Postmoderner Superheld : Neue Götter, neue Väter

Zwischen Kinderbetreuung und Kriegsdienst: Tom King und Mitch Gerads verbinden in „Mister Miracle“ Klassisches und Modernes auf einzigartige Weise.

Jeff Thoss
Zwischen Krieg und Alltag: Eine Szene aus „Mister Miracle - Darkseid ist“.
Zwischen Krieg und Alltag: Eine Szene aus „Mister Miracle - Darkseid ist“.Illustration: Panini

Dass es auch Superhelden manchmal schwerfällt, Berufliches und Privates miteinander zu vereinbaren, ist in diesen Zeiten der Dekonstruktion von Mythen nichts Neues. Was Tom King und Mitch Gerads in „Mister Miracle - Darkseid ist“ präsentieren, hat man so aber noch nicht erlebt.

Scott Free alias Mister Miracle sitzt nach einem Selbstmordversuch apathisch auf der Couch, während auf seiner Heimatwelt New Genesis erbittert gekämpft wird. Diese gehört zusammen mit dem Nachbarplaneten Apokolips zum „New Gods“-Universum, Jack Kirbys Sci-Fi-Saga über zwei verfeindete Götterfamilien.

An sich wollte Scott sein Glück auf der Erde suchen, gemeinsam mit der von Apokolips stammenden Big Barda. Spätestens als seine Ehefrau schwanger wird, täte der Held gut daran, seine Krise zu überwinden. Doch der Krieg zu Hause fordert ebenfalls seinen Tribut.

Alltag und Mythos im Gleichgewicht

Kings und Gerads zwölfteilige Serie lebt vom Kontrast zwischen dem Familienidyll, das sich Scott und Barda unter der kalifornischen Sonne aufbauen wollen, und der Familienfehde im anderen Universum, der sie sich nicht entziehen können.

Während das Paar Schurken verdrischt, plant es gleichzeitig das Kinderzimmer. Als der Nachwuchs da ist, wechseln sich die beiden bei Kinderbetreuung und Kriegsdienst ab. Die Komik ist nicht zu übersehen, lächerlich wird es jedoch nie.

Bildstörung: Eine Szene aus „Mister Miracle - Darkseid ist“.
Bildstörung: Eine Szene aus „Mister Miracle - Darkseid ist“.Foto: Panini

„Mister Miracle“ hält Alltag und Mythos lange im Gleichgewicht und spielt sie selbst dann nicht gegeneinander aus, als eine Entscheidung zwischen den beiden Welten unausweichlich wird.

Dies gelingt dem Comic auch dank seines strengen Seitenlayouts. Ein Drei-mal-drei-Raster wird für unzählige symmetrische Arrangements sowie Panel-Wiederholungen mit bloß leichten Variationen genutzt. So entsteht ein Minimalismus in Comicform, der gelegentlich durch „Glitch“-Verfahren überlagert wird, die Seiten aussehen lassen, als ob das Grafikprogramm abgestürzt oder im Drucker etwas verrutscht sei.

In Heftform funktioniert das besser als im Sammelband, in dem die sehr reduzierte Formsprache zu Ermüdungserscheinungen führt. Dennoch möchte man „Mister Miracle“ am liebsten in einem Zug durchlesen, denn auf einen Superheldencomic, der das Klassische und das Moderne so spielerisch verbindet, stößt man nicht alle Tage.

Tom King / Mitch Gerads: Mister Miracle - Darkseid ist, Panini, 300 S., 30 €

Das Cover des besprochenen Sammelbandes.
Das Cover des besprochenen Sammelbandes.Foto: Panini

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