„Concordia-Tempel“ in der Alten Nationalgalerie : Blitzblau der Himmel

Begeisterung für die Antike: Eine Ausstellung in der Alten Nationalgalerie beleuchtet die Freundschaft des Malers Leo von Klenze mit dem Ägyptologen Richard Lepsius.

Klenze schenkt Lepsius sein Gemälde „Der Concordia-Tempel von Agrigento“ (1857), die Nachfahren von Lepsius überließen das Werk jetzt der Alten Nationalgalerie.
Klenze schenkt Lepsius sein Gemälde „Der Concordia-Tempel von Agrigento“ (1857), die Nachfahren von Lepsius überließen das Werk...Foto: SMB, Schenkung Oliver Lepsius / Andres Kilger

Der Ägyptologe Richard Lepsius schwang sich 1844 in den Sattel eines Dromedars, der Architekt Klenze zückte vor den Tempelruinen Siziliens den Zeichenstift. Feldforscher waren beide, mit Entdeckersinn unterwegs in Weltregionen, die damals noch nicht auf touristisch ausgetretenen Pfaden lagen. Kollegialer Wissenstransfer im Geben und Nehmen sorgte dafür, dass eines der wenigen Ölgemälde des Münchener Baumeisters Leo von Klenze in den Besitz von Lepsius gelangte – und jetzt in die Berliner Nationalgalerie.

Der nur zu seinem Vergnügen malende Klassizist Klenze schenkte seinen „Concordia-Tempel von Agrigento“ dem Berliner Begründer der Ägyptologie. Denn Lepsius hatte ihm zuvor sein prachtvolles zwölfbändiges Tafelwerk über die ägyptischen Altertümer zukommen lassen. Beide einte die Begeisterung für die zeitlich und räumlich fernen Kulturen des Altertums. Wie Bildkunst, dokumentarische Akribie und freie Phantasie damals zusammenwirkten und sich befruchteten, zeigt jetzt die kleine, pointierte Kabinettausstellung „Concordia – Kunst und Wissenschaft in Eintracht. Leo von Klenze und Karl Richard Lepsius“.

Blitzblau ist Klenzes Himmel, noch blauer sein Meer. Davor positioniert sich ruinös-erhaben der Concordia-Tempel als Hauptakteur, flankiert von winzig kleinen Staffagefiguren als Größenmaßstab. Agaven, Kakteen und Palmen ergänzen, botanisch exakt gepinselt, das Lokalkolorit. Dass die neue Stadt Agrigent, hinten rechts, in Wirklichkeit aus diesem Blickwinkel so gar nicht zu sehen war, scherte Klenze nicht: Malerlogik ist nicht Forscherlogik. Wie ein Bild funktioniert, gehorcht anderen Gesetzen als wissenschaftliche Dokumentation.

Fast 1500 Stücke kamen durch Lepsius in die Berliner Museumsinsel

Wie unverzichtbar andererseits die Bildkünste für Forscher wie Lepsius waren, lässt sich an dessen Arbeitspraxis in Ägypten verfolgen. Ohne mitreisende Künstler wie den Profi Ernst Weidenbach, der die archäologischen Funde festhielt, ging es nicht. Auf einem der Bilder aus Lepsius’ Ägypten-Tafelwerk sieht man eine Heerschar von Einheimischen, nur mit Lendenschurz bekleidet, einen Kolossalfund durch den Wüstensand schleifen. Vorne zwischen Grasbüscheln sitzt ein Zeichner, den Sonnenhut tief im Gesicht, und dokumentiert den Abtransport. Fast 1500 Stücke kamen durch Lepsius in die Berliner Museumsinsel. Er war vor allem an Schriftzeugnissen interessiert. Ein zerknautschter „Abklatsch“ von Hieroglyphen, mit dickem feuchtem Papier direkt von der Steinoberfläche abgenommen, ist ausgestellt.

Als Schenkung aus der Lepsius-Familie kam Klenzes „Concordia-Tempel“ jetzt an die Nationalgalerie: ein idealer Dialogpartner für den preußischen Klassizisten Schinkel, der sich in der Ausstellung ebenfalls dazugesellt. Beide Künstler kannten sich aus Berliner Studienzeiten. Dass Schinkel sich, anders als Klenze, mit dem Pinsel sogar teilweise seinen Lebensunterhalt verdiente, verdeutlicht sein mit Anfang zwanzig gemaltes Frühwerk „Antike Stadt auf dem Berg“.

Weniger glaubwürdig als die präzise entworfene Tempelkulisse wirken die je nach Geschlecht muskulös oder grazil agierenden antiken Bewohner. An farbiger Strahlkraft kann das in Deckfarben auf Papier ausgeführte Gemälde mit Klenzes frisch restauriertem Ölbild natürlich nicht mithalten. Dessen sorgfältige Reinigung gab Gelegenheit zu maltechnischen Untersuchungen: Für seinen Himmel nahm Klenze vermutlich Preußisch Blau, vielleicht sogar das erst in den 1830ern entwickelte synthetische Ultramarin. Lichtecht jedenfalls ist der Farbton, wie sich jetzt zeigt, wo die vergilbten Firnis- und Schmutzschichten verschwunden sind.

bis 15. Juli, Alte Nationalgalerie, Di-So 10-18, Do 10-20

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!