Coronakrise auf dem afrikanischen Kontinent : Digitale Lösungen sind eine Illusion

Afrikas Strategien zur Bewältigung der Pandemie: Digitale Lösungen erreichen nicht alle. Den wesentlichen Beitrag leisten die Menschen.

Nanjira Sambuli
Autoverbot in Uganda. Die Corona-Pandemie sorgt für eine steigende Nachfrage nach Fahrrädern.
Autoverbot in Uganda. Die Corona-Pandemie sorgt für eine steigende Nachfrage nach Fahrrädern.Foto: Hajarah Nalwadda/XinHua/dpa

Nanjira Sambuli ist eine kenianische Forscherin und Digitalstrategin. Als Expertin für digitale Gleichberechtigung berät sie Institutionen wie die Vereinten Nationen oder das Weltwirtschaftsforum zu Internetgesetzen und digitaler Zusammenarbeit, insbesondere im Hinblick auf die Gleichstellung von Frauen. 2016 wurde sie zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten des neuen Afrikas gekürt.

Am 4. Juni spricht Nanjira Sambuli auf dem digitalen Festival „Latitude“ des Goethe-Instituts. Von 4. bis 6. Juni nehmen dort Kulturschaffende, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen globale Machtverhältnisse in den Blick. Die Veranstaltung ist öffentlich. Infos: www.goethe.de/latitude-festival

Vor nahezu drei Monaten kam die Covid-19-Pandemie auf dem afrikanischen Kontinent an. Seitdem erschien jeder einzelne Tag wie ein ganzes Zeitalter. Viele Länder führten im Kampf gegen diese neue Bedrohung totale und partielle Lockdowns ein. Andere Länder verhalten sich so, als ob nichts wäre.

Neben Corona gibt es eine lange Reihe anderer Fragen, die zu klären sind; es gibt wichtigere Angelegenheiten, um die man sich kümmern muss, wie beispielsweise Wahlen und wirtschaftliche Entwicklung.

Die ersten in Afrika gemeldeten Fälle kamen nachweislich aus Europa – genau zu der Zeit, als sich dieser Kontinent zum neuen Epizentrum des Ausbruchs entwickelte. In unzähligen Vorhersagen und „besorgten“ Kommentaren war zu hören, dass „Afrika der neue Hotspot des Coronavirus“ werden könnte.

Internationale Narrative über Afrika und Covid-19 behandeln hauptsächlich zwei Extreme: Es gibt die einen, die den Tag des Jüngsten Gerichts erwarten und prophezeien; die anderen überschütten den Kontinent mit unnötigem Lob für seine „afrikanische Antwort“ und übersehen dabei, wie komplex sich die Lage gestaltet, als gäbe es nur eine abgestimmte Antwort.

Was wir derzeit erleben, könnte als erste Pandemie des digitalen Zeitalters in die Geschichtsbücher eingehen. Die enge Vernetzung im Zuge der Hyperglobalisierung hat dazu beigetragen, dass sich das Coronavirus in der ganzen Welt verbreiten konnte. Unsere Reaktionen und Bewältigungsmechanismen stützen sich im Wesentlichen auf digitale Technologien und die Maßnahmen unserer jeweiligen Regierungen.

Erste Pandemie des digitalen Zeitalters

Das Internet und unsere Kommunikationsgeräte dienen uns als Rettungsanker, um weiterhin informiert und miteinander in Kontakt zu bleiben, und sind auch für unsere Arbeit, Bildung und sogar für den Zugang zur Gesundheitsversorgung unerlässlich.

Mobiltelefone sind aus dieser Welt nicht mehr wegzudenken. Nach Angaben der Vereinigung für Mobilfunkanbieter, GSMA, lag bis 2018 in Afrika südlich der Sahara die Zahl der Mobilfunkverträge bei 456 Millionen, die Zahl der mobilen Internetnutzer bei 239 Millionen und der Anteil der Smartphones bei 39 Prozent.

Auf den ersten Blick mögen solche Zahlen den Eindruck hinterlassen, viele Afrikanerinnen und Afrikaner könnten in dieser Zeit in die virtuelle Welt wechseln. Doch Verheißung und Realität liegen weit auseinander.

Es hat sich gezeigt, dass sowohl in Industrie- als auch in Entwicklungsländern eine Kluft zwischen Menschen mit und ohne Internetzugang besteht und Erstere darüber hinaus unterschiedlich gut vernetzt sind.

Die Bildungssysteme wurden von der Pandemie besonders stark in Mitleidenschaft gezogen. Wann immer dies möglich war, kamen virtuelle Lernsysteme zum Einsatz, um die Lehrpläne halbwegs einzuhalten. Doch dieser Prozess verlief nicht immer reibungslos.

Die Bildungssysteme sind besonders stark betroffen

In einigen Fällen konnten die Bildungssysteme nicht über Nacht in den digitalen Modus versetzt werden. In anderen Fällen war ein solcher Übergang schlicht nicht möglich, weil digitale Technologien entweder gar nicht zur Verfügung stehen oder für Lehrende und Schülerinnen und Schüler unerschwinglich sind. Einige Länder in Afrika griffen zu Übergangslösungen und sendeten Unterrichtsstunden über Massenmedien wie Fernsehen und Radio.

Parallel dazu war der Ausbruch einer „Infodemie“ zu beobachten. Das Internet bietet ein Sammelbecken für Fehl- und Desinformationen oder Verschwörungstheorien, für aufgeregte Botschaften selbst ernannter Experten zu Heilmitteln und vielem mehr.

Die Tatsache, dass derart toxische Inhalte für Millionen von Menschen als wichtigste, wenn nicht gar als die einzige Informationsquelle dienen, ist äußerst besorgniserregend. Dieses Phänomen wird durch den Vertrauensverlust in die Gesellschaft verstärkt und durch die Filterblasen, die ein wesentliches Merkmal der sozialen Medien und Messaging-Plattformen bilden, zusätzlich verschärft.

Um Abhilfe zu schaffen, wurden technische Einstellungen auf populären Online- Plattformen vorgenommen, so dass bei Suchanfragen zum Coronavirus offizielle Websites wie die der Weltgesundheitsorganisation weiter nach oben rücken oder eine Umleitung auf diese Seiten stattfindet.

Bei Inhalten in englischer und deutscher Sprache mag dies funktionieren. Bei den Tausenden indigener Sprachen im globalen Süden, für deren Analyse die meisten gängigen Plattformen vermutlich nicht über die nötigen technischen oder personellen Kapazitäten verfügen, wird es schon schwieriger.

Toxische Inhalte für Millionen von Menschen

Außerdem könnte die Umleitung nicht-englischsprachiger Bevölkerungsgruppen auf eine Website in englischer oder einer anderen gängigen Sprache dazu führen, dass sie zu Inhalten gelangen, die für sie irrelevant sind. Auf diese Weise könnten sie vollkommen das Interesse an der Suche nach fundierten Informationen verlieren.

Es lassen sich auch nicht alle Arbeitsplätze auf die virtuelle Ebene verlagern. Deutlich wird dies bei den derzeit relevanten Berufen im Pflegebereich oder bei der Bereitstellung von Waren und Dienstleistungen.

Vor dem Ausbruch von Covid- 19 waren nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation bis zu zwei Milliarden Menschen im informellen Sektor tätig, eine Mehrheit von ihnen in Schwellen- und Entwicklungsländern. Die Prekarität dieser Arbeitsverhältnisse wurde durch die Pandemie zusätzlich verschärft.

Wer kann, nutzt die digitalen Technologien wie soziale Medien, um Kundenkontakte herzustellen. In den sozialen Medien in Afrika ist beispielsweise zu beobachten, dass die Menschen der Situation trotzen, indem sie ihre Dienstleistungen und Waren in persönlichen Nachrichten anbieten, um so ihren Lebensunterhalt zu sichern.

In meinem Heimatland Kenia steht dafür der Twitter-Hashtag #IkoKaziKE. Er wird für offizielle und inoffizielle Stellenangebote genutzt, aber auch von Menschen, die ihr Business vorstellen wollen. Besonders erfreulich ist es, wenn man später von den Erfolgsgeschichten lesen kann.

Mobiltelefone für die Überwachung der Gesundheit

In Afrika wie auch im Rest der Welt ist eine zunehmende Lockdown-Müdigkeit zu verspüren. Wir alle können es kaum erwarten, zum normalen Alltag zurückzukehren. Viele Länder stützen ihre Lockerungsstrategien auf digitale Technologien, die vor allem Mobiltelefone für die Überwachung der Gesundheit nutzen.

Obwohl einige Vorschläge vielversprechend klingen, eignen sich viele davon nicht zum Einsatz in afrikanischen Ländern. Zum einen ist der Anteil der Smartphones dort noch immer relativ gering. Zum anderen verbrauchen Funktionen wie Bluetooth und mobile Anwendungen, die ein möglichst umfassendes Corona-Tracing ermöglichen sollen, sehr viel Energie.

Und besonders in ländlichen Gebieten stehen nicht immer Energiequellen zur Verfügung, um die Geräte wieder aufzuladen. Bei einer bereits eingesetzten technischen Übergangslösung werden globale Positionierungssysteme (GPS) auf den Telefonen genutzt, um Bewegungen zu verfolgen. Doch eine solche Lösung birgt auch Probleme, weil sie eine Normalisierung der Überwachung zur Folge haben könnte.

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Zurzeit erleben wir eine rasante Zunahme von Technologielösungen für den Alltag. Für deren Anhänger gelten sie als absolute Heilsbringer. Und es stimmt, dass sie eine Übergangslösung bieten können, um in Zeiten der Pandemie den Anschein von Normalität zu wahren, und dass sie Arbeit, Bildung, Konferenzen und vieles mehr verändert haben.

Dies kommt allerdings nur all denjenigen zugute, die über einen erschwinglichen, stabilen Zugang zum Internet, zu Kommunikationsgeräten und zu einer verlässlichen Stromversorgung verfügen und außerdem ein sicheres Zuhause und einen Arbeitsplatz haben, der keine persönliche Präsenz erfordert und ihnen die Wahrung der physischen Distanz ermöglicht.

Milliarden von Menschen haben keinen oder nur einen instabilen Zugang zum Internet

Wenn wir den Prozess der digitalen Transformation weiter fortsetzen, ohne dabei zu berücksichtigen, dass Milliarden von Menschen keinen oder nur einen ungleichen oder instabilen Zugang zum Internet haben, gehen wir das Risiko ein, dass sich die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern der Digitalisierung vergrößert oder gar normalisiert.

In einer Zeit, in der die Grenze zwischen analoger und digitaler Welt zunehmend verschwimmt, dürfen wir nicht vergessen, dass digitale Ungleichheiten die Missverhältnisse in der Offline-Welt spiegeln.

Covid-19 hat gezeigt, dass sich weltweit, wenn auch ungleich verteilt, ein digitaler Wandel vollzieht. An vorderster Front standen die Beschäftigten im Gesundheitswesen, die den Menschen zu Hilfe eilten. Paradoxerweise konnte die Versorgung mit den grundlegendsten technischen Hilfsmitteln – Schutzausrüstung, Beatmungsgeräte, an einigen Orten sogar Krankenhäuser – nicht gewährleistet werden.

In Afrika sind wir es gewohnt, mit widrigen Umständen zu leben. Unsere menschliche Widerstandskraft und unser Sinn für Solidarität haben uns durch diese Pandemie geführt. Keine Technologie, so fortgeschritten sie auch sein mag, kann diese Eigenschaften ersetzen.

Der wesentliche Beitrag zur Bewältigung der Pandemie kommt von den Menschen selbst und von unserem unbedingten Willen, die Krise zu meistern. Dies gilt für politische Entscheidungsträger und Bürgerinnen und Bürger gleichermaßen: Unsere Entschlossenheit, an bewährten Dingen festzuhalten und Lösungen zu verfolgen, die allen Menschen zugutekommen, während wir Hilfs- und Wiederaufbaumaßnahmen durch digitale Technologien unterstützen. (Übersetzung aus dem Englischen von Kathrin Hadeler).

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