"Ein ganz gewöhnlicher Held" im Kino : Die Bibliothek als Lebensretter

Kritik an verfehlter US-Wohnungspolitik: In „Ein ganz gewöhnlicher Held“ suchen obdachlose Menschen in einer Bibliothek Schutz vor sozialer Kälte.

Anke Westphal
Herr der Bücher. Stuart Goodson (Emilio Estevez, links) kämpft für die Rechte der Obdachlosen.
Herr der Bücher. Stuart Goodson (Emilio Estevez, links) kämpft für die Rechte der Obdachlosen.Foto: Koch Films

Dass Bibliotheken mehr sind als Orte, die (analoge) Medien zur Verfügung stellen, zeigte zuletzt Frederick Wiseman mit „Ex Libris“. In seinem über dreistündigen Dokumentarfilm stellt der Regisseur die New York Public Library als Ort der Informationsfreiheit für alle vor, als sozialen Ort der Teilhabe am Wissen, aber auch an Technologie. Außerdem haben hier auch jene zwei Drittel der New Yorker Zugang zum Internet, die nicht über einen Breitbandanschluss verfügen. Die New York Public Library erscheint bei Wiseman in ihrem integrativen Wirken für die Gemeinschaft somit auch als ein Hort der Demokratie.

Auch der Schauspieler und Regisseur Emilio Estevez widmet seinen Film „Ein ganz gewöhnlicher Held“ der Institution Bibliothek als sozialem Ort, der über ihre Kernfunktionen hinausweist. Eine arktische Kältewelle in Cincinnati, Ohio, ist Auslöser einer politischen Krise. Täglich suchen – was auch schon Wiseman thematisiert – Obdachlose die größte öffentliche Bibliothek der Stadt auf, um sich zu waschen und in den beheizten Räumen Zuflucht zu finden. In Scharen warten sie auf die Öffnung der Türen: Alte, Kranke, Behinderte, Menschen am Rand der Gesellschaft. Stuart Goodson, Fachabteilungsleiter in der Bibliothek, schreitet auf dem Weg zur Arbeit ihr Spalier ab . Er kennt alle mit Namen, weiß um die persönlichen Schicksale. Dass sich eine verborgene Hybris darin offenbaren kann, gut und besser sein zu wollen, wird ihm klar, als er einem der „Homies“ Geld geben will – für Essen. „Sie sagen mir, was ich damit zu tun habe?“ entgegnet der Mann ärgerlich.

Diesen interessanten Aspekt greift Estevez, der auch das Drehbuch zu "Ein ganz gewöhnlicher Held" geschrieben hat, nicht weiter auf. Sein Film basiert zu Teilen auf einem 2007 in der „Los Angeles Times“ veröffentlichten Essay vom ehemaligen stellvertretenden Direktor der Salt Lake City Public Library. Estevez ist nicht nur Regisseur und Autor, er spielt auch die Hauptrolle. Seit einigen Jahren versucht sich der Sohn Martin Sheens, einer der lautesten Stimmen der liberalen New Hollywood-Ära, mit politischen Filmen von seiner Vergangenheit als Brat-Pack-Jungstar (Breakfast Club) zu emanzipieren. Der Ensemblefilm „Bobby“ von 2006 erzählt einerseits von der Ermordung des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Robert F. Kennedy in der Nacht zum 5. Juni 1968, andererseits handelte er von der fiebrigen Hoffnung auf eine bessere Politik in den Bush-Jahren. Auch „Ein ganz gewöhnlicher Held“, im Original treffender „The Public“ betitelt, verhandelt mit dem Thema Obdachlosigkeit ein akutes gesellschaftliches Problem, doch fehlt dem Film die Differenziertheit von „Bobby“.

Die Obdachlosen beschließen, ihre Bibliothek nicht zu verlassen

Jede Fährte, jedes Motiv wird hier ausgedeutet und -erzählt. Das beginnt schon mit Estevez’ Charakter: Dass Stuart Goodson die Abteilung für Sozialwissenschaften leitet, gewinnt sogleich symbolischen Gehalt. Zudem trägt Stuart die Narben einer schwierigen Vergangenheit, denn er war selbst mal obdachlos und wurde sogar verhaftet. Der Leiter der Bibliothek gab ihm eine zweite Chance. Zur Seite stehen ihm seine linksliberale Kollegin Myra (Jena Malone), deren politische Überzeugungen nun den Praxistest bestehen müssen, und eine so unkonventionelle wie solidarische Hausverwalterin (Taylor Schilling), die ein romantisches Interesse an Stuart hat.

Die Krise erreicht ihren Höhepunkt, als die Obdachlosen beschließen, die Bibliothek nicht mehr zu verlassen. Die städtischen Unterkünfte sind bereits wegen Überfüllung geschlossen. Bei Estevez wird dieser Akt des zivilen Ungehorsams eine existenzielle Notwehr, die die Medien in Fox-News-Manier zur „Geiselnahme“ erklären.

Das bietet nicht nur Gelegenheit, eine Reporterin (Gabrielle Union) vorzuführen, sondern verschafft auch Alec Baldwin eine Rolle als Verhandlungsführer der Polizei, der gleichzeitig nach seinem obdachlosen Sohn sucht. Dazu gesellen sich zwei Lokalpolitiker: Der eine ist am Gemeinwohl interessiert, der Staatsanwalt und Bürgermeisterkandidat Josh Davis (Christian Slater) agiert dagegen skrupellos. Estevez’ Charaktere sind durchweg typisiert. Dass die Obdachlosen fast durchweg liebenswerte Menschen sind, macht sein Anliegen, die verfehlte Wohnungs- und Sozialpolitik ins Bild zu rücken, nicht überzeugender.

Der Einspruch gegen den Umgang des Staates mit dem Problem Obdachlosigkeit ist laut: Die Kunst will Waffe sein. Vor allem aber ist sie pathetisch, wenn Goodson auf dem Höhepunkt der Krise in einem Interview aus John Steinbecks Depressionsklassiker „Früchte des Zorns“ zitiert und damit auf das literarische Erbe der Nation verweist. Estevez erzählt letztlich die Geschichte eines Einzelnen, der in der Gemeinschaft über sich hinauswächst. Hängen bleibt vor allem aber die Eindruck, dass derjenige, der im gegenwärtigen Amerika moralisch handelt, schnell mal wie ein Täter behandelt werden kann.
In 8 Berliner Kinos. OV: Cinestar Sony Center, OmU: B-Ware, Eva, Kulturbrauerei, Moviemento

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