Düsseldorf Düsterboys : Gutes Verhältnis zu den Eltern

Die Band Düsseldorf Düsterboys kommen aus Essen und fühlt sich im Ruhrpott wohl. Jetzt hat das Quartett sein Debütalbum „Nenn mich Musik“ herausgebracht.

Julia Friese
Die Düsseldorf Düsterboys können oft Gehörtes so zart intonieren als wäre es Poesie.
Die Düsseldorf Düsterboys können oft Gehörtes so zart intonieren als wäre es Poesie.Foto: Lukas Vogt

John Lennon und Paul McCartney, Corin Tucker und Carrie Brownstein. Aus großen Freundschaften können große Bands entstehen. In Essen-Frohnhausen ist aus Peter Rubel und Pedro Crescenti International Music geworden. Ihr Debüt „Die besten Jahre“ war eines der stärksten deutschsprachigen Alben des vergangenen Jahres.

Irgendwo zwischen Post-Punk à la Joy Division und Krautrock à la Neu versteht es ihre Musik, die sperrige, deutsche Sprache als Instrument zu nutzen. Zu Gesang, Gitarre, Bass setzt sie den bildenden Künstler Joel Roters an ein Schlagzeug und kündet vom abendlichen Rosengießen.

Nur anderthalb Jahre und über 60 Konzerte später haben Rubel und Crescenti wieder ein Album gemacht. Es heißt „Nenn mich Musik“. Und wieder sitzt kein Schlagzeuger am Schlagzeug, sondern mit Edis Ludwig ein großer, stiller Drone-Musiker. Dazu bedient der Jazz-Student, Pianist und Organist Fabian Neubauer sämtliche Tasten. Sie nennen sich The Düsseldorf Düsterboys, als wären sie eine gänzlich neue Band. Was sie sind, und dann auch wieder nicht.

Der größte Unterschied zwischen beiden Bands, sagt Pedro Cresccenti in einer Kreuzberger Bar, sei die Art wie sie Musik machen. International Music entstehe zu dritt im Proberaum. Die Düsterboys seien mehr das Ergebnis der Liebe zwischen ihm und Peter Rubel, der Art, wie die beiden Freunde miteinander Zeit verbrächten, in ihren Wohnungen in Essen, wo sie auf Gitarren spielen, bis sie irgendwann das Gleiche singen. „Der fährt ja wie ein Henker“ zum Beispiel. Es ist oft Gehörtes, das sie so zart intonieren, als wäre es Poesie: „Ich hol den Kaffee aus der Küche.“ und „Ich hau den Nagel in die Wand.“

Sie vermalmen die Idiome mit gezupften Gitarren und Orgeltönen zu etwas, das vom Ausbrechen aus allzu geordneten Verhältnissen künden kann: „Es sind ziemlich weite Wege von der Diele in das Gehege.“ Das aber einfach auch nichts bedeuten kann, wie: „Nur der eine Weg ist nah, von der Brust an den BH“.

Crescenti sagt, er würde gerne so leben wie die Beatniks einst. Ausschließlich für die Kunst. Aber er studiert an einer riesigen Universität aus Beton. Germanistik an der Ruhr-Uni Bochum. Zuerst hatte er sich in Berlin eingeschrieben, aber der Respekt vor der Stadt war zu groß. Die Folge: eine typische Einsamkeit, die viele Studenten im ersten Jahr heimsucht. Also zog er wieder in die Nähe seines Freundes Peter Rubel, mit dem er in Mainz aufgewachsen war. Rubel studiert Komposition an der Folkwang-Hochschule Essen.

Mit der Gitarre in die Kneipe

Als Rubel und Crescenti dann zum ersten Mal ausgingen in Essen, besuchten sie eine Kneipe. Geformt wie ein U. Der Wirt hatte einen Schnauzbart und ein rasselndes Lachen. Er haute Crescenti auf die Schulter und sagte: „Na, wo macht ihr wech?“ Und mit einem Mal war ihm im Ruhrgebiet gelungen, was ihm in Berlin in einem ganzen Jahr nicht gelang: das Ankommen im Schoß des Ortes. Sie nahmen die Gitarren mit in die Kneipe, spielten alte Volkslieder, quasi die ganze Mundorgel. „Und bei den Stammgästen ging das Licht in den Augen an“, sagt Crescenti.

[„Nenn mich Musik“ erscheint bei Staatsakt. Konzert: 12.11. Privatclub]

Wegen Erlebnissen wie diesen ist es vielleicht kein Zufall, dass auf beiden Alben – dem der Düsterboys und dem von International Musik – ein Song ist, der „Kneipe“ heißt. Er ist quasi das Portal, durch das beide Bands miteinander verbunden sind. Auf der einen Seite steht der austreibende Frühling der International Music, auf der anderen der folkig retardierende Herbst der Düsterboys. In der DC Schneider, eine Freundinnenband, chorisch mitsingt.

In einen alten Kassettenrecorder singen

Seit sie 14 Jahre sind, kennen sich Rubel und Crescenti. Rubel war früher Chorleiter, die Volkslieder haben sie auf Familienfesten schon gesungen. Crescenti sagt: Ganz wie seine Mama und seine Oma in Worms beim Abspülen. Im Grunde sind die Düsterboys eine Wiederauflage alter Volkslieder, doch die Patina ist abgewischt, obwohl sie jede Zeile durch einen alten Kassettenrecorder singen. Dem nämlich, mit dem Crescentis Vater in den Neunzigern Radiobeiträge aufnahm. Lange hing der Kassettenrecorder danach an der heimischen Badezimmertür, bis Crescenti ihn beim Auszug mitnahm.

Die Aufnahme über den Rekorder sorgt für ein warmes Rauschen. Geborgenheit. Würde man die Düsterboys abseits aller fachmännischen Termini charakterisieren, also vielleicht als Tier, welches Tier wäre die Band? Crescenti sagt, es könne es sich wohl um eine Elefantenmutter handeln.

Mutter. Das ist es wieder dieses Wort. Sie sind erwachsen. Und doch singen sie immer wieder ihre Mama an. „Mama, warum bekomm ich’s immer so, wie ich es bestellt hab“, als International Music. Und „Mama, halt mich aus, halt mich aus dem Trouble raus“, als Düsterboys. Warum? Und warum singflehen sie nie den Papa an? Cresenti sagt, Mama sängen sie gerne, einfach weil es ein so interessanter Doppel-Laut sei. Das Mehrfach-Ma, in so vielen Sprachen seien es die ersten Laute, die Menschen von sich geben.

Alltag, Rock und Ruhrgebiet

Crescentis Mutter hat früher an einem Flughafen gearbeitet. Die ganze Familie konnte so immer günstig nach Brasilien fliegen zur Familie des Vaters. Crescenti liebt brasilianische Musik. Gilberto Gil. João Gilberto. Sein größter musikalischer Einfluss aber sei sein Gitarrenlehrer gewesen. Gitarrenunterricht bekam er auf Empfehlung einer Kinderärztin.

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Er sei grobmotorisch, hieß es damals, die Saiten sollen ihm helfen. Und sie haben ihm geholfen, der Gitarrenlehrer habe ihn immer bekräftigt. „In meinem ganzen Wesen“, sagt Crescenti. Und fügt dann relativ unvermittelt an: „Festhalten kann man aber doch, dass wir alle ein sehr gutes Verhältnis zu unseren Eltern haben.“ Die Düsseldorf Düsterboys machen aus allzu harten Sachen – wie Alltag, Rock und Ruhrgebiet – ziemliche zarte Schönheit.

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