Das DSO und Pierre-Laurent Aimard : Magisches Leuchten in weißen Nächten

Robin Ticciati dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester mit einer gewagten Mischung aus Sibelius, Schönberg - und einem unbekannten Amerikaner.

Foto: Monica Menez/DSO

Zu diesem Konzert muss man wirklich gehen wollen. Denn Robin Ticciati, der Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters, konfrontiert am Sonntag das Publikum mit einem Unbekannten, einem Ungeliebten und einem Unverstandenen. Mit dem Amerikaner Roy Harris (1898–1979) nämlich, mit dem Angstgegner aller Abonnenten Arnold Schönberg und mit Jean Sibelius, der zwar in Ticciatis britischer Heimat hoch geschätzt wird, sich hierzulande aber nie wirklich durchsetzten konnte.

Eine programmatische Zumutung also. Wer sich ihr aber aussetzt, erlebt in der Philharmonie einen höchst anregenden, ja mitreißenden Abend. Weil Ticciati seine DSO- Musiker bereits in den Proben restlos von der Qualität der Stücke überzeugen konnte. Alle drei Werke sind in seinen Interpretationen geprägt von einer starken Energie, die aber keine oberflächlich-aktionistische ist, sondern direkt aus deren Kern kommt, von innen her ausstrahlt.

Roy Harris’ 3. Sinfonie (1939) löst sofort Kopfkino aus: weite amerikanische Landschaft, in rotgoldenes Abendlicht getaucht. Dem einleitenden, intensiven Gesang der Streicher geben die Hörner bald eine naturnahe Note. Später kommen volksliedhafte Einwürfe des Blechs hinzu, die Atmosphäre steigert sich ins Hymnisch-Pathetische, wobei der Klangfluss unablässig in Bewegung bleibt, bis eine dramatische Entladung der Perkussionsinstrumente den frühen Endpunkt setzt.

Eine Feier der Schönheit

Viel zu schnell vorbei ist auch die siebte Sinfonie von Jean Sibelius. Endlos könnte man dieser Musik lauschen, so wie Robin Ticciati sie mit schnellen Tempi und drängendem Puls zum Leben erweckt, ihr ein fast schon magisches Leuchten verleiht, wie in weißen skandinavischen Nächten. Eine Feier der Schönheit ist hier zu erleben, wagnerwonnig zu Beginn und zum Schluss, im Mittelteil getragen von einer quirligen Leichtigkeit à la Mendelssohn. Besonders in diesem Elfentanz entfaltet das DSO einen fantastischen Sound, brillant und feingliedrig zugleich.

Zwischen den beiden Sinfonien steht Schönbergs Klavierkonzert von 1942, ein Zwitterwerk, in dem der Komponist im US-Exil zurückschaut, auf sein eigenes Ruvre, aber auch in die Zeit vor der Zerschlagung der Tonalität. Dem Pianisten Pierre-Laurent Aimard ist die Darbietung hörbar eine Herzensangelegenheit, die Souveränität, mit der er die Partitur angeht, überträgt sich auf Ticciati und das Orchester. Nostalgie schwingt mit im eröffnenden Walzer: ehrliche, aber nicht sentimentale Sehnsucht nach dem Wien der K.-u.-k.-Zeit. Auch die theatralisch-effekthascherischen Aspekte, die in der Spätromantik zu jedem Solistenkonzert gehören, negiert Schönberg nicht. Aimard, profunder Kenner der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, weiß um stilistische Anspielungen und Querverweise, wenn er seinen vertrackt-virtuosen Part mit heiterem Ernst entfaltet, als handele es sich um ein Stück von Brahms, dem Fortschrittlichen.

Mitschnitt des Konzerts bei RBB Kulturradio am 2. Juni ab 20.04 Uhr.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben