"Creative Europe" : Die Mauerspringer

Was tut Brüssel für die Kultur? Ein Blick auf das „Creative Europe“-Programm, das Filmschaffende, Musiker und Schriftstellerinnen unterstützt.

Die Künstlerin Mia Florentine Weiss auf ihrer Skulptur „Love Hate“ in Berlin.
Die Künstlerin Mia Florentine Weiss auf ihrer Skulptur „Love Hate“ in Berlin.Foto: A. Riedl/dpa-bildfunk

Ungarische Filme? Portugiesische Literatur? Schwedische Kammermusik? Abseits des Eurovision Song Contest ist vor der Europawahl zwar viel von Kunst und Kultur die Rede, jenem Erbe, das den guten alten Kontinent zusammenhält. Aber wie viel bekommen wir mit von der Kultur der Nachbarn, sofern es sich nicht um Esskultur handelt oder um die Besichtigung historischen Gemäuers an Urlaubstagen?

Und was bitte tut Europa für die Kultur? 1,46 Milliarden Euro gibt die EU im aktuellen Sieben-Jahres-Plan für die Kreativen aus, also jährlich gut 200 Millionen Euro für 28 Mitgliedsstaaten. Die Agrarsubventionen belaufen sich auf jährlich 58 Milliarden Euro. Hat die Kultur es nicht nötig?

Anruf in Brüssel, bei der Europäischen Kommission in der Rue de la Loi, bei Barbara Gessler. Sie leitet das Referat „Creative Europe“ in jener Generaldirektion, in deren Namen nach Bildung, Jugend und Sport die Kultur zuallerletzt kommt. Klar, lacht sie, sie hat Robert Menasses Brüssel-Roman „Die Hauptstadt“ gelesen, in der die ehrgeizige Ökonomin Fenia schrecklich darunter leidet, dass sie in die Kultur versetzt wird. Ein Ressort ohne Bedeutung, „nicht einmal Augenwischerei, weil es kein Auge gab, das hinschaute, was die Kultur macht“, seufzt die Romanheldin.

Es geht weniger um Geld als um Grenzüberschreitung

Gessler bestätigt das Bild – und widerspricht vehement: „0,15 Prozent am Gesamt-EU-Budget, das ist wenig Geld, eigentlich nichts. Aber es hat große Wirkung“. 1,5 Millionen Kreative haben vom aktuellen, seit 2014 laufenden Programm bisher profitiert – und über 70 Millionen Besucher und Zuschauer.

Es geht weniger um Geld als um Grenzüberschreitung. „Creative Europe“ ist das Schengen-Abkommen für die Kultur. Grenzgänge sind sogar Pflicht: Förderanträge kann man nur gemeinsam mit Partnern aus anderen Ländern stellen. Für Literaturübersetzungen, das Straßentheaterprojekt „Mauerspringer“ oder eine Songwriter-Werkstatt.

Bis zu zwei Millionen Euro können solche Kooperationen erhalten, vorausgesetzt, die gleiche Summe kommt nochmal über regionale Subventionen, Sponsoren oder Eigeneinnahmen zustande. Vom Zirkusprojekt bis zur Plattform „Opera Vision“ ist alles dabei. Unter der Webadresse operavision.eu sind 29 Häuser aus 17 Ländern versammelt, mit Livestreams und Musiktheater-On-Demand: ein virtuelles europäisches Opernhaus.

Audiovisuelle Projekte werden am stärksten gefördert

Barrieren überwinden, die Vielfalt zugänglich machen, das ist die Idee. Nicht, dass es so etwas wie die europäische Kultur überhaupt gäbe. Die berühmte Vielzahl der Blicke, Sprachen und Geschichten, dieser Schatz ist auch eine Crux. Denn gerade die Diversität steht einem gemeinsamen Kreativwirtschaftsraum im Wege. Genau hier setzt Brüssel an.

Das meiste Geld, 56 Prozent, geht an das Media-Unterprogramm für audiovisuelle Projekte. Über das MediaDesk für Berlin und Brandenburg, einem von vier deutschen Anlaufstellen, flossen 2017 6,3 Millionen Euro in die Region. „Es geht nicht nur um Kino, sondern auch um TV- oder Online-Projekte, um VR und Games“, erklärt Leiterin Susanne Schmitt. Sie betont: winziges Programm, viel Wirkung. Auch Festivals profitieren, von den Berlinale Talents bis zum Kurzfilmfest Interfilm.

Der Startschuss für Media fiel 1988 in Hamburg. Ein gewisser Dieter Kosslick gründete mit anderen Pionieren die Efdo, die erste paneuropäische Filmförderung. Wenn Verleiher oder Produzenten sich international zusammentaten, um nicht-nationale europäische Filme ins Kino zu bringen, erhielten sie Fördergelder. Das ist bis heute so. Nur vom „Europudding“ ist man abgekommen, von Filmen mit internationalem Cast hin zu solchen mit internationalem Produktionsteam. Und die Währung hieß damals ECU.

Die meisten Top-Filme in europäischen Kinos sind US-Produktionen

Gerade hat Kosslick seine letzten Kisten als Berlinale-Chef gepackt, seine Amtszeit endet am 31. Mai. Lachend erinnert er sich daran, wie die Filme etwa eines Peter Greenaway so gut ankamen, dass die Darlehen aus dem Produktionsfördertopf Eurimages zurückgezahlt werden konnten. Nur hatte Brüssel gar kein Konto dafür eingerichtet. Erfolg? War nicht vorgesehen. Die jüngsten Zahlen ergeben ein anderes, trauriges Bild: 18 der Top-20-Filme in den europäischen Kinos waren 2018 amerikanische Produktionen. Und Nr. 19, das Freddie-Mercury-Biopic „Bohemian Rhapsody“ ist eine US-Koproduktion. Was nützt es da, den Grenzverkehr zu fördern? „Ohne Media gäbe es kein audiovisuelles Europa“, sagt Kosslick.

Die aktuellen Zahlen lassen sich auch anders lesen. Zwar sanken die EU-Kinoumsätze um gut 3 Prozent, aber der europäische Marktanteil stieg um 30 Prozent. Ohne Media hätten es Arthouse-Filme wie „Lola rennt“, „Toni Erdmann“ oder Pawel Pawlikowskis „Cold War“ an der Kasse schwerer gehabt, ebenso half die EU bei der digitalen Umrüstung. Und je mehr sich die US-Studios Richtung Asien orientieren, desto europäischer könnte die Zukunft werden. Die Kinos werden in dieser Richtung schon unterstützt. Gut 1100 Filmtheater können sich das Label „Europa Cinemas“ anheften: Wer zu einem hohen Prozentsatz europäische Filme zeigt, erhält bis zu 50 000 Euro.

"Toni Erdmann" profitierte von der Paketförderung

Europa, ein Workshop. Weil Hochschulabgänger nicht fit sind für den internationalen Markt, leistet sich die EU auch Entwicklungs- und Trainingsfonds, zum Beispiel „Serial Eyes“, eine Schreibwerkstatt für Serien. Von der Effizienz solcher Programme kann Produzentin Janine Jackowski von der Berliner Firma Komplizen Film ein Lied singen. Gerade kommt sie aus Cannes zurück, wo die rumänischdeutsch-französische Komplizen-Produktion „The Whistlers“ im Wettbewerb lief. 2009 hatte Jackowski am Programm „Producer on the Move“ teilgenommen, später an Trainee-Workshops: lauter Grundlagen für eine internationale Vernetzung. Dank der sogenannten Paketförderung konnte Komplizen Film unter anderem Maren Ades „Toni Erdmann“, Valeska Grisebachs „Western“ und Benjamin Heisenbergs Komödie „Über-Ich und Du“ entwickeln, in Ruhe, ohne Erfolgsdruck. Qualität braucht Zeit: Die Filme liefen später auf Festivals, und sie gewannen Preise.

Jackowski weist auch darauf hin, wie wichtig die europäische Community gerade in jenen Ländern ist, in denen die Kunstfreiheit eingeschränkt wird. In Polen, Ungarn, der Türkei, selbst in Österreich. „Die Kulturschaffenden dürfen sich nicht alleingelassen fühlen,“ meint auch Susanne Schmitt. Nicht nur die Europäische Filmakademie mit Sitz in Berlin, auch die Marktplätze seien unverzichtbar. Der Austausch, auch über Partner wie das Medienboard Berlin Brandenburg oder die Mitteldeutsche Medienförderung, könnte nicht genug gestärkt werden.

EU-Kulturpolitiker sind Phantasten und Realisten zugleich

Barbara Gessler spricht von einer Gratwanderung. „Wir machen keine Kulturpolitik, sondern fördern Kulturprojekte.“ Aber die EU überlegt, den Anteil der Ko-Finanzierung auf bis zu 80 Prozent zu erhöhen. Das könnte den zivilgesellschaftlichen Kräften in solchen Ländern mehr Unabhängigkeit verschaffen. Und die britische Kultur, angesichts des drohenden Brexits? „Wir versuchen, den Schock abzufedern, indem wir darauf bauen, dass die Netzwerke halten,“ sagt Gessler. EU-Kulturpolitiker sind Phantasten und Realisten zugleich. Während das EU-Parlament für den nächsten Sieben-Jahres-Plan ab 2021 die Verdoppelung des Kulturetats auf 2,8 Milliarden Euro fordert, plädiert die Kommission erstmal für eine Erhöhung um 30 Prozent.

In Brüssel macht man sich auch Gedanken über die integrative Rolle der Kultur in Zeiten sich spaltender Gesellschaften. „Creative Europe“ will Aspekte wie Demokratieförderung, Minderheitenschutz, Antidiskriminierung und Kunstfreiheit stärker in den Fokus rücken. Auch das klingt nach Gratwanderung: Wahre Freiheit verträgt keine Programmatik.

Alle Parteien unterstützen das Grundrecht der Kunstfreiheit

Der Deutsche Kulturrat hat die hiesigen Parteien nach ihren kulturpolitischen Ideen zur Europawahl befragt. Alle, selbst die AfD, unterstützen das Grundrecht der Kunst- und Meinungsfreiheit, und alle außer der AfD machen sich für Sanktionen bei Verstößen dagegen stark. Die FDP fordert eigens einen Fonds für politisch bedrängte Künstler – der sich in Brüssel kaum durchsetzen lassen dürfte.

Die von den meisten Parteien gewünschte Stärkung von „Creative Europe“ schon eher. Die CDU empfiehlt eine engere Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen und dem Privatsektor, die SPD schlägt einen Kulturscheck für sozial benachteiligte Jugendliche vor, die Linke protestiert noch einmal gegen die Urheberrechtsreform, und die Grünen setzen darauf, dass der Vorschlag des EU-Parlaments, sprich: die Etatverdoppelung, übernommen wird. Nur die AfD erwähnt das Programm nicht. Sie betont die Unterschiede, nicht das Verbindende in Europa.

Appell der Filmschaffenden: Geht wählen!

Europa hat Konjunktur in der Kultur. Vom Intendanten Matthias Lilienthal, der ein europäisches Theaterfestival für Berlin vorschlägt, über die Ausrufung der Europäischen Republik als Theaterbalkon-Performance im November 2018 bis zum Medienausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses. Der schickte eine Delegation nach Cannes, um unter dem Motto „Film local – win global“ für den Schutz der unabhängigen Förderung in Europa zu werben. Macht sich gut, so ein Manifest kurz vor der Wahl.

Und doch schwingt Ängstlichkeit mit. Erst recht bei dem größeren Cannes-Manifest von 500 Filmschaffenden, darunter Julie Delpy, Costa-Gavras und Wim Wenders. „Es ist unsere Pflicht, dieses Europa gegen Extremismus und rückwärtsgewandtes Denken zu verteidigen sowie gegen jeden Versuch, die Bedeutung der Kultur herunterzuspielen“, schreiben sie. Ihr Appell: Geht wählen! Zerfällt Europa, geht es der Kultur an den Kragen.

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