Die guten Vorsätze, alle Jahreswechsel wieder : Die Droge Mitmensch

Zu Silvester haben gute Vorsätze wieder Hochkonjunktur. Aber welche Chancen haben wir bei der Selbstmodellierung? Ein Neurowissenschaftler gibt Auskunft.

Joachim Bauer
Ich und mein innerer Schweinehund. Renee Zellweger als „Bridget Jones“ unzufrieden am Neujahrsmorgen.
Ich und mein innerer Schweinehund. Renee Zellweger als „Bridget Jones“ unzufrieden am Neujahrsmorgen.Foto: mauritius images / United Archiv

Dass der Mensch zu allem fähig, „ein Werk von unbestimmter Gestalt“ sei, wurde von keinem so prägnant formuliert wie von Giovanni Pico della Mirandola (1463–1494), dem Philosophen der italienischen Renaissance. Angezweifelt werden darf allerdings, ob die Möglichkeiten menschlicher Freiheit so weit reichen, wie Pico meinte. Denn er sah den Menschen als „frei entscheidenden, schöpferischen Bildhauer“, der „sich selbst zu der Gestalt ausformt, die er bevorzugt“.

Picos optimistischer Enthusiasmus scheint heute keineswegs erloschen. Andernfalls würden sich nicht Millionen Menschen, vorzugsweise zu Beginn eines jeden neuen Jahres, an der bildhauerischen Herausforderung der Selbstmodellierung versuchen. Richtig ist einerseits, dass unsere Spezies die vermutlich einzige ist, die sich Gedanken über die eigene Zukunft machen, weit vorausplanen und sich an etwas versuchen kann, was sich – in Anlehnung an Pico – als Selbstkonstruktion bezeichnen lässt. Andrerseits kann sich der Mensch aber nicht selbst neu erfinden.

Menschen sind durch ihre Biologie und durch soziale sowie kulturelle Prägungen geerdete Wesen. Ist es also vergebliche Liebesmüh’, wenn viele sich vornehmen, sich gesünder zu ernähren, sich mehr zu bewegen, weniger Zeit an digitalen Endgeräten zu vertun, sich umweltbewusster zu verhalten und freundlicher zu Ihresgleichen zu sein?

Eine entscheidende Rolle, wenn es um die Fähigkeit zur Selbstkontrolle und Selbststeuerung geht, spielt das Stirnhirn. Hier sind unsere grundlegenden inneren Einstellungen zur eigenen Lebensführung abgespeichert. Die Inhalte in den hier befindlichen neuronalen Selbst-Netzwerken sind nicht in Stein gemeißelt, sondern unterliegen einer Entwicklung vom ersten bis zum letzten Lebenstag.

Die Selbst-Netzwerke reagieren vor allem auf das, was signifikante andere Menschen uns sagen. Daher unterliegt die Erfolgsquote gefasster guter Vorsätze sozialen Einflussfaktoren.

46 Prozent der Deutschen befürworten einen Laissez-faire-Lebensstil

Ob unser Stirnhirn eher vorausschauend-selbstfürsorgliche, sogenannte „eudaimonische“ oder eher am Genuss des Augenblicks, konsumorientierte, „hedonische“ Einstellungen beheimatet, ist von biologischem und medizinischem Belang. Die US-Kollegen Barbara Fredrickson und Steve Cole fanden, dass bei Menschen mit hedonischer Grundeinstellung Gene aktiviert sind, die das Risiko einer späteren Herz-, Krebs- oder Demenzerkrankung erhöhen. Meine Arbeitsgruppe ist der Frage nachgegangen, in welchem Umfang eudaimonische Einstellungen in der deutschen Bevölkerung vertreten sind.

Von über 2 500 repräsentativ Befragten waren nur 54% der Meinung, dass man sich bemühen sollte, das eigene Leben nach Grundsätzen auszurichten. Bei jungen Erwachsenen ist der Anteil nur 33%, nimmt mit dem Alter aber linear zu und liegt bei den über 60-Jährigen bei 62%. Insgesamt befürworten erstaunliche 46% aller Deutschen einen Laissez-faire-Lebensstil. Wer ein bestimmten Grundsätzen folgendes Leben befürwortet, dem gelingt es, im Vergleich zu den eher locker eingestellten Zeitgenossen, nach eigener Auskunft signifikant besser (64% versus 42%), Versuchungen zu widerstehen, die einen daran hindern, so zu leben, wie man es eigentlich für richtig halten würde.

Na, welche guten Vorsätze haben Sie diesmal? Wie schnell verpuffen sie wieder?
Na, welche guten Vorsätze haben Sie diesmal? Wie schnell verpuffen sie wieder?Foto: dpa/Ralf Hirschberger

Viel sinnvoller, als sich am Anfang eines Jahres irgendwelche – womöglich viel zu hoch gesteckte – Einzelziele zu setzen, wäre es daher, innezuhalten und die eigene grundsätzliche Haltung dem eigenen Leben gegenüber zu klären. Wer sich selbst nicht die fürsorgliche – eudaimonische – Haltung entgegenbringen kann, wie man sie einem uns anvertrauten Kind entgegenbringen würde, der sollte sich besser erst gar nicht die Mühe machen, irgendwelche Vorsätze zu fassen.

An erster Stelle steht als Hinderungsgrund für die Selbstverbesserung: das Fernsehen

Nur wer in sich den inneren Punkt findet, an dem er oder sie die starke Motivation spürt, langfristig gut für sich zu sorgen, wird die Kraft aufbringen, derer es bedarf, eine den eigenen Lebensstil betreffende Veränderungsmaßnahme konsequent durchzuziehen. An Distraktoren, die sich dem Vorhaben, eigene Vorsätze einzuhalten, entgegenstellen, nannten die von uns repräsentativ befragten Männer das Fernsehen (61%), den Wunsch mehr zu essen (51%), spezifisch die Lust auf Süßigkeiten (48%), den Griff zum Smartphone (42%), den Konsum von Alkohol (40%), den Wunsch sich ins Internet einzuloggen (38%), und das Rauchen (34%).

Bei Frauen folgten nach dem Fernsehen (65%) Süßigkeiten (64%), das Essen allgemein (59%), das Smartphone (44%), das Internet (33%), das Rauchen (28%) und der Alkohol (24%).

Eine herausragende Rolle für die Fähigkeit des Menschen zu Disziplin und Selbstkontrolle spielt unser soziales Umfeld, einfacher ausgedrückt: andere Menschen. Was Andere uns sagen, hat unmittelbare, mit den heute verfügbaren Methoden der funktionellen Magnetresonanztomografie direkt beobachtbare Ausschläge der Selbst-Netzwerke zur Folge. Die starke Wirkung der Droge Mitmensch kann segensreiche, aber auch ungute Folgen haben. Studien an Paaren zeigen, dass von einer gesunden, selbstfürsorglichen Lebensweise eines Partners immer auch der andere Partner profitiert.

Alleine schaffst du es nie

Wer keinen eudaimonisch aufgestellten Partner an der Seite hat, lebt ungesünder. Die Potenz der Droge Mitmensch wurde auch in unseren eigenen Untersuchungen deutlich, allerdings in eher problematischer Weise: 58% aller repräsentativ befragten Frauen und 53% aller Männer gaben uns die Auskunft, die Erwartungen Anderer hielten sie davon ab, nach eigenen, für richtig befundenen Regeln zu leben. Menschen, die sich um eine gesunde Lebensweise bemühen, kennen den verbalen Spießrutenlauf, dem man im Freundeskreis ausgesetzt sein kann.

Ein letzter, guten Vorsätzen abholder Faktor ist der Stress. Nicht nur die Natur befindet sich am Limit, auch viele Mensch sind in unseren Leistungsgesellschaften am Rande ihrer Belastungsfähigkeit angelangt. Roy Baumeister, einer der weltweit angesehensten Sozialpsychologen, formulierte in den 90er Jahren die Hypothese der sogenannten „Ego Depletion“, also des erschöpften Selbst. Seine Vermutung, dass praktizierte Selbstdisziplin die Wahrscheinlichkeit nachfolgender Disziplinlosigkeit erhöhe, hat sich als vermutlich falsch herausgestellt.

Das jedem Menschen bekannte Phänomen, dass wir nach einem anstrengenden Tag abends dazu neigen, gute Vorsätze – zum Beispiel das Essen oder den TV-Konsum betreffend – fahren zu lassen, beruht nicht auf erschöpfter Selbstdisziplin, sondern auf Erschöpfung als solcher und ist eine Folge des am Tage erlebten Stresses.

Wichtig: Stress reduzieren, sich selber gut tun

Damit bleiben für Menschen, die sich um Besserung ihres Lebens bemühen, am Ende drei wichtige Empfehlungen: Überprüfe zunächst die innere Grundhaltung deinem Leben gegenüber: Bist du bereit, für dich selbst so zu sorgen, wie du für ein Kind sorgen würdest, für das du Verantwortung trägst? Wenn ja, dann umgebe dich mit Menschen, die deine Vorsätze zumindest zulassen, vielleicht sogar mittragen oder mitmachen: Sich mit einem Freund oder einer Freundin zum Joggen zu verabreden, macht es bedeutend leichter, als es alleine zu tun. Last but not least sollten wir unnötigen Druck aus unserem Leben nehmen und Stress reduzieren.

Joachim Bauer ist Arzt, Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Sachbuchautor. Er ist Gastprofessor an der International Psychoanalytic University Berlin.

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