Wolfgang J. Fuchs (1945–2020) : Der Anatom des Comics ist tot

Der Comic-Forscher und Publizist Wolfgang J. Fuchs wurde als Übersetzer und Mitautor eines Standardwerkes bekannt. Jetzt ist er mit 74 Jahren gestorben.

Martin Jurgeit
Wolfgang J. Fuchs (1945 - 2020).
Wolfgang J. Fuchs (1945 - 2020).Foto: Comicfestival München / Wikipedia / CC BY-SA 4.0

Ungezählte deutsche Leser haben seine Werke gelesen, doch nur die wenigsten kannten seinen Namen: Der Comicforscher, Übersetzer und Fachautor Wolfgang J. Fuchs ist am Montag mit 74 Jahren gestorben. Er übersetzte unter anderem Besteller-Titel wie "Garfield" und "Prinz Eisenherz". Zudem war er der Co-Autor eines Standardwerks über die Kunstform.

Das Buch "Comics – Anatomie eines Massenmediums" verfasste Wolfgang J. Fuchs auf Basis eines Kolloquiums an der Ludwig-Maximilians-Universität in München zusammen mit seinem Freund Reinhold C. Reitberger, mit dem er schon seit Kindertagen seine Begeisterung für Comics teilte. Das große Verdienst ihres Buches, das erstmals 1971 erschien, war es, dass hier erstmalig auf Deutsch eine wirklich wertneutrale Sicht auf den Comic als eigenständige Kunstform vorgelegt wurde.

Als Studenten der Amerikanistik legten Fuchs und Reitberger in ihrem Buch einen großen Schwerpunkt auf die amerikanische Comic-Szene, was aufgrund der dortigen Wurzeln des modernen Comics natürlich auch naheliegend war – sie beschäftigten sich aber auch schon mit den diversen Spielarten des Comics in Europa. Gerade dieser umfassende und fundierte Blick half entscheidend dabei, den Begriff "Comic" positiv konnotiert in der deutschen Öffentlichkeit durchzusetzen, wo zuvor zumeist nur durchaus abschätzig von "Comic-Strips" die Rede war.

Verbreitung bis nach Amerika

Das Werk wurde in mehrere Sprachen übersetzt und sogar in Amerika herausgebracht. In Deutschland erlebte es bis Mitte der 1980er Jahre zahlreiche Auflagen und erzielte insbesondere als überarbeitete Taschenbuch-Version und als Buchclub-Ausgabe Auflagenhöhen im sechsstelligen Bereich. Wohl bei jedem, der sich damals etwas stärker mit Comics zu beschäftigen begann, steht seit dem die "Anatomie" im Regal und wird bis heute immer wieder in die Hand genommen.

Unvergesslich: 1994 traf Wolfgang J. Fuchs den legendären Duck-Zeichner Carl Barks bei dessen Europareise.
Unvergesslich: 1994 traf Wolfgang J. Fuchs den legendären Duck-Zeichner Carl Barks bei dessen Europareise.Foto: privat

Als direktes Ergebnis des Bucherfolgs kam es zu zwei großen Comic-Ausstellungen in München und Wien sowie 1980 zur zwölfteiligen Fernsehreihe "Galerie der Comics", zu der Fuchs und Reitberger die Skripte verfassten. Die zunächst im ARD-Vorabendprogramm ausgestrahlte und von "Nick Knatterton"-Zeichner Manfred Schmidt moderierte TV-Serie des Bayerischen Rundfunks erreichte auch über zahlreiche Wiederholungen ein Millionenpublikum.

Diese Aktivitäten waren mit dafür verantwortlich, dass sich gerade in Bayern in den 1980er Jahren der Comic im öffentlichen Kulturbetrieb festsetzte und nicht nur in Erlangen, sondern auch in München bis heute bestehende Comic-Festivals etabliert werden konnten. Die Keimzelle in der bayerischen Landeshauptstadt waren hierbei 1985 die von Wolfgang J. Fuchs maßgeblich mitorganisierten ersten "Münchner Comic-Tage".

Garfield, Prinz Eisenherz und vor allem die Ducks

Zeit seines Lebens, das Wolfgang J. Fuchs abgesehen von den ersten Lebensmonaten in der fränkischen Heimat seines Vaters immer in München verbrachte, blieben seine große Liebe die Zeitungs- und Disney-Comics. So betreute er Presse-Magazine rund um "Die Peanuts" und "Garfield" und übersetzte über viele Jahre "Prinz Eisenherz". Bis zuletzt schrieb er auch für "Die tollsten Geschichten von Donald Duck" die monatliche Kolumne "Entenhausener Geschichte(n)", die einem breiten Publikum die Künstler hinter den Duck-Comics näher brachte.

Aber auch auf ganz anderen Comic-Feldern hat Fuchs seine Spuren hinterlassen. Er verfasste etwa die Texte für "Super Kevin's Abenteuer", einen Werbe-Comic von BP rund um den früheren HSV-Starkicker Kevin Keagen, und schuf wieder zusammen mit Reitberger Werbehefte mit "Berry dem Plantagenbär" für Kaba.

Ein Comic-Experte, der fehlen wird

Ganz anders gelagert war dann seine Übersetzertätigkeit für die ursprünglich als Web-Comic in Amerika von Brian Fies veröffentliche autobiografische Geschichte "Mom's Cancer", die 2007 in der deutschen Version unter dem Titel "Mutter hat Krebs" den Deutschen Jugendliteraturpreis gewann. In der Jurybegründung wurde damals ausdrücklich auf Fuchs' stilsichere Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch verwiesen.

Über ein halbes Jahrhundert hat Fuchs in der deutschen Comic-Szene gewirkt. Dabei gelang ihm das seltene Kunststück, sich konsequent aus den zermürbenden Grabenkämpfen herauszuhalten, die die Szene immer wieder erfassten. Wolfgang J. Fuchs "konnte mit allen". Im Kollegenkreis war er aufgrund seines Fachwissens bis zuletzt als unermüdlicher Ratgeber geschätzt. Gerade das wird jetzt so sehr fehlen.

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