Der Maler Eugen Schönebeck : Für immer Schluss

Die Galerie Judin zeigt das Frühwerk von Eugen Schönebeck – jenes Malers, der mit Georg Baselitz ein wütendes Manifest schrieb und dann verstummte

Dorothea Zwirner
Schönebecks „Bauerndiele“ von 1954, eine Gouache auf Papier (29,4 x 42,1 cm).
Schönebecks „Bauerndiele“ von 1954, eine Gouache auf Papier (29,4 x 42,1 cm).Foto: Galerie Judin / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

„Die Spaltung Berlins 1948“ – so titelt der Zeitungsartikel von 1957, auf dem Eugen Schönebeck eine seiner frühen Zeichnungen hinterlassen hat. Die Spaltung, die der Historiker Hans Herzfeld anlässlich des zehnten Jahrestages der Beendigung der Blockade gegen West-Berlin beschrieb, zieht sich auch durch Leben und Werk von Schönebeck. Es ist die gesellschaftliche, künstlerische und politische Spaltung zwischen Ost und West, Figuration und Abstraktion, Sozialismus und Kapitalismus, um die der Künstler in seinem zeichnerischen Frühwerk gerungen hat. Die meisten dieser frühen Blätter aus den Jahren 1955 bis 1962 sind nun erstmalig in der Berliner Galerie Judin in einer musealen Präsentation zu sehen.

Frühe Bilder im Geist des Arbeiter- und Bauernstaats

Von didaktischen Wandtexten begleitet und nach stilistischen Werkgruppen und kunsthistorischen Einflüssen wie eine Meistererzählung chronologisch geordnet hängen im ersten Raum die Studienarbeiten der Zeit ab 1955 bis 1957. Noch früher datieren die Grafitzeichnungen von Pillnitz, einer Elb- und Parklandschaft, welche ebenso die sächsische Herkunft wie die zeichnerische Begabung des jungen Eugen Schönebeck belegen. Der 1936 bei Dresden Geborene begann zunächst eine Ausbildung als Dekorationsmaler. Mit „Note 1“ ist sein Entwurf für eine Bauernstube ausgezeichnet, der noch ganz im Geiste des jungen Arbeiter- und Bauernstaats steht.

Von Dresden wechselte Schönebeck zur Fachhochschule für dekorative Malerei nach Ost-Berlin, um dann 1955 ein Studium der freien Kunst an der Hochschule für Bildende Kunst in West-Berlin aufzunehmen – just in dem Jahr, als der Streit um den Vorrang von Figuration und Abstraktion zwischen dem Direktor der Hochschule Karl Hofer und dem Kunstkritiker Will Grohmann Schlagzeilen machte. In diesem Spannungsfeld entstanden sowohl abstrakte Großformate, die sich an den Scheibenbildern des abstrakten Malers Ernst Wilhelm Nay abzuarbeiten scheinen, als auch Porträtstudien, die im Stile Horst Strempels bereits auf Schönebecks große Porträtzeichnungen kommunistischer Führer vorausweisen. Bei seinem Professor Hans Jaenisch stand jedoch die Lern- und Lehrbarkeit der Abstraktion auf dem Programm, die in der kubistischen Aufsplitterung einer Figur über eine dreiteilige Zeichnungsfolge vorgeführt wird.

Das Hässliche, Obszöne als Thema der Malerei

Der „entpersonalisierten“ Landschaft, die sich daraus ab 1957 unter verschiedenen Einflüssen in weitgehend abstrakten Schwarz-Weiß-Topografien entfaltet, ist der zweite Raum gewidmet. Die Tuschzeichnung „Der Baum“ von 1957, in der sich aus einem Gewirr von kurzen Pinselhieben um einige zentrale Vertikalstriche ein Stamm mit Krone herauslesen lässt, ist ein Paradebeispiel für die impressionistische Auflösung der gegenständlichen Form. Prägend dafür waren die späten Rohrfederzeichnungen von Vincent van Gogh, von denen Schönebeck einen Bildband erworben hatte. Weitere Vorbilder werden mit Jean Dubuffet und Henri Michaux in den schwer lesbaren „Briefen“ benannt, die an das automatische Schreiben der Surrealisten erinnern und die Schrift als Gestaltungselement der Pandämonischen Manifeste vorwegnehmen.

Das abstrakte Schriftzeichen steht auch im Zentrum der kalligrafischen Experimente 1959/60, die in einer Fülle von kleinen Formaten und skizzenhaften Zetteln sowohl vom französischen Informel und Tachismus als auch von der traditionellen ostasiatischen Tuschmalerei beeinflusst sind. Ab 1960 tauchen dann die ersten Zeichnungen mit den charakteristischen Linienknäulen auf, aus denen sich figurative Elemente wie Köpfe, Kreuze und Extremitäten herauswinden. Sie lassen bereits die beiden Pandämonische Manifeste von 1961/62 erahnen, mit denen Schönebeck im Verbund mit seinem Kommilitonen Georg Baselitz gegen das vorherrschende Diktat der Abstraktion aufbegehrte. Mit ihrer wütenden Streitschrift, in der die Textspalten von gezeichneten Schädelbergen und Gliedmaßen geradezu bedrängt und überwuchert werden, erklärten beide Künstler das Hässliche, Obszöne und Blasphemische zu den wichtigsten Themen einer neuen figurativen Malerei.

1967 kehrte er dem Kunstmarkt den Rücken

Einen Ausblick auf diese zentrale Werkphase, mit der das eigentliche Hauptwerk beginnt, bietet eine kleine Auswahl von Zeichnungen im oberen Geschoss der Galerie Judin. Aus der nervösen Tuschfeder bricht das Verdrängte, Gequälte und Absurde der menschlichen Kreatur wie bei einem Gärungsprozess hervor und formiert sich zu einem Pandämonium, das Eugen Schönebeck zum Mitbegründer der Neuen Figuration in Deutschland machte.

In dieser Rolle wurde der heute 83-Jährige zum Mythos, weil er trotz erster Erfolge dem kommerziellen Kunstmarkt den Rücken kehrte und bereits 1967 für immer aufhörte zu malen. Knapp 60 Gemälde sind in diesen zehn Jahren ab 1957 entstanden, die seit der großen Frankfurter Übersichtsschau 2011 in der Schirn Kunsthalle gründlich bearbeitet und dokumentiert sind. Weniger bekannt sind hingegen die über 1000 Zeichnungen, von denen 2012 zum ersten Mal eine Auswahl in der Galerie Judin gezeigt und von einer exquisiten Publikation begleitet wurde. Im kommenden Frühjahr erscheint nun der erste Band des Werkverzeichnisses zum zeichnerischen Frühwerk, das den Prolog einer Meistererzählung bildet. In der Ausstellung selbst sind nahezu alle Arbeiten verkäuflich, die Preise bewegen sich zwischen 1500 und 35.000 Euro.

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Galerie Judin, Potsdamer Str. 83; bis 21. Dezember, Di–Sa 11–18 Uhr

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