„Die schönsten Jahre eines Lebens“ : Was vom Begehren übrig bleibt

Kino-Sequel nach einem halben Jahrhundert: Claude Lelouchs „Die schönsten Jahre eines Lebens“.

Blicke, Bekenntnisse. Jean-Paul Trintignant und Anouk Aimée.
Blicke, Bekenntnisse. Jean-Paul Trintignant und Anouk Aimée.Foto: Verleih

Vor unfassbaren 55 Jahren katapultierte sich der junge Franzose Claude Lelouch mit dem Film „Ein Mann und eine Frau“ in die erste Reihe der Pariser Nouvelle-Vague-Regisseure. Gerade einmal 28 Jahre alt, verdiente er damals gutes Geld mit zahllosen selbst produzierten Minifilmen für Musikboxen.

Vom leicht ins Kitschige abdriftenden Schmelz romantisch-orchestraler, Bossa-Nova-angehauchter Filmmusik kommt er seither nicht mehr los. Das Dabadabada beispielsweise, das Francis Lai für „Ein Mann und eine Frau“ komponierte, ist zum berühmten Ohrwurm geworden, dem sich niemand entziehen kann.

Als Europa sich 1966 auf die Protestbewegungen der Epoche und den Umsturz althergebrachter Geschlechterrollen zubewegte, hielt Claude Lelouch es ähnlich wie sein Kollege François Truffaut mit modern interpretierten klassischen Liebesgeschichten. Von der Idee der großen lebenslangen Liebe wollte einer wie er, der ein Gespür für Erfolg hatte, nicht lassen.

Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimée, beide bereits große Stars des europäischen Autorenkinos, verkörperten in „Ein Mann und eine Frau“ ein Traumpaar, das die Höhen und Tiefen seiner Romanze wie im Traum durchlebte, als cineastisches Erlebnis der Blicke, Gesten, Großaufnahmen, raffinierten Spiegelungen und optischen Attraktionen.

Die Filmmusik von Francis Lai existierte bereits vor den Dreharbeiten, ihr hypnotischer Sound begleitete das Paar im absoluten Mittelpunkt, sie modulierte die feinen Regungen ihres Spiels und vermag bis heute zu faszinieren.

Ein Rennfahrer und ein Scriptgirl aus Paris, beide Mitte dreißig, begegnen sich an der herbstlichen Atlantikküste in Deauville, wo ihre gleichaltrigen Kinder Françoise und Antoine im selben Internat untergebracht sind. Jean-Louis Duroc (Jean-Louis Trintignant) fährt am Wochenende rasant in seinem Ford Mustang vor, Anne Gauthier (Anouk Aimée) kommt mit dem Zug.

Man verbringt viel Zeit zusammen am Strand, die allein lebenden Eltern verlieben sich, doch auf die leidenschaftliche Annäherung fällt ein Schatten, denn Anne kommt nicht los von der Erinnerung an ihren verstorbenen Mann, der als Stuntman beim Film einen schweren Unfall hatte.

Die Schlussszene des Films, in der Jean-Louis die entflohene Geliebte am Bahnhof in Paris in die Arme schließt, ist eines der schönsten vielversprechenden Happy Ends des Nouvelle-Vague-Kinos. Kein Wunder, dass Claude Lelouch eine Fortsetzung drehte.

Montage der Träume und Erinnerungen

Zwanzig Jahre später begegnet sich das Paar erneut, aber der Rennfahrer kann von den Frauen, die seine Karriere feiern, nicht lassen, so dass Anne, inzwischen eine Filmproduzentin, lieber bei ihrem verlässlichen Ehemann bleibt.

Im vergangenen Jahr schließlich überzeugte der inzwischen 83-jährige Regisseur seine gealterten Stars davon, die Geschichte der beiden Filme, vor allem ihre Leitmotive Emotion und Erinnerung noch einmal aufzugreifen.

Jean-Louis Trintignant, inzwischen 90 Jahre alt, und Anouk Aimée, zwei Jahre jünger und wie ihr Partner nicht mehr ganz sicher auf den Beinen, versichern sich in „Die schönsten Jahre eines Lebens“ noch einmal ihrer gemeinsamen romantischen Geschichte. In einer Montage der Träume und Erinnerungen in Form von Zitaten aus den vorherigen Filmen arrangiert Lelouch nun geschickt eine Alterskomödie, die alles aufbietet, was dieses Genre beliebt macht.

Spiel um Flucht und Entführung

Jean-Louis Trintignant bewohnt, an den Rollstuhl gefesselt, ein Altersheim der Luxusklasse, das „Beste vom Schlimmsten“, wo er sich von gemeinsamen Gedächtnistrainings fernhält, lustvoll den Vergesslichen gibt, aber komplexe Poesie von Verlaine und Vian zu zitieren weiß. Anne lebt mit Tochter und Enkelin nicht weit davon in einem Puppenstubenstädtchen in der Normandie und betreibt eine Boutique.

Die zauberhafte Begegnung der beiden, ein Fest der Blicke, kleinen Gesten und treffenden Dialoge, beginnt, weil Antoine (Antoine Sire) Anne und seine ehemalige Internatsfreundin Françoise (Souad Amidou, beide einst die Kinderdarsteller in „Ein Mann und eine Frau“) aufspürt und darum bittet, das Gedächtnis des zuweilen dement wirkenden Vaters aufzufrischen.

Was folgt, ist ein Spiel um Flucht und Entführung, anders gesagt um gemeinsame Ausflüge, auch in die Traumzitate aus der Vergangenheit. Anouk Aimée verkörpert die hellwache, sanfte, gut zuhörende Partnerin, Jean-Louis gibt den Spötter, Herausforderer und Bekenner.

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Er sei der Frau seines Lebens nicht gewachsen gewesen, lässt er Anne wissen. Claude Lelouchs Drehbuch gibt Jean-Louis immerhin die meisten und amüsantesten Zeilen – die Lust am Spielen macht ihn zu einem Alter Ego des Regisseurs.
In den Berliner Kinos Cinema Paris (auch OmU), Filmkunst 66, Filmtheater am Friedrichshain, New Yorck

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