DDR-Kunst im Albertinum Dresden : Auferstanden

Das Albertinum Dresden holt die ostdeutsche Kunst aus dem Depot. Die Werke aus der DDR sind persönliche Erinnerungsspeicher, aufgeladen mit Identifikation.

Linda Buchholz
„Peter im Tierpark“ von Harald Hakenbeck.
„Peter im Tierpark“ von Harald Hakenbeck.Foto: Albertinum/Elke Estel

„Wir müssen reden!“, findet das Albertinum Dresden. 150 Werke der ostdeutschen Malerei und Plastik hat Chefin Hilke Wagner aus dem Depot wieder ans Licht geholt. Dass viele der Kapitalstücke aus DDR-Zeiten in den vergangenen Jahren stillschweigend beiseite geräumt worden waren, hatte zuletzt heftigen Protest entfacht. Jetzt steht die heiße Ware erneut zur Debatte. Auch Künstler wie Hartwig Ebersbach melden sich bei Galeriegesprächen zu Wort. Ist die Zeit endlich reif für eine entkrampfte, differenzierte Begegnung mit der Kunst des verschwundenen Landes DDR? Für viele Besucher sind Werke wie der pausbäckige „Peter im Tierpark“ mit seiner blauen Jacke nicht einfach ein Stück Malerei, sei sie gut oder schlecht, und auch nicht bloß Dokumente sozialistischer Kunstpolitik. Es sind persönliche Erinnerungsspeicher, mit Identifikation aufgeladen. Der Junge mit den Kulleraugen gehörte, seit das Bild 1962 erstmals ausgestellt wurde, zu den absoluten Publikumslieblingen. Das Blau leuchtet optimistisch wie einst. Und sonst? Das Gespräch ist eröffnet.

Seit 1952 sitzt das „Hausfriedenskomitee“ von Rudolf Bergander unbeirrbar ins Denken und Diskutieren vertieft. Wie auf einer Bühne hat der langjährige Dresdener Akademiedirektor seine Akteure gruppiert: Das wirkt glaubwürdig, aber trotzdem gespielt. Als Programmbild für die Abteilung „sozialistischer Gegenwartskunst“ wurde das Gemälde 1960 mithilfe des DDR-Kulturfonds erworben. Wie die Institutionen im Staat beim Aufbau der Albertinumssammlung zusammenwirkten, zeigt die chronologisch nach Ankaufsjahren gehängte Schau ebenfalls.

Helden aus dem Schlamm der Geschichte

Es beginnt Grau in Grau und blutig Rot: Bevor 1949 der sozialistische Realismus ausgerufen wurde, verarbeiteten die Maler den Kriegsschrecken in expressiver Symbolik. Hans Lachnit setzt eine verzweifelte Mutter in eine halbabstrakte Trümmerlandschaft. Als formalistisch beargwöhnt, rückte das Bild erst mit Verspätung 1957 in die Sammlung ein. Ähnlich erging es Hans Grundig. Mit echtem Blattgold überzog er den kahlen Boden eines KZ-Lagers, auf dem starr und kantig verkrampft die „Opfer des Faschismus“ liegen. Dieses Meisterwerk hat zeitlose Gültigkeit. Aber gilt das auch für Willi Sittes monumentales Soldatentriptychon „Die Überlebenden“ von 1963, das vis-á-vis hängt? Der spätere Chef des mächtigen DDR-Künstlerverbands ließ sich von Guernica und Grosz beeinflussen, formt aber ideologiekonforme Helden aus dem Schlamm der Geschichte.

Werner Tübkes winziges „Requiem“ dagegen bemüht die manieristische Feinpinselei alter Meister, um die Zeit stillzustellen und der Gegenwart zu entschlüpfen. Eine Zimmerbrigade malt er wie eine Sacra Conversazione der Renaissance. Dass Tübkes detailverliebten Gemälde nie eindeutig zu enträtseln waren, machte ihn anfangs umstritten. Eine ideologisch wasserfeste Botschaft lieferten auch die anderen Stars der Leipziger Malerschule nicht. Johlend und stampfend rollt Wolfgang Mattheuers übermütiger Sisyphos seinen Stein bergab in den Abgrund, statt ihn bergan zu wuchten. Den ungewöhnlich hohen Preis des Künstlers akzeptierten die Offiziellen trotzdem. Frei von subversiven Doppelbödigkeiten hingegen blicken einem die sozialistische Persönlichkeiten entgegen: der schachspielende Arbeiter, die sportlich radelnde Familie, die selbstbewusste Traktoristin.

Peng! Atompilze schießen in den Himmel

Viel Dresdener Malerei ist zu sehen, angefangen von den Altmeistern Rosenhauer und Hegenbarth, viel unverfängliche Landschaft auch. Sie bot den Malern experimentellen Spielraum. Gerda Lepke etwa tupft einen Braunkohlen-Tagebau als flirrendes Farbfleckengewirr bis an die Grenze zur abstrakten Gestik.

Peng! Atompilze schießen in den grellorangen Himmel. „Die freie Welt des Imperialismus“ türmt sich auf einer Riesenleinwand im Comicstil auf, gespickt mit der Kapitalkraft von Shell, Ford und AEG. Die Aktienkurse schnellen per Weltraumrakete in die Höhe, während die aufständischen Massen ameisengleich die Festung stürmen. Das kuriose Propaganda-Wimmelbild, 1958 datiert, stammt von Oscar Nerlinger, den man als Avantgardisten der Zwanzigerjahre kennt.

Still und laut, penibel gepinselt oder wuchtig hingestrichen, vom Bitterfelder Weg bis zu den kulturpolitischen Lockerungen der Spätphase: die Ostkunst des Albertinums lohnt einen zweiten Blick, bevor sie womöglich wieder ins Depot entschwindet. Indessen wächst die Sammlung weiter. Ihre Wunschkandidaten für künftige Ankäufe breitet die seit 2014 amtierende Direktorin im letzten Raum aus. Hier hängt ein ganz früher A.R. Penck, gemalt 1958. Zwei Leute hocken da ernst und bleischwer am Tisch. (Im sozialistischen Kunstbetrieb fand Penck auch später mit seinen Strichfiguren keinen Platz. Er gehört zu den verlorenen Söhnen Dresdens, die der Westen adoptierte.) In einem anrührenden Dok-Film sieht man den jungen Maler 1961 im Kreis seiner Künstlerfreunde beim Ateliergespräch rauchen und mit dem LKW herumkurven, Jazz auf der Tonspur. Dann erklärt der Kommentator aus dem Off: „Sie wollen keine großen Künstler sein. Sie wollen sein, was sie sind. Drei von vielen.“ Gedreht hat den Streifen Jürgen Böttcher, der sich als Maler Strawalde nannte. Sein Film wurde verboten.

Die Ausstellung Ostdeutsche Malerei und Skulptur 1949-1990. ist noch bis zum 7. Januar 2019 im Dresnder Albertinum zu sehen. Eintritt 10 Euro, ermäßigt 7,50 Euro. Mehr Infos finden Sie hier.

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