem in den letzten hundert Jahren selbst in den USA kaum jemand gehört hat (Alexander Braun: George Herrimans "Krazy Kat". Die kompletten Sonntagsseiten in Farbe 1935–1944, Taschen 632 S., 150 €).

Wiederholungstäter: Eine weitere Doppelseite aus dem Sammelband.
Wiederholungstäter: Eine weitere Doppelseite aus dem Sammelband.Foto: Taschen

"Krazy Kat", ein Strip, der schon zu Laufzeiten (1913 - 1944) wenig Fans hatte, und der, weil er jahrzehntelang nicht nachgedruckt wurde, für lange Zeit in die Obskurität abrutschte. Der wegen seines kreativen Umgangs mit Sprache schwer lesbar ist. Von dem man inhaltlich nur ungefähr vermitteln kann, worum es in ihm geht.

Abgeschreckt? Bitte bleiben Sie dran. Denn dieses "Krazy Kat" von George Herriman, der jahrzehntelang das Glück hatte, sich nicht um die Erwartungshaltung des Publikums scheren zu müssen, weil sein Verleger Hearst, der USA-weit Zeitungen besaß, fest hinter ihm stand - dieses "Krazy Kat" ist zugleich eines der eigensinnigsten Meisterwerke des Comics.

Standardzusammenfassungen des Comics gehen meist so: da ist eine Maus, die wirft einer Katze einen Ziegelstein an den Kopf, was die Katze als Liebeserklärung ansieht. Und da ist ein Hund, der tatsächliche Gefühle für die Katze hegt, und versucht, das Werfen der Ziegelsteine zu verhindern.

Was dann nach simplem Slapstick klingt, ist nicht mal die halbe Sache. Wo anfangen? Bei den permanent wechselnden Hintergründen, den mitunter frei über die Seite flottierenden Farben, die, von den Figuren offenbar völlig unbemerkt, jede klassische Vorstellung einer kontinuierlichen Handlung unterlaufen, die lange vor jeder Art von Drogencomics ungeheuer "trippy" waren? Bei der unendlich scheinenden Zahl grafischer Variationen der ganzseitigen Comics, wo Bilder kippen, sich an- und abscheiden, geometrische Muster gestalten?

Der Strip war nie ein kommerzieller Erfolg

Herriman, der eigentlich vom realistischen Comic kam, bei dem er sich vor allem auf Karikaturen kleinbürgerlichen Lebens kapriziert hatte, gelang schon allein grafisch mit "Krazy Kat" ein Comic, der sich über jegliche Definition dessen erhebt, was wir "Realität" nennen.

Nur so funktioniert die eigentlich zutiefst redundante Handlung: die Frage, wie viele verschiedene Situationen man kreieren kann, in der eine Maus einer Katze einen Ziegelstein an den Kopf wirft oder ein Hund dies verhindert.

Unübersetzbar: Eine weitere Doppelseite aus dem besprochenen Band.
Unübersetzbar: Eine weitere Doppelseite aus dem besprochenen Band.Foto: Taschen

In seinen frühen, schwarz-weißen Strips hatte Herriman die Seiten der Serie oft mit Figuren und Plots zugeknallt. Die späten farbigen Sonntagsseiten - nur die sind es, die Taschen hier nachdruckt - sind im Personal reduzierter, grafisch kontrollierter. Weniger ist mehr: was sich nach Jahrzehnten der Arbeit darauf hin herausschälte, war so etwas wie der reine Comic. Die vollständige Zurücknahme auf die Situation. Die möglichst reine Variation eines Themas. Bei dem sich Herriman nie wiederholt hat.

Das Publikum mochte zu Herrimans Lebzeiten bei all dem kaum mitgehen. "Krazy Kat" war nie ein kommerzieller Erfolg. Als Ende der Sechziger ein paar Fans versuchten, ein komplettes Set aller Strips zu erstellen, brauchten sie mehr als ein Jahrzehnt dafür. Die Strips waren in Dutzenden Zeitungen über die ganze USA erschienen, mal hier, mal dort.

Deutsche Übersetzungen scheiterten

Dabei ist "Krazy Kat" vermutlich der einzige Comic, der sich erst in der steten Wiederholung erschließt. Der daraus seine Komik extrahiert - und es ist, bei aller angebrachten ernsthaften Analyse, ein ungeheuer komischer Strip. Nicht im Sinne komischer Rabauken wie "Tom & Jerry" oder den drei Stooges, auch wenn diese in der Rabiatheit ihrer Mittel sicher verwandt sind. Eher ist es die Komik eines Traums, aus dem man lachend erwacht, ohne zu wissen, warum.

Das Cover des besprochenen Sammelbandes.
Das Cover des besprochenen Sammelbandes.Foto: Taschen

Dazu bei trägt auch das eigenwilliges Sprachgebräu von Erzähler und Figuren, bestehend aus Resten von Französisch (Herriman stammte aus New Orleans) vermengt mit New Yorker Slang, von Louis Armstrongs Scat-Gesang geprägten stakkatohaften Abfolgen kürzester Worte mit hochliterarischen Alliterationen. Laut lesen empfiehlt sich, wenn man wissen will, was ein "lil doilink" ist, was eine "heppy ket".

Man kann Herriman nicht übersetzen. Die deutsche Sprache ist nicht gemacht für Sätze wie "Who but he who went into this hole - who but he who must come out". Bereits Carl Weissner, immerhin Entdecker und Übersetzer von Charles Bukowski für Deutschland, scheiterte Ende der Achtzigerjahre krachend daran, indem er den Texten jeden Rhythmus und jede Mehrdeutigkeit entzog und wörtlich runterübersetzte - "runter" ist hier wörtlich zu nehmen.

Deutlich geglückter war zwar der Versuch des Österreichers Harald Havas, mit leicht altertümlichem Deutsch zu transportieren, was zu transportieren war. Dennoch benötigte er einen Haufen Anmerkungen zur Erklärung. Nach drei Bänden war Schluss, weil sich nicht genug Käufer fanden.

So ist der Misserfolg aller früheren Versuche, "Krazy Kat" in Deutschland zu publizieren, möglicherweise auf ein Paradoxon zurückzuführen: die deutsche Sprache stand den deutschen Editionen im Weg, weil sie diesem Comic viel von dessen Eigenheit austrieb.

Schwere Lektüre

Wobei es amerikanischen Nachdruckversuchen auch nicht viel besser ging. Eine in den Achtzigerjahren begonnene Bucheditionen verschliss drei Verlage und konnte erst 30 Jahre später beendet werden. Als die finalen Strips in Buchform in den USA vorlagen, da waren die ersten Strips bereits gemeinfrei. In den USA, anders als in Deutschland, werden Werke aktuell 90 Jahre nach Erscheinen gemeinfrei, das heißt für jedermann kostenlos nutzbar.

Taschen hat glücklicherweise darauf verzichtet, die Comics zu übersetzen. Einzig auf Deutsch ist ein langes, erhellendes Vorwort des wie stets überaus kenntnisreichen Alexander Braun, dem sicher größten Experten für Comicstrips im deutschen Sprachraum.

Der Rest ist zugegeben schwere Lektüre, vermutlich so schwer wie der Band selbst, der mit gut fünf Kilo Gewicht zu Buche schlägt. Man kann ihn, wenn man fit ist, jemand an den Kopf werfen - aber es wäre ein Verbrechen, das zu tun.