Die Auswahl zum 56. Theatertreffen : Triumph der Maschinen

Die Auswahl zum 56. Berliner Theatertreffen steht: Viele Inszenierungen setzen auf Multimedia – und die Berliner Freie Szene ist dieses Mal gleich doppelt vertreten.

Szene aus "Das große Heft" vom Staatsschauspiel Dresden.
Szene aus "Das große Heft" vom Staatsschauspiel Dresden.Foto: Sebastian Hoppe

Ein Besuch in der Nebelmaschinenfabrik, ein zehnstündiges Antiken-Event mit Verköstigungsangebot, der epileptische Krampf als Spielmethode, eine Gothic- Geisterbahn und ein sexbesessener Schweine-Guru namens „Tüffi“ – das sind nur ein paar der Trouvaillen, mit denen vom 3. bis 19. Mai das 56. Berliner Theatertreffen bestückt sein wird. Wie immer hat sich eine siebenköpfige Kritikerjury auf Rundreise durch den deutschsprachigen Bühnenraum begeben, hat rekordverdächtige 418 Inszenierungen in 65 Städten gesichtet und zehn davon ausgewählt, die unter dem angenehm interpretationsweiten Begriff „bemerkenswert“ zusammengespannt werden können.

Klar versucht der professionell deformierte Blick sofort, in diesem Grüppchen der Jahrgangs-Besten die notorischen „Trends und Tendenzen“ auszumachen. Was wirklich schwerfällt. Der Leiterin des Theatertreffens, Yvonne Büdenhölzer, ist aufgefallen, dass das Theater „als sozialer Ort“ wiederentdeckt wird und „wirkmächtige multimediale Gesamtkunstwerke“ zum Staunen einladen. Stimmt sicher. Hier noch eine andere Tendenz: Donald Trump tritt diesmal in keiner Inszenierung auf. Gute Nachrichten!

In der freundschaftlichen Konkurrenzatmosphäre der Theaterlandschaft wird ja geschaut, welche Städte und Häuser wie stark vertreten sind. Da sieht’s nicht schlecht aus für Berlin. Das Deutsche Theater darf sich über die Einladung von Anna Bergmanns Inszenierung „Persona“ nach Ingmar Bergmann freuen, die mit Corinna Harfouch und Karin Lithman vor allem zwei ausgezeichnete Protagonistinnen am Start hat. Die Arbeit ist eine Koproduktion mit dem Malmö Stadsteater, was gleich mal einen weiteren Trend markiert: Vernetzung!

Zwei Stücke kann man im der Berliner Freien Szene zurechnen

Im breit gefächerten Produktionshäuserverbund sind jedenfalls auch zwei Stücke entstanden, die man aus Lokalpatriotismus der freien Szene Berlins zurechnen sollte, die wieder zu Theatertreffen-Ehren kommt. Erstens die Performance „Oratorium“ der am HAU angedockten Gruppe She She Pop, die auch den „Berliner Theaterpreis 2019“ erhält. Das Kollektiv verhandelt unter anderem die Frage, ob man sich für den Besitz einer Eigentumswohnung schämen muss, das Publikum darf chorisch mitsprechen. Zweitens kommt mit Thorsten Lensings David-Foster-Wallace-Bearbeitung „Unendlicher Spaß“ eine Schauspieler-Sause (Jasna Fritzi Bauer, Sebastian Blomberg, André Jung), an der die Sophiensäle maßgeblich beteiligt sind. Viereinhalb Stunden lang, aber lohnend.

Regisseur Christopher Rüping überbietet das locker mit seinem zehnstündigen Antiken-Event „Dionysos Stadt“ (Münchner Kammerspiele). Hier geht’s tief in die Menschheitsgeschichte, mit Fokus auf der Prometheus-Sage. Man hat ja Zeit, sich kennenzulernen. Es ist bereits Rüpings dritte Einladung zum Theatertreffen, wo er lauter andere Dauergäste wiedersehen wird. Simon Stone, Spezialist für die gute alte Klassikerüberschreibung, kommt mit „Hotel Strindberg“, einer Koproduktion von Burgtheater Wien und Theater Basel. Ersan Mondtag, Horrorfilmregisseur unter den Theatermachern, ist mit seiner Dortmunder Arbeit „Das Internat“ vertreten, angepriesen als „Gothic-Geisterbahn“, durch die „dressierte und uniformierte Zöglinge schleichen“.

Das Schwein Tüffi tritt mit Grunzgeräuschen auf

Von da ist es kein weiter Weg zur Kunst des Maschinenbauers Ulrich Rasche, der nach den „Räubern“ auf Rädern und einem Brummkreisel-„Woyzeck“ nun Ágota Kristófs Roman „Das große Heft“ auf gewaltigen Drehscheiben spielen lässt. Es die Geschichte einer Verrohung aus Weltkriegszeiten, zur Premiere gebracht am Staatsschauspiel Dresden, das gleich noch mal jubeln darf: Auch Sebastian Hartmanns Dostojewski-Inszenierung „Erniedrigte und Beleidigte“ ist eingeladen worden. Die etabliert, wie auf der Verkündigungs-Pressekonferenz zu erfahren war, „den epileptischen Krampf als Spielmethode“. Was wohl mit der Biografie des gebeutelten Autors zu tun hat. Regisseur Thom Luz schließlich komplettiert den Zirkel der Theatertreffen-Trophäensammler. Der Schweizer, in dessen Arbeiten es gern wolkig-ätherisch zugeht, findet zum Kern seiner Beschäftigung und lässt das Stück „Girl from The Fog Machine Factory“, genau, in einer Nebelmaschinen-Fabrik spielen.

Bleibt der mutmaßliche Höhepunkt: „Tartuffe oder das Schwein der Weisen“! Eine Molière-Neudichtung des Musikers und Dramatikers Peter Licht (vor Zeiten am Gorki schon mit „Der Geizige“ positiv aufgefallen), der, wie die Jury verriet, über „die Penisgeneigtheit des Kapitals“ philosophieren und seine notgeile Hauptfigur „Tüffi“ nebst Grunzgeräusch-Verstärkung als Schwein auftreten lässt. Was soll man sagen? Bemerkenswert!

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