Drama „Schwarze Milch“ : Die Wüste ist grausam und voller Gewalt

Archaische Mongolei: In ihrem zweiten Spielfilm zeigt die Münchner Regisseurin Uisenma Borchu eine Welt der Nomaden, die weder rein noch unberührt noch intakt ist.

Dunja Bialas
Die Wüste bietet Wessi (Uisenma Borchu, r.) und Ossi (Gunsmaa Tsogzol) keinen Schutz.
Die Wüste bietet Wessi (Uisenma Borchu, r.) und Ossi (Gunsmaa Tsogzol) keinen Schutz.Foto: Alpenrepublik

„Unsere Brüste werden größer. Wir werfen sie über unsere Schultern. Und aus der Brust spritzt schwarze Milch.“ Mitten in der Wüste Gobi in der tiefsten Mongolei: Ein Mann hat sich an die einsame Jurte herangepirscht, in der zwei Schwestern leben. Er habe schon lang keine Frau mehr gehabt, sagt er und setzt eine der beiden vor die Tür. 

Im Dunkeln beginnt ein Ringen um den Körper der Frau, um ihre Würde, die sie sich nicht nehmen lässt. Ihr Trick: Sie codiert die Gewalt um, sagt immer wieder „weil ich es will“, als wäre die Vergewaltigung, die sie im Dunkeln über sich ergehen lassen muss, die Erfüllung eines Beschwörungszaubers. 

Ein Aufbegehren gegen die Grausamkeit der Wüste, in der die Frauen, während sie auf die Rückkehr ihrer nomadischen Männer warten, von Eindringlingen heimgesucht werden.

Geschichte zweier getrennter Schwestern

Die „Schwarze Milch“, so der Titel des zweiten Films der Münchner Regisseurin Uisenma Borchu, ist das fantasmagorische Gegenstück zum flüssigen Gold der Nomaden, der Ziegenmilch. Die Tiere garantieren den Lebensunterhalt der Menschen; die Muttermilch ist das Symbol für die Reinheit der Frau und die ihr zugewiesene Rolle in der Gemeinschaft, die sich erst in der Mutterschaft erfüllt.

Die 1984 geborene Borchu stammt aus der Mongolei, damals noch eine sozialistische Volksrepublik, und wuchs mit ihren Eltern in einer DDR-Plattenbauwohnung auf. Jetzt lebt sie in München, und dort beginnt auch „Schwarze Milch“: mit einem jungen Paar, dessen Beziehung aus dem Tritt geraten ist. 

Franz (Franz Rogowski) will seine Freundin von der Reise zu ihrer Schwester abhalten, von der sie in der Kindheit getrennt wurde. Borchu nennt die jungen Frauen ganz archetypisch „Wessi“ und „Ossi“ (Gunsmaa Tsogzol).

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Borchu spielt „Wessi“, die mit der Kraft ihrer Worte gegen die Unterwerfung der Frau in der mongolischen Wüste rebelliert. Nicht mehr auf den Mann zu warten, sich der matriarchalen Kräfte zu besinnen; das Leben, die Liebe und auch den Sex selbst zu bestimmen. 

Die Regisseurin inszeniert einen instinkthaften Feminismus, wenn sich ihre Figur zum Missfallen der Nomaden dem älteren Terbisch (Terbisch Demberel) anschließt, der als Außenseiter am Rande der Jurtensiedlung lebt.

Borchu ist weit entfernt von einem verklärenden Gestus, mit dem zuletzt die Französin Fabienne Berthau in „Eine größere Welt“ über die Mongolei in ihrer faszinierenden Intaktheit fabulierte. In „Schwarze Milch“ ist die Welt der Nomaden, aus der Sicht der Außenseiterin, nicht rein und unberührt und schon gar nicht intakt. 

Das liegt jedoch weniger am Einbruch der vermeintlichen Zivilisation, verkörpert von „Wessi“. Der Nomadenalltag selbst ist rau, die Wüste grausam und voller Gewalt. Als ein Wolf über die Schafsherde herfällt, sind die zerfetzten Kadaver ein dokumentarisches Bild des Schreckens, dessen fiktionales Echo das Eindringen des unbekannten Mannes in die Jurte der Frauen darstellt. Der Wolf als märchenhafte Metapher für die männliche Gewalt.

Das Aufeinandertreffen der gegensätzlichen Schwestern fängt Borchu mit dem Blick einer Ethnografin ein. Das Leben in der Wüste, das Putzen der Zähne unter freiem Himmel, das Schlachten einer Ziege mit der bloßen Hand wird nie in „atemberaubenden“ Bildern von Kameramann Sven Zellner gezeigt. 

Die Nomadenrollen sind mit Laiendarstellerinnen und -darstellern besetzt. Ja, Tiere kommen zu Schaden, weil es das nomadische Leben so vorgibt – aber auch, weil ein realer Wolf eine Herde gerissen hat.

Borchu hat den Alltag in der Wüste in ihr Drehbuch eingebaut, sie will keine harmonische Natur beschwören. In der Wüste kann jeden Moment der Tod einfallen. Indem „Schwarze Milch“ die vitalen Instinkte inszeniert, zeigt sich ein archaisches und unfolkloristisches Wüstennarrativ, das den Mythos vom bösen Wolf erneuert. 
[In den Kinos Krokodil, Moviemento, Kulturbrauerei, Filmkunst 66]

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