Kultur : Das Wunder von Riga

Zum „Ring“ nach Lettland: Hier wirkte einst Wagner – hier macht jetzt der junge Dirigent Andris Nelsons Zukunftsmusik

Christine Lemke-Matwey

Da hängt es, sorgfältig faksimiliert und hinter Glas verbracht, das geheime Zusatzprotokoll zum Molotow-Ribbentrop- Pakt, das 1939 das Schicksal der drei baltischen Staaten besiegelt. Ein gilbes Din-A4-Blatt, der Schreibmaschine wie zum Fraß vorgeworfen, hie und da hackt sie Löcher ins Papier, Buchstaben überschlagen sich, ganze Wörter fehlen, werden notdürftig eingeflickt. Über 550 000 Letten, so erfährt der Besucher im Okkupationsmuseum von Riga, einem hässlichen Siebzigerjahre-Klotz zwischen Schwarzhäupterhaus und Düna, sind in den sich anschließenden Jahrzehnten der Besatzung umgekommen: ein Viertel der heutigen Bevölkerung. Die Nazis ermorden zwischen 1942 und ’44 über 40 000 Juden und „rote Revolutionäre“, den Rest erledigen im „Jahr des Grauens“ 1941 und von ’45 bis ’91 die Sowjets mit Terror und systematischen Deportationen. So wird einem Volk bei lebendigem Leib das Herz ausgerissen.

Und jetzt fröhlich ab in die Oper, zu Richard Wagner, der in Riga von 1837 – 39 schließlich einmal Musikdirektor war? Schwer vorstellbar. Apropos: Die führende Musikkritikerin des Landes soll sich über die Neuproduktion der „Walküre“ a priori ziemlich alteriert haben: Geschichten wie diese, so voller Inzest- und Mordgelüste, gehörten verboten. Ein Geschenk der späten Freiheit, dass man sich in Riga über Stücke, über Opernstoffe streiten kann, und seien diese klassisch noch so sakrosankt? Man selbst taumelt derweil aus dem Museumsdunkel zurück ins Tagesgrau, wo die Wolken übers Kopfsteinpflaster schlurfen und sich ein zerlumpter Greis neben einer schneeverdreckten Personenwaage mühsam in den Schlaf kringelt (einmal Wiegen für umgerechnet 15 Cent). Wie lange wird Wladimir Putin eigentlich noch behaupten dürfen, Estland, Lettland und Litauen seien Ende des zweiten Weltkriegs der Sowjetunion „freiwillig“ beigetreten? Wann gedenkt er, sich für all die Gräuel zu entschuldigen?

Lettland ist so groß wie Bayern und, neben Grönland, das Land mit der höchsten Selbstmordrate im neuen Europa. Um die Feuersicherheit ist es schlecht bestellt, und was an der Côte d’Azur oder in St. Moritz als Russenfaktor gilt, das besorgen hier Skandinavier, Briten und Holländer. Der Sex- und Sauftourismus boomt, längst ist Riga als „Bangkok des Nordens“ unter Billigfliegern kein Geheimtipp mehr, und dass Aids dabei eine Rolle spielen könnte, beschäftigt das staatliche Gesundheitswesen laut „Baltic Times“ erst seit ein paar Monaten. Immerhin patrouillieren die Mädels neuerdings nicht mehr am helllichten Tag rund um den Dom, sondern deren Zuhälter, was das Straßenbild fürs erste, nun ja, doch ein wenig ziviler macht. Gleichzeitig ist der Besuch der Hotelsauna ohne Badeanzug oder -hose nicht gestattet, und sogar die sommerlichen Strände sollen strikt nach Geschlechtern getrennt sein. Was von der realsozialistischen Moral so übrig blieb?

„So ist die Welt eben eingerichtet: Die Vögel fliegen im Himmel, doch ihre Schatten fallen auf die Erde“, schreibt die lettische Skandalautorin Dace Ruksane, 37, in ihrem gerade auf Deutsch erschienenen zweiten Roman „Warum hast du geweint“ (Ammann Verlag). Wobei der Skandal hier im Mut zum unverhüllten Gefühl liegt, in der poetischen Kampfansage an alles Prüde, Verstockte, lang Verstummte und Verschwiegene.

Wer für drei Tage in Lettlands Hauptstadt kommt und noch dazu, wie gesagt, Oper im Sinn hat, Kunst, Kultur, der wird auf wenig mehr treffen als auf die üblichen Klischees. Pöbelnde englische Glatzen, Schlangestehen fürs Taxi, bettelnde Mütterchen. In den historischen Markthallen glänzen Schweinehälften und Berge von sauren Gurken oder Quark, und die Milch wird aus Metallkanistern wahlweise in leere Cola-Flaschen oder Plastiktüten geschöpft. Dagegen wirkt die durchsanierte Altstadt mit ihren Edel-Confiserien, Lounges und Banken seltsam entseelt, Ruksane würde sagen, die Menschen hätten sich „in leichte Gasanzüge gekleidet und weiße Tülltüten auf die Köpfe gestülpt.“ Ein Wort der Begrüßung jedenfalls lässt hier kaum einer fallen, und hinter Einheimischen durch eine Glastür zu gehen, kann Folgen haben. Hier dreht sich keiner um. Hier schottet man sich ab, igelt sich weg, und wenn das mit der Marktwirtschaft oder der Kultur nicht so schnell geht, wie gewisse Kreise sich das doch auch wünschen, dann ist dies nur ein weiterer Beleg dafür, dass es die Welt nicht gut meint mit den Letten. Schon Richard Wagner übrigens hatte in Riga nichts Eiligeres zu tun, als Schulden anzuhäufen und einen kräftigen Neufundländer namens Robber zu entwenden, der ihm auf seiner abenteuerlichen Flucht nach London treue Dienste leistete.

Die Rigaer Nationaloper verfügt über 1000 Plätze, eine Auslastung von 90 Prozent, ein Budget von zehn Millionen Euro (vier vom Staat, der Rest von Sponsoren), 600 Festangestellte, einen Ex- Filmstar, Andrejs Zagars, als Intendanten und einen genialischen Chefdirigenten: Andris Nelsons, 28. Mit Wagner hat man hier traditionell wenig am Hut. Der klassizistische Bau wurde 1863 errichtet, ein Vierteljahrhundert nach dem Intermezzo des Meisters also, im aktuellen Repertoire findet sich lediglich der „Fliegende Holländer“, und eine „Walküre“ aus Platzgründen mit zehn ersten Geigen spielen zu müssen, das hat neben gewissen sportlichen auch einige künstlerische Implikationen. Nelsons mag im Graben die herrlichsten Pirouetten seit Carlos Kleiber drehen, mit feenlangen Armen Siegmund (Jirki Antila), Sieglinde (taufrisch: Elisabet Strid) und die wilde weite Welt liebkosen, mal den Derwisch geben, mal, bei Fricka (überlegt: Martina Dike), mit leisem Schulterzucken den Torero: Es will einfach nicht klingen. Wenig Obertöne, kein Bauch. Und doch gehört dieser Abend am Ende musikalisch zum Erregendsten, was die Saison zu bieten hat, landauf, landab.

Überhaupt, der „Ring“: Ein Prestigeprojekt, im vergangenen Jahr mit Stefan Herheims viel diskutiertem „Rheingold“ aus der Taufe gehoben und bewusst ans Stuttgarter Modell der vier Regisseure angelehnt. Riga nämlich (im Gegensatz zu den Opernhäusern von Tallinn und Vilnius) drängt es heftig zum fortschrittlichen Musiktheater hin. Mit Viesturs Kairiss einen profilierten, opernerfahrenen Filmemacher für die „Walküre“ zu verpflichten und mit Ilmars Blumbergs Lettlands berühmtesten bildenden Künstler, scheint da nur konsequent. Vielleicht ist ihr Konzept, die großen Zweierszenen in einem Amphitheater respektive Fußballstadion spielen zu lassen, nicht wirklich glücklich und schlüssig gewählt; die feine Personenregie aber entschädigt. Und wer hätte nicht gar den großen Chéreau vor Augen, wenn Olga Sergeyevas kernige Brünnhilde und Jürgen Linns leider leicht indisponierter, viriler Wotan zum bösen Schluss auf zwei windschiefen Hockerchen nebeneinander sitzen?

Wie enthusiastisch das Publikum übers Fortschrittliche denkt, ist schwer zu beurteilen. Die allgemeine Verhaltenheit, wie gesagt, scheint mentalitätsbedingt, und so dürfte Andris Nelsons, selber gebürtiger Lette, es dem Saal kaum übel nehmen, wenn dieser ihn zum Ersten Tag des Wagnerschen Bühnenfestspiels spröde nur willkommen heißt. Selbst nach Wotans Abschied und einem Feuerzauber, wie man ihn funkelnder, kälter, eisregenbogenfarbener kaum je gehört hat, halten sich Stolz und Begeisterung in Grenzen – und noch das rhythmische Klatschen, in das der Schlussapplaus bald mündet, kommt wie auf Zahnstochern daher. Am deutlichsten aber offenbart der Premierenempfang, wie es ums lettische Gefühlsleben bestellt ist. Kaum hält man sich selbst, von der Unverbrauchtheit des Bühnengeschehens tief berührt, an seinem ersten Glas Riga- Champagner fest, wird in der Studiobühne die Tonanlage aufgedreht. Von Richard Clayderman bis zum Triumphmarsch aus „Aida“: Jede Musik scheint hier besser als keine Musik. Jeder Lärm erträglicher als das innere Geläut’, der Nachhall des Erlebten. Oder meint man im Jahr 16 der Unabhängigkeit vielleicht nur, dass solche Seelenausputzereien sich westlich ziemen?

Ja, brummelt Andris Nelsons. ja, und wischt sich verlegen die Stirn, seine Zeit in Riga gehe zu Ende. Internationale Angebote. München, Oslo, Stockholm, ja, vielleicht, ja, auch wieder Berlin. Und Schweigen. Und ein hinreißender Blick aus baltischblauen Augen. Zu erzählen, ja, hätte er sonst eigentlich nichts. Wieder Schweigen. Und ein Lächeln. Er sei immer nur „full of music“.

Es ist das Vorrecht der Jugend, sich auf manche Details gerade in dieser Partitur inbrünstig zu stürzen, es an tektonischem Gardemaß sonst fehlen zu lassen. Nichtsdestotrotz bringt Nelsons hier zwei unerhörte Kunststücke fertig. Zum einen sorgt er dafür, dass ein kleines Orchester nicht lauter spielt, als es darf, um größer zu wirken, als es ist. Und zum anderen weiß er das musikalische Drama derart zu steigern, ja in geistiger Freude und Helle zu sieden, dass man spätestens beim Walkürenritt vergessen hat, wo man sich befindet: nicht etwa in Bayreuth, sondern im fernen nahen Riga. Riga, wo ein knittriges Schild im Antiquariat in der Richard-Wagner-Straße, unweit des Richard-Wagner-Saals verheißt: „Man spricht deutsch“. Und das tut das ältliche Männlein drinnen denn auch. In jenem baltischen Singsang, den im Westen allenfalls ein paar Vertriebenenkinder noch sprechen und der den politischen Zeitläuften zum Opfer fiel.

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