• Die historischen Irrtümer von Peter Handke: Milošević hat den Tod von Jugoslawien maßgeblich befördert

Die historischen Irrtümer von Peter Handke : Milošević hat den Tod von Jugoslawien maßgeblich befördert

Zweierlei Gerechtigkeit: Die Aussagen von Peter Handke zu den historischen Zusammenhängen in Jugoslawiens bedürfen einiger Korrekturen.

Ludwig Steindorff
Jugoslawien darf nicht sterben: 2013 am Grab der Tito-Witwe Jovanka Broz in Belgrad
Jugoslawien darf nicht sterben: 2013 am Grab der Tito-Witwe Jovanka Broz in BelgradFoto: picture alliance / dpa

In seinen jüngsten Interviews hat Peter Handke noch einmal die Positionen zu Jugoslawien wiederholt, die er schon 1995 und in den Folgejahren immer wieder geäußert hat. Allerdings sind einige seiner Aussagen zu den historischen Zusammenhängen korrekturbedürftig.

Jugoslawien wurde nicht erst, wie Handke es im Interview mit der „Zeit“ konstatiert hat, „gegen das Hitler-Reich“ gegründet. Es ist, von den südslawischen Nationalbewegungen lange als eine Option vorgedacht, schon 1918 gegründet worden und hat, über alle Schwächen hinweg, während der Zwischenkriegszeit leidlich funktioniert. Die Staatszerschlagung fand 1941 von außen statt, durch den Angriff von NS-Deutschland.

Die Wiedererrichtung als föderativer Staat im Zuge des Sieges über die Achsenmächte beruhte auf Konzepten der bürgerlichen Opposition im Vorkriegsjugoslawien und entsprach dem Wunsch aller Alliierten. Doch folgte die neue Staats- und Gesellschaftsordnung zugleich dem sowjetischen Vorbild. Es fehlte ihr eine demokratisch begründete Legitimation. Und die bis in die späten achtziger Jahre zum Tabuthema erklärte Massengewalt seitens der Partisanen bei Kriegsende wurde zu einer schweren Hypothek, die zur Deligitimation des sozialistischen Staates entscheidend beigetragen hat.

Der Krieg begann mit dem Eingreifen der „Jugoslawischen Volksarmee“ in Slowenien

Für Handke war das Begräbnis von Slobodan Milošević auch das Begräbnis von Jugoslawien, wie er ebenfalls in der „Zeit“ sagte. Nein: Gerade Milošević hat den Tod von Jugoslawien maßgeblich befördert. Er hat, gestützt von den national mobilisierten Teilen der serbischen Gesellschaft, bereits im März 1989 den Konsens über die Verfassung Jugoslawiens mit der faktischen Aufhebung der Autonomie des Kosovo schwer beschädigt.

In diesem Zusammenhang ahnte die Zagreber Journalistin Jelena Lovr in einem Beitrag vom 1. April 1989 in der Sonntagsbeilage der Zeitung „Vjesnik“, bald werde nicht nur das Kosovo das Nordirland oder Baskenland Jugoslawiens sein, es drohe vielmehr die Libanonisierung des ganzen Staates: „Die Gefahr des Bürgerkrieges schwebt über Jugoslawien.“

Es waren Miloševund seine politischen Verbündeten, die eine Umwandlung Jugoslawiens in eine Konföderation, in einen „Bund souveräner Staaten“, Ende 1990 verhindert haben. Nur ein Jahr später hat eine ähnliche Lösung die weitgehend friedliche Auflösung der Sowjetunion möglich gemacht. Miloševhat mit seinem destruktiven Verhandlungsverhalten die schon demokratisch gewählten Führungen Sloweniens und Kroatiens in ihre Unabhängigkeitserklärungen geradezu gedrängt.

Der Krieg begann nicht mit den Unabhängigkeitserklärungen, sondern mit dem Eingreifen der „Jugoslawischen Volksarmee“ in Slowenien und der Gewalt durch serbische Freischärler in Kroatien. Letztere hielten schon im August 1990 die Hauptverkehrsverbindungen nach Dalmatien blockiert.

Es war die serbische Konfliktseite, die immer wieder an der Schraube der Eskalation der Gewalt gedreht hat

Die Anerkennung von Slowenien und Kroatien Ende Dezember 1991 durch Deutschland und Mitte Januar 1992 auch durch die EU war nicht Ursache des Kriegsbeginns. Die Anerkennung erfolgte erst nach monatelangen, ab August 1991 eskalierenden Kriegshandlungen in Kroatien mit Flucht und Vertreibung von fast 250000 Nicht-Serben aus der Krajina, den damals serbisch kontrollierten Gebieten.
Wenn man auf die Staatskrise und den Zerfall Jugoslawiens aus einer strukturgeschichtlichen Perspektive blickt, war die langsame Auflösung des Staates in Richtung Konföderation schon seit der Mitte der sechziger Jahre vorgezeichnet.

Gerade der Versuch von Milošev und seinen Anhängern ab 1989, diesen Prozess radikal umzukehren statt nach Kompromissen zu suchen, hat zum definitiven Ende des Staates Jugoslawien geführt.
Die Kette der jugoslawischen Nachfolgekriege 1991 bis 1995 begann erst, als der Staat schon faktisch zerfallen war.

Es war die serbische Konfliktseite, die immer wieder an der Schraube der Eskalation der Gewalt gedreht hat. Und sie hat als erste und am weitaus konsequentesten „ethnische Säuberung“ betrieben – bis hin zu den Massakern von Srebrenica.

Möglich, dass Milošević im Bosnien-Krieg selbst Getriebener von Leuten wie Radovan Karadžić war

Ob Miloševim Bosnien-Krieg ab Mitte 1993 allmählich selbst zum Getriebenen von Leuten wie Radovan Karadž und Ratko Mlad, den Führern der bosnischen Serben, geworden ist, sei dahingestellt.
Handke spricht von „orthodoxen und muslimischen Serben“, als fehlte den Muslimen eine nationale Identität.

Die Muslime in Bosnien-Herzegowina sind zum Islam übergetretene Nachfahren orthodoxer wie auch katholischer Südslawen. Seit der Ausbildung eines säkularen Nationalbewusstseins ab dem späten 19. Jahrhundert haben sich nur die wenigsten Muslime national als Kroaten oder Serben verortet.
Für die große Mehrheit der Muslime in Bosnien-Herzegowina hingegen ist die alte religiöse Abgrenzung zur neuen nationalen Abgrenzung geworden, schon 1961 auch vom Staat mit der Möglichkeit angeboten, sich als „Muslim im ethnischen Sinne“ zu deklarieren. Im Selbstverständnis als säkulare Nation bezeichnen sich die bosnisch-herzegowinischen Muslime seit den neunziger Jahren zumeist als bošnjaci, Bosniaken.

Mit der Strategie von Ausblendung und verharmlosender Wortwahl hat Handke keine „Gerechtigkeit für Serbien“ schaffen können. Bei der Suche nach Gerechtigkeit für die serbische Gesellschaft geht es weder um kollektive Schuld noch um kollektive Unschuld. Eines von beidem zu unterstellen, wäre vielmehr verweigerte Gerechtigkeit.

Jeder, gerade die politisch und militärisch Verantwortlichen, sei vielmehr an seinen eigenen Worten und Taten gemessen. Und gerade um diesem Ziel näher zu kommen, um den Opfern der Gewalt eine Stimme zu geben, hat sich die Arbeit des im Mai 1993 gegründeten Haager Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien gelohnt. (Der Autor ist Professor für die Geschichte Ost- und Südosteuropas an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.)

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